Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 25. Februar 2019: Rucksack mit Aufschrift "somehow, somewhere, something"
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 25. Februar 2019 Auch Rucksäcke heißen "Berkeley"

Die gute Idee, Steuern "Mitgliedsbeiträge" zu nennen, hat sich auch nicht durchgesetzt. Der nächste ARD-Vorsitzende zeigt schon mal Zivilcourage (und hat einen starken Frame mit "Altersheim" im Köcher). Die ARD ist eher nicht auf "Hokuspokus" hereingefallen. Aber über den Mehrwert der Krimiflut könnte durchaus diskutiert werden. Außerdem: Facebook speichert auch Eisprungdaten. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 25. Februar 2019: Rucksack mit Aufschrift "somehow, somewhere, something"
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Die Rahmen der Vorwoche behalten ihre Gültigkeit. Einen guten Text zum Framing aus wissenschaftlicher Perspektive hat für den Spiegel (€) ein Deutscher verfasst, der sogar (wow!, s.u.) in den USA lehrt – weder in Berkeley noch in Fergus Falls, sondern in Nashville. Torben Lütjen erklärt "die zeitverzögerte Konjunktur der politisch nutzbar gemachten Neurolinguistik in Deutschland" aus US-amerikanischer Perspektive. Ihren Höhepunkt habe sie gehabt, als der Linguist George Lakoff den Demokraten vorschlug, "statt Steuern von einem 'Mitgliedsbeitrag' zu sprechen". Inzwischen sei ihre "große Zeit ..., wenn nicht alles täuscht, vorbei". Für Deutschland konstatiert Lütje "ein merkwürdiges, beiderseitiges Missverständnis":

"Die paranoide Rechte befürchtet die Gleichschaltung und beargwöhnt das 'Framing-Manual' der ARD als Bedienungsanleitung für die Umerziehung. Die liberale Mehrheitsgesellschaft glaubt, dass sie längst die Diskurshoheit verloren habe und es nun gelte zu retten, was noch zu retten ist, bevor die Sprache endgültig von rechts vergiftet werde. Beide Seiten überschätzen die Möglichkeiten der jeweils anderen Seite maßlos."

Der künftige ARD-Vorsitzende demonstriert Courage

Nach den knappen Worten des aktuellen ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm (Altpapier) hat sich ein amtierender Intendant einer ARD-Anstalt nun auch etwas ausführlicher zur Sache geäußert: Dem Handelsblatt gegenüber demonstriert Tom Buhrow vom WDR vorauseilende Zivilcourage ("Ich werde natürlich in einen dieser Workshops gehen – mir aber mit Sicherheit nie vorschreiben lassen, was ich zu sagen habe"), die umso mehr ins Gewicht fällt, da im Interview auch die noch nicht weit durchgedrungene, offiziell noch nicht bestätigte Nachricht steckt, dass der WDR-Intendant 2020 den ARD-Vorsitz übernehmen wird. Buhrow sagt auch allerhand über seine Anstalt, etwa über die Metoo-Fragen (Altpapier vom Freitag). Seine Wortwahl orientiert sich dabei tatsächlich nicht an Elisabeth Wehlings Vorschlägen, sondern etwa am Volker-Herres-Klassiker "Kitt für die ganze Gesellschaft". Und einen frischen wohl eigenen, auf Anhieb einnehmenden Frame für die Öffentlich-Rechtlichen-Debatten hat der ehemalige "Tagesthemen"-Moderator auch mitgebracht:

"Man kann doch nicht sagen: Für Altersheime gibt man kein Geld, weil man selbst nicht alt werden will".

Mehr Framing-Stoff im Schnelldurchlauf: Unentgeltlich guten Rat spendierten a) Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der Berliner FU im Deutschlandfunk ("Effektiver wäre es nach Ansicht des Wissenschaftlers von der FU Berlin gewesen, wenn der öffentlich-rechtliche Senderverbund offen und transparent erklärt hätte, wie er über sich selber nachdenke. Dann stünde jetzt nicht der Vorwurf der Manipulation im Raum") ... +++ ... sowie b) Henning Lobin, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, per Süddeutsche-Gastbeitrag ("... genauso wenig, wie sich eine gute Reportage auf Erfundenes stützen muss, sollte sich auch die sprachliche Bezeichnung komplexer Sachverhalte auf Metaphern stützen, die nur teilweise tragen"). +++ Und falls in der ARD gefürchtet worden sein sollte, dass Harald Martenstein über das Framing-Dings eine besonders lustige Kolumne schreibt: Hat er nicht getan, bloß eine für seine Verhältnisse unterdurchschnittlich lustige (Tagesspiegel). +++ Absolut ungerecht erscheint jedoch ein Vorwurf, der auch noch erhoben wurde ...

"Berkeley" steht halt für einen Lebensstil

Wir sprechen hier im Altpapier natürlich weder für den MDR Thüringen, der dankenswerterweise unser Auftraggeber ist, noch für den ganzen MDR, noch für die ARD. Dennoch formuliere ich Meinung: Die ARD ist sicher nicht auf den "ziemlichen Hokuspokus hereingefallen", wie vergangene Woche die Bild-Zeitung in Bezug auf den Sitz von Elisabeth Wehlings "Berkeley International Framing Institute" sowie in (ungewöhnlicher) Anlehnung ans Portal salonkolumnisten.com behauptete. Dahingehend, dass die ARD "vor zwei Jahren nicht die Universität von Kalifornien, Berkeley, mit mehreren Leistungen beauftragt" habe, "sondern Elisabeth Wehling vom Berkeley International Framing Institute Hamburg", äußerte sich inzwischen auch der MDR selbst in Gestalt seines Sprechers Walter Kehr (siehe außerdem den Kommentar unter diesem Altpapier).

Rasch ein Beweis für diese Meinung: Ein bei älteren Mitbürgern aller Generationen beliebter Kleidungs- und Zeugs-Hersteller nennt einige seiner Produkte ebenfalls gerne "Berkeley". Und die allermeisten Menschen, die solche Rucksäcke tragen, dürften kaum der Meinung sein, sie seien in Kalifornien (statt Bangladesh oder so) hergestellt worden. Kleidung und anderes Zeugs, auf die bzw. das als Ornament irgendein kosmopolitisch anmutender, also englischsprachiger Bullshit appliziert wurde, verkauft sich halt besser. Alle wissen, dass der Aufdruck allenfalls einen Lebensstil symbolisieren soll, dem man folgt oder gerne folgen würde, doch in keinerlei Praxis irgendetwas zu bedeuten hat. Womöglich verhält sich das bei Gutachten genauso wie bei Kleidung und Accessoires.

Es ließe sich noch erwähnen, dass "Jack Wolfskin" ein im Taunus ansässiges und im Prinzip deutsches Unternehmen ist, allerdings schon seit Jahren an immer neue, meist US-amerikanische Finanzinvestoren weiterverkauft wird, die das Hamburger Berkeley-Institute womöglich (und wenn, dann zurecht) "Heuschrecken" nennen würde. Doch das würde auf völlig andere Fährten führen und nicht in eine Medienkolumne gehören ... – außer, es gelänge rasch herauszuarbeiten, dass das einzige, ähm, Asset des Unternehmens die ursprüngliche taz-Tazze ist, die es sich einst geschickt zu eigen gemacht hatte.

Medien und ihr "Mehrwert": schon wieder neue Denkanstöße

Eigentlich alle Medien bezeichnen sich selbst in ihrer Gesamtheit gern als vierte Gewalt. Heißt: Die "profitwirtschaftlichen" (Elisabeth Wehling) Medien erfüllen ebenfalls gesellschaftliche Aufgaben auch jenseits der Unterhaltung. Sie

"sind ebenfalls dem Gemeinwohl verpflichtet, haben jedoch eine abgeschwächte Verantwortung, da sie dem freien Markt unterworfen sind",

steht in einem Tagesspiegel-Gastbeitrag des bayerischen Medienwächters Siegfried Schneider, um den es im nächsten Absatz gehen wird. So krass gezeigt, dass sie für auf dem freien Markt reinkommende Angebote auch mal Prinzipien sausen lassen, wie am vergangenen Freitag haben deutsche Boulevardzeitungen allerdings selten. Wie Hamburger Morgenpost, Berliner Kurier, der Express aus Köln und die tz aus München sich dem Pay-TV-Sender Sky für einen "provokanten PR-Stunt mit maximalem Irritationsmoment" hingaben, berichtete als erstes bildblog.de und dann ausführlicher dwdl.de sowie meedia.de. Hinter Titelschlagzeilen wie "Asteroid trifft Erde" oder "War's das?" in gewohnt marktschreierischer Aufmachung steckte Werbung für die nächste deutsche Sky-Serie. Hoffentlich haben die Blätter sich wenigstens gut bezahlen lassen und stecken die Erlöse in etwas, das ihre Leser inhaltlich überzeugt statt "foppt".

Der erwähnte Siegfried-Schneider-Text erschien ebenfalls am Freitag in der Tsp.-Reihe "Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks". Die Überschrift "Inflation von Krimis ist kein Mehrwert" haben die Füchse vom Tagespiegel geschickt gewählt und nahm der epd beim Weiter-Drehen gerne auf. Im Text geht's bloß in einem einzelnen Satz um "die Inflation von Krimis im Vorabend von ARD und ZDF, die keinen Mehrwert zu den Angeboten privater Sender bringen". Schon die noch krassere Krimi-Inflation am Hauptabend kommt gar nicht mehr vor. Der Medienwächter bricht halt eine Lanze für die Anliegen des privaten Fernsehens, für das allein er zuständig ist, und plädiert mit bekannten Argumenten ("Gesetzlich festgelegt ist: die Öffentlich-Rechtlichen haben der 'Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung' zu dienen. Die Reihenfolge bei dieser Auftragsbeschreibung ist wohl nicht willkürlich gewählt ...") für eine "Profilschärfung" der Öffentlich-Rechtlichen. Als Präsident der Bayerischen Landesanstalt für neue Medien ist er eigentlich gar nicht befugt, sich über die Öffentlich-Rechtlichen zu äußern. (Dazu befugt sind ja nur die Rundfunkgremien, die öffentlich jedoch nichts zur Krimiflut sagen, sondern, wenn sie sich äußern kritisch, dann bestätigen, bekräftigen und genehmigen bzw. sich befassen und informieren oder auch mal gratulieren ...)

Was den offenkundig nicht kurz vor Veröffentlichung verfassten Text, in dem es ums "Framing Manual" gar nicht geht, doch interessant macht, sind seine Begriffe: Um den "Mehrwert der ARD" geht's ja gleich im allerersten Satz des Manuals. Das "Gemeinwohl" und wie unterschiedliche Medien in unterschiedlicher Trägerschaft ihm dienen können, ist tatsächlich etwas, über das gerade jetzt eine sinnvolle Diskussion geführt werden könnte.

Forderungen nach Regulierung in der global rasant zusammenwachsenden, bloß in deutschen Gesetzen in althergebrachten Regelwerken verkrusteten Medienlandschaft gibt es ja gerade viele (top-aktuell: die Richard-Gutjahr-Wutrede "Facebook, Google, Twitter – Eure verlogene Firmenpolitik widert mich an!  ...Ihr gehört sowas von durchreguliert, dass Euch die Server qualmen!"), da könnte das reinpassen.

Willkommen, Theo Koll!

"... noch nie hat sich das politische Koordinatensystem so komplex verändert und das in einer beschleunigten Nachrichtenwelt, in der wir alle damit kämpfen nur noch einen immer kürzeren Zeitraum überblicken zu können, Hermann Lübbe nennt es die 'Gegenwartsschrumpfung'",

sagt in einem lesenswerten, nun unter der eher langweiligen (Instagram-optimierten?) Überschrift "Moderatoren tun gut daran, authentisch zu sein" versteckt, der neue Chef des ZDF-Hauptstadtstudios. Theo Koll leitete zuletzt das ZDF-Studio in Frankreichs Hauptstadt und kehrt zum März auf diesen Posten nach Berlin zurück. Und macht einen so was von intellektuellen Eindruck, dass man sich die Augen reibt und beinahe auf kommende "Was nun?"- und vielleicht sogar "Berlin direkt"-Interviews  freuen könnte. Aus Paris erzählt er, was im deutschen Nachrichtenfernsehen selten so formuliert wird:

"Man darf nicht vergessen, dass bei unserem Nachbarn in den vergangenen zwei Jahren die Volksparteien komplett zusammengebrochen sind, die Sozialisten, die zuletzt Präsident und Regierung gestellt haben, bekamen gerade mal sieben Prozent der Wählerstimmen. Das gesamte politische Koordinatensystem hängt momentan an einem einzigen, fehlerbehafteten jungen Mann namens Emmanuel Macron."

Wenn das ZDF-Hauptstadtstudio künftig den Eindruck machen könnte, etwas mehr von Paris beeinflusst zu sein und etwas weniger von der relativ größten deutschen Volkspartei, kann das "unserem gemeinsamen freien Rundfunk" (ARD-Framing-Manual) im größeren Sinne nur gut tun!

Altpapierkorb (Neuester Facebook-Skandal, Boris-Palmer-Framing, "8 Tage", Uploadfilter, Junge Freiheit)

+++ "Wie sollen Mädchen auf die abartige Idee kommen, dass Facebook Eisprungdaten von Zyklus-Apps aufkauft und diese mit Facebook-/ WhatsApp-/ Instagram-Nutzer-Profilen abgleicht?", heißt es in der oben schon verlinkten Gutjahr-Wutrede. Falls Sie diese bislang jüngste Facebook-Skandal-Nachricht auf deutsch lesen wollen, ginge das bei sueddeutsche.de. +++

+++ "Wenn Facebook nun seine Dienste Whatsapp, Instagram und Messenger miteinander verknüpft, zählt es zusammen sogar 2,7 Milliarden Mitglieder. Ein Konzern kontrolliert damit das Kommunikationsverhalten von mehr als einem Drittel der Menschheit. Bedenkt man, dass knapp die Hälfte der Weltbevölkerung kein Internet hat, erscheint diese kommunikative Macht noch viel größer", schreibt Adrian Lobe im SZ-Feuilleton.

+++ Man kann ja nicht nicht framen, lautet eine wesentliche Lehre der vergangegen Woche. Und auch ARD-Anstalten framen im Sende-Alltag weiter, wie es halt zur politischen Ausrichtung passt. Wie das der RBB tat, als der heterodoxe Grüne Boris Palmer unter großem Medien-Hallo Berlin besuchte, zeigte Boris Rosenkranz bei uebermedien.de. Achten Sie auch auf die drei (!) Nachträge unten drunter.

+++ Falls Sie eine Kritik zu "8 Tage", der oben nicht namentlich erwähnten neuesten deutschen Sky-Serie, lesen wollen: Der Standard hat eine reichhaltig illustrierte frei online.

+++ Am vorvorigen Wochenende waren es "mehr als tausend" Demonstranten (Altpapier), am vergangenen in Köln "3.000 Menschen",  (Standard), die gegen das geplante EU-Urheberrecht demonstrierten. +++ Befürworter des Gesetzes haben ebenfalls Argumente, die etwa der Musikproduzent und Filmkomponist Micki Meuser für den Bundesverband Schauspiel in auch überzeugende Worte fasste ("Upload Filter gibt es JETZT! Alle relevanten digitalen Plattformen setzen sie ein. Damit wird millionenfach jeden Tag gefiltert, blockiert und abgemahnt ..."). +++ "Warum die Angst vor Uploadfiltern übertrieben ist", beschrieb Harald Staun in der jüngsten FAS. Was genau im laufend veränderten Gesetzesentwurf steht, sei kaum jemand wirklich bekannt.

+++ Und auf einen Autoren, der bis vor kurzem für die Zeitung Junge Freiheit Artikel und für Jan Böhmermann Gags geschrieben hat, ist meedia.de bei achgut.com gestoßen ...

Neues Altpapier gibt es am Dienstag.

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1 Kommentar

25.02.2019 15:56 Heinz 1

Es besteht ein Unterschied zwischen dem Namen eines Rucksacks und dem Namen eines Instituts. Bei einem Institut könnte es sich um eine Irreführung handeln (https://de.wikipedia.org/wiki/Institut#Irref%C3%BChrung_durch_%E2%80%9EInstitut%E2%80%9C_im_Namen). Es ist nämlich in Deutschland nicht erlaubt, die Bezeichnung „Institut“ zu führen, "wenn durch die weitere Gestaltung des Namens fälschlicherweise ein Eindruck von [...] öffentlicher Trägerschaft erweckt wird." Und dieser Eindruck könnte bei Verwendung des Namens einer Universität durchaus erweckt werden.