Das Altpapier am 18. März 2019 Bye, bye Gatekeeper

Eine Frage zur Terrorberichterstattung scheint seit Freitag überholt, dafür poppen 1.027 andere auf. Wird in Sachen Urheberrecht noch zu sehr das Mindset einer Gilde aus dem 19. Jahrhundert bemüht? Die Unzufriedenheit mit der Bundespressekonferenz hängt auch am Status Deutschlands als digitales Entwicklungsland. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

In der Grafik ist ein Tablet zu sehen mit einem großen Play-Button in der Mitte und einem kleinen roten X (Close-Button) in der oberen rechten Ecke. Das soll verdeutlichen, dass jeder (auch Journalisten) bei Streamings wie im Fall des Christchurch-Attentats die Wahl hat, diese Bilder abzuspielen oder auch das Fenster zu schließen.
Bildrechte: MEDIEN360G

Von einer neuen Art des Terrors war am Wochenende oft die Rede, von Internet- oder gar Troll-Terrorismus. Eine Frage, mit der Journalist:innen sich seit Jahren herumschlagen – ob gar keine Berichterstattung nicht vielleicht angemessener wäre als alles andere, um Terroristen nicht die einkalkulierte Bühne zu geben, die die Terrorwirkung erst rund um den Globus verbreitet – scheint spätestens seit Freitag obsolet zu sein.

Ein Zeit-Artikel von Bastian Berbner aus dem Sommer 2017 ("Wir Terrorhelfer"), ein Plädoyer für ein journalistisches Ignorieren von Terrorakten, ist vielen wahrscheinlich noch präsent, weil er konsequent und detailliert durchargumentiert war und viel diskutiert wurde. Der Terrorist, der vergangene Woche in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch 50 Menschen erschoss, streamte die Tat mit einer Helmkamera in Ego-Shooter-Anmutung nun allerdings live bei Facebook. Dazu veröffentlichte er ein "Manifest", nutzte verschiedenste Foren und Plattformen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Arno Frank schrieb dazu am Freitagabend bei Spiegel Online, es sehe so aus, als ob

"der moderne Terrorist als seine eigene PR-Agentur die Nachricht so obszön aufbereitet, dass sie das Medium selbst zur Botschaft macht. Ihre Überbringung erst vollendet die Tat. Damit hat er sein Ziel erreicht".

Auf der Meinungsseite der Süddeutschen (hier bei Blendle) schreibt Ronen Steinke nun, es brauche eine

"Öffentlichkeit, die gerade auch über ein Propagandaspektakel wie jetzt in Christchurch sachlich informiert ist, um sich nicht abspeisen zu lassen."

Dabei müsse sehr genau darauf geschaut werden, aus welchen ideologischen Gründen der Täter handelte und wie er sich radikalisiert habe. Das sei nicht nur für die Polizei wichtig, sondern auch für "Lehrerinnen, Arbeitskollegen, Eltern, die solche Signale sehen. Wenn Journalisten sich entscheiden würden, die breite Öffentlichkeit hier von Lernprozessen auszuschließen, wäre das nicht nur arrogant, sondern schädlich." Die Opfer des Terroranschlags seien

"so zynisch das klingt, im Kalkül der Täter nur Abrieb - der beim Versuch entsteht, die Kraft der Bilder auf die Straße und damit in den globalen Umlauf zu bringen. Für den Politologen Herfried Münkler 'stellt der Terrorismus eine Form der Kriegsführung dar, in welcher der Kampf mit Waffen als Antriebsrad für den eigentlichen Kampf mit Bildern fungiert'",

schreibt Frank. Das glückte, weil der Terrorist ja einerseits live bei Facebook streamte, bei Twitter und Instagram aktiv war. Andererseits aber auch, weil redaktionelle Medien die Bilder und das vom Täter veröffentlichte "Manifest" aus den sozialen Netzwerken weiter in die digitale und analoge Welt katapultierten. Größtenteils waren es die üblichen Verdächtigen wie z.B. die Sun, die Daily Mail, MSNBC, die Berliner BZ oder die Bild (hier kommen keine Links, will denen keinen zusätzlichen Traffic bescheren).

Der zur Katastrophenberichterstattung immer gern zitierte und angefragte Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sprach am Samstag im "Breitband"-Magazin bei Deutschlandfunk Kultur von der Entstehung einer Art "Attentats-Pornografie". Statt "über diese entsetzlichen Taten nachdenken oder unser Mitgefühl artikulieren gegenüber denen, die da umgebracht oder verletzt worden sind" liege der Fokus auf dem Täter und den Bildern.

Bild-Häuptling Julian Reichelt schrieb in einem Kommentar über die Entscheidung der Redaktion, Bilder zu veröffentlichen:

"Erst die Bilder verdeutlichen uns die erschütternde menschliche Dimension dieser Schreckenstat."

Ähm, wer Usern und Leserinnen nur zutraut, die menschliche Dimension eines Massenmords an Betenden erst durch Bilder erfassen zu können, schreibt ihnen wohl die Empathiefähigkeit und die emotionale Bandbreite einer Tennissocke zu. Der ehemalige Leipziger Journalistik-Prof Michael Haller wirft Reichelt im Tagesspiegel vor, "die Voyeur-Neigung der Leute auf die brutalstmögliche Art" zu bedienen "ihre Lust an der Gewaltorgie mit dem Informationsauftrag" zu verdecken:

"Den gibt es hier nicht. Hier in Deutschland geht es zwar nicht um den Schutz der Betroffenen und Hinterbliebenen, im Unterschied zu Christchurch. Hier bei uns bieten diese blutrünstigen Bilder aber auch keinen Informationsgewinn, sie heizen emotional nur auf."

Reichelt schreibt aber auch:

"Das Video des Massakers ist online überall genau so verfügbar, wie der Täter es wollte. Journalismus darf solche Bilder aber nicht Social Media überlassen."

Auch wenn es sicher nicht "überall" verfügbar ist und wir natürlich auch nicht in Gänze wissen können, was der Täter sich in der Hinsicht genau vorgestellt hatte, führt das zu der altbekannten Krux "das Netz vergisst nicht". Zwar jubilierte Facebook am Samstag via Twitter:

"In the first 24 hours we removed 1.5 million videos of the attack globally, of which over 1.2 million were blocked at upload...”

Aber noch immer kann man Bilder und Videoausschnitte der Tat finden. Das dürfte eine altbekannte Debatte wieder mehr in das Auge des Aufmerksamkeits-Orkans wirbeln, die Benjamin Reuter, Josh Groeneveld und Leonhard Landes nun bei der HuffPost anschneiden:

"Dass es auch nach Jahren der Debatte um Gewaltvideos und Hass auf den sozialen Plattformen keine Lösung gibt, lässt am Ende nur zwei Schlüsse zu: Die Unternehmen wollen dagegen nicht vorgehen – oder sie können es wegen der Masse an Inhalten schlicht nicht. Beide Möglichkeiten sind ähnlich beunruhigend. Fakt ist: Facebook, Youtube, Twitter und andere soziale Medien weigern sich bisher, sich auch rechtlich als Verleger der Inhalte zu verstehen, die auf ihren Seiten veröffentlicht werden. Zumindest dann, wenn sie dafür Verantwortung übernehmen sollen."

Minenfeld-"Manifest"

Dass einordnend berichtet werden muss, steht bei einer derart rasanten Verbreitung des Videos außer Frage. Bleiben nur 1.027 weitere Fragen, wie genau das gehen kann. Dabei geht es nicht nur um medienethische Punkte, sondern auch um netzspezifische Eigenheiten, die wohl bei keinem Terrorakt zuvor eine ähnlich große Rolle gespielt haben dürften.

Beim bereits erwähnten "Breitband" sprach die Journalistin und Mitgründerin der Hoaxmap, Karolin Schwarz, sich nicht nur gegen die Verbreitung von Bildern und Videos aus, sondern auch gegen das Zitieren aus dem sogenannten "Manifest" des Täters:

"Ich glaube, man kann ganz kleine Teile zitieren oder zumindest einordnend benennen, aber grundsätzlich ist es falsch, sowohl das Manifest – in Anführungsstrichen – sowohl weiterzuverbreiten, auch nur in Auszügen, oder auch das ganze andere Material. Weil letztendlich ist das Ganze Teil seiner Inszenierung und Medienstrategie (…), sich selbst als, ja, Held zu inszenieren und gleichzeitig aber auch Nachahmer zu inspirieren."

Der Punkt geht noch in die gleiche Richtung, wie die weiter oben angeschnittenen Medienethik-Meta-Argumente. Aber abgesehen davon gibt es in diesem konkreten Fall auch noch eine weitere Ebene, auf der eine besonders vorsichtige Berichterstattung angebracht ist. In dem sogenannten Manifest seien

"ne ganze Reihe von Inside Jokes (…) die dort eben dazu dienen, eben, ja, Gleichgesinnte anzusprechen, die sich in den gleichen Online-Communities bewegen. Der Journalist Kevin Roos von der New York Times hat das Ganze so als 'Bad Signal' bezeichnet, das dazu da ist, eben diese Leute anzusprechen mit diesen Inside Jokes und auch so‘n bisschen Identität zu stiften für diese Communities. Tatsächlich ist vieles davon auch dazu da, von der eigentlichen Ideologie abzulenken, gleichzeitig auch eben zu shitposten, d.h. ganz viele Dinge in diese Pamphlet zu packen, die dazu dienen, Journalisten auf die falsche Fährte zu führen",

erklärt Schwarz. Deshalb sei es schwierig, jetzt schon (Samstag) zu viele und zu detaillierte Vermutungen anzustellen über das Motiv des Täters. Roose selbst warnte Medienmenschen bereits am Freitag via Twitter, das Manifest sei ein "Minenfeld":

"It's thick with irony and meta-text and very easy to misinterpret if you're not steeped in this stuff all the time (and even if you are). (…) I am Very Online and I don't feel 100% certain about what's genuine and what's just trolling/posting/media-baiting. Please be careful."

Bei der New York Times versucht Roose dann, die Referenz des Täters zu dem schwedischen Youtuber PewDiePie zu erklären und die Rolle des Internets zu beleuchten. Die Tat selbst bezeichnet er als "an internet-native mass shooting, conceived and produced entirely within the irony-soaked discourse of modern extremism”. Zwar könne man nicht das Internet an sich für den Terrorakt verantwortlich machen, aber

"we do know that the design of internet platforms can create and reinforce extremist beliefs. Their recommendation algorithms often steer users toward edgier content, a loop that results in more time spent on the app, and more advertising revenue for the company. Their hate speech policies are weakly enforced. And their practices for removing graphic videos — like the ones that circulated on social media for hours after the Christchurch shooting, despite the companies’ attempts to remove them — are inconsistent at best.”

Auch Sascha Lobo beschäftigt sich in seiner SpOn-Kolumne mit Christchurch. Die Tat sei ein "netzspezifischesTerror-Phänomen mit netzspezifischen Regeln", schreibt er.

"bei der näheren Analyse (…) entfaltet sich eine virale Anleitung des Troll-Terrorismus, die mit den Insignien der Coolness dieser Generation spielt. Der Täter hat bei seiner Tat, im Manifest und in der Social-Media-Inszenierung versucht, so viele Anknüpfungspunkte wie möglich für die Kernzielgruppe bereitzustellen, also für junge weiße Männer mit europäischen Wurzeln, die für rechtsextremen Terror rekrutiert werden sollen."

Mit der Ego-Shooter-artigen Inszenierung durch seine Helmkamera würden vor allem "Wut-Gamer" angesprochen. Mit netz- und subkulturspezifischer Sprache spotte er über Muslime und entmenschliche sie. In der Szene gebe es grundsätzlich einen Hang zu Mehrdeutigkeit und Ironie, die dazu führen könne, "dass sich sowohl das Publikum wie auch die Sprechenden selbst daran gewöhnen, Monstrositäten auszusprechen." Auch Memes spielten dabei eine Rolle, weil so Informationen stärker auf emotionaler Ebene wirken würden. Ein Paradebeispiel dafür ist z.B. Erika Steinbachs Tweet "Deutschland 2030" vor etwa zwei Jahren (hier geht’s zum Tweet und hier zur Entstehungsgeschichte des Bildes).

Klar ist: Die redaktionelle Verantwortung "klassischer" Medienhäuser ist weiterhin von großer Bedeutung. Der Terrorakt in Neuseeland illustriert aber auch mal wieder, wie sich ihre Gatekeeper-Funktion immer weiter auflöst.

Keine Gilde aus dem 19. Jahrhundert

Mich wundert ehrlich gesagt, dass bisher kaum jemand die grausamen Ereignisse in seine Argumentation pro EU-Urheberrecht und sogenannter Uploadfilter (Link zu diversen Altpapieren) eingeflochten hat. Vielleicht ist der Schock, die Betroffenheit und der Respekt vor den Opfern dafür tatsächlich noch zu groß. Jedenfalls machten die Diskussion und auch der politische Streit (siehe z.B. Zeit Online) kein Wochenende und die CDU sprach sich tatsächlich nun gegen Filter und für eine Regelung mit Pauschalen aus (siehe hier und hier in einem CDU-Papier). Einen Überblick gibt’s u.a. bei Golem.

Leonhard Dobusch schreibt bei Netzpolitik.org darüber, wie das Urheberrecht in bisher geplanter Form auch Medienkritiker:innen einschränken kann, wenn sie im Bewegtbild-Format zusammengeschnibbelt wird – und sei sie noch so aussagekräftig. Er berichtet von einem Video des österreichischen Medienwatchblogs Kobuk!, das an Youtubes Uploadfilter scheiterte. Dobusch zeigt sich begeistert von dem Ansatz der studentischen Medienkritiker:

"Einen Tag nachdem Claus von Wagner und Max Uthoff in ihrer ZDF-Satireshow "Die Anstalt" die irreführende Berichterstattung über vermeintlich zu strenge Abgas-Grenzwerte en detail zerlegt hatten, präsentierte Comedian Mario Barth in seiner RTL-Show genau jene falschen Zahlen neuerlich einem Millionenpublikum. Kobuk nutzte diesen Zufall für eine kreative Montage der beiden Sendungen. Auf die haarsträubend falschen Behauptungen von Barth folgte darin unmittelbar die Widerlegung der ZDF-Satiriker. Unterhaltsamer wurde selten Aufklärung und Medienkritik in einem Video vereint."

Gerade Medienkritik lebt ja von Verquickungen, Gegenüberstellungen, Hyperlinks, Zusammenschnitten und Einordnungen. Bei Youtube konnte die Montage laut eines Tweets des Kobuk-Redakteurs Hans Kirchmeyr allerdings nicht hochgeladen werden. Dobusch kritisiert die Einschränkung solch kleinerer Projekte durch die bereits bestehenden Regelungen:

"Die Rechte am verwendeten Material für so eine Montage zeitnah zu klären, ist aussichtslos und gerade für gemeinnützige Projekte wie Kobuk ohne Rechtsabteilung oder teure Rechtsberatung nicht zu machen. Aber auch Ausnahmen vom urheberrechtlichen Schutz wie jene für Zitate oder Parodien greifen im Fall dieses Videos nicht: Die Ausschnitte aus den beiden Sendungen sind viel zu lange im Vergleich zu den von Kobuk hinzugefügten Inhalten und gehen über die für ein Zitat geforderte Belegfunktion (weit) hinaus."

Mit den geplanten Regeln werde die Problematik weiter verschärft. In den USA hingegen sei so etwas wahrscheinlich von einer Fair-Use-Klausel gedeckt. Die schaffe zwar nicht alle Rechtsunsicherheiten aus der Welt, verhindere aber größere Einschränkungen.

Im Feuilleton der SZ gibt’s eine Außenansicht zu der EU-Debatte: Ein Interview mit Cory Doctorow, dem kanadischen Schriftsteller und Gesicht der US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation, die sich dafür einsetzt, das Urheberrecht zu liberalisieren. Im Gespräch mit Jannis Brühl schlug er Pauschallizenzen für Künstler und Urheber vor, eine Art optimierte Gema für Europa:

"Eine entsprechende Organisation dürfte aber nicht wie eine Gilde des 19. Jahrhunderts betrieben werden, sondern wie eine Datenanalysefirma des 21. Jahrhunderts: transparente Bilanzen, transparente Algorithmen. Und ein Aufsichtsgremium, das nicht von wenigen großen Playern gekapert wird. Man kann auch festschreiben: Niemand, der für ein Musiklabel gearbeitet hat, darf die nächsten zehn Jahre bei dieser Gesellschaft arbeiten. Sie ist ja ein De-facto-Aufseher, und Aufseher sollten nicht aus der Industrie kommen."

Die jetzige Regelung gehe zulasten kleiner Unternehmen und stärke langfristig Vorherrschaften wie die von Google. Aber nicht nur die Diskussion um die Regelung selbst, auch der Protest gegen die Copyright Directive stand am Wochenende wieder in der Kritik, z.B. in der FAZ (Plus-Inhalt, hier bei Blendle) von Samstag. Constantin van Lijnden schreibt dort:

"Die Vehemenz und Emotionalität, mit denen die Debatte geführt wird, liegen oftmals an der ehrlichen Sorge um den Fortbestand des Internets als Raum der freien Entfaltung und Meinungsäußerung. Auch die mitunter schulterzuckenden oder geradezu abfälligen Brüsseler Reaktionen auf den Widerstand der Zivilbevölkerung dürften zum Ärger beigetragen haben (…). Kein Zweifel kann aber auch daran bestehen, dass die besonders unter Kindern und Jugendlichen verbreitete Untergangsstimmung in vielen Fällen auf eine Reihe reichweitenstarker Youtuber zurückgeht, die teils haltlos alarmistische Videos über die gefürchteten 'Uploadfilter' in den vergangenen Monaten förmlich zum eigenen Genre erhoben haben. Motiviert und munitioniert werden sie dabei einerseits durch die Plattform selbst, die ihnen das baldige Versiegen ihrer digitalen Geldströme prophezeit, wenn die Richtlinie verabschiedet werden sollte."

Er berichtet von dem Interessenskollektiv "Create Refresh", das verschiedenen Youtuber:innen Geld für Beiträge gegen Artikel 13 angeboten habe und verflochtene Verbindungen zur Youtube-Mutter Google habe.

Die letzte Woche vor der entscheidenden Abstimmung im Europaparlament ist mit diesem Montag angebrochen. Es gibt also noch letzte kleine Chancen für eine Debatte, die sich mit den tatsächlichen Bedürfnissen auf Urheber-, Nutzer- und Unternehmerseite gleichermaßen beschäftigt.

Digitales Entwicklungsland

In ihren Bedürfnissen und Anforderungen sehen sich auch immer wieder Medien- und Regierungsmenschen eingeschränkt, wenn es um die Bundespressekonferenz geht. Zwar wurde die nach dem Rausschmiss von CNN-Reporter Jim Acosta aus dem Weißen Haus (Link zum Altpapier) noch für ihre Einzigartigkeit und ihre demokratische Leuchtturmhaftigkeit gelobhudelt. In der BPK haben ja die Journos das Hausrecht und Regierungsmenschen sind nur Gäste.

Zwischendurch regt sich aber auch hierzulande immer mal wieder Kritik an der Institution und deren Abläufen. So gab es Wirbel um Tilo Jung, der mit seinen Nachfragen für sein Video-Blog "Jung & Naiv" andere Kolleg:innen erzürnte oder Spott hervorrief.

Am Wochenende sagte die Journalistin Susanne Müller bei "Hintergrund Medien" auf WDR 5: Fragen würden häufig abgeblockt, das schlage auch auf das Gemüt und die Lust der Journalistinnen weiter nachzufragen. Manchmal kämen nur ein gutes Dutzend Kollegen, manchmal nicht mal mehr die Nachrichtenagenturen "die doch eigentlich überall sind". Fragen ließen sich häufig schneller und besser per Mail klären.

"So schlimm wie aktuell war es noch nie. Die sogenannte Reg-PK steckt in einer tiefen Krise",

Unzufrieden ist nicht nur Müller, sondern auch Regierungssprecher Steffen Seibert:

"Ich weiß ja, dass zur gleichen Zeit eine dreistellige Zahl ebenso der Bundespressekonferenz folgt und dann haben die auch was davon, nur die Bundespressekonferenz hat nichts von ihnen, denn wer nicht da ist, kann auch keine Fragen stellen."

Das deutet mal wieder auf den Status Deutschlands als digitales Entwicklungsland hin, denn bisher gibt es keine Möglichkeit, Fragen per Online-Tool zu stellen, wie es bei jeder mittelschlechten Unternehmens-PK der Fall ist. Auch wir Journos hinken mit der Digitalkompetenz oft noch mehr zurück, als uns lieb ist.


Altpapierkorb (Ministerpräsidenten zum ÖR, Quoten, Billy Six, Madsack-Spitze)

+++ Bevor die Ministerpräsidenten Ende der Woche über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks beraten (Indexmodell, Auftrag, Mediatheken) fasst Hans Hoff auf der Medienseite der SZ nochmal aktuelle Positionen und Kritik zusammen (hier bei Blendle).

+++ "Aus meiner Sicht sollten die Öffentlich-Rechtlichen aber viel häufiger einfach sagen: Die Quote geht uns am Arsch vorbei", sagt Thomas Gottschalk zum Start seiner neuen Büchersendung im BR. Der Satz stammt aus einer dpa-Meldung bei der Augsburger Allgemeinen.

+++ Der deutsche Journalist Billy Six ist laut Standard nach vier Monaten in einem venezolanischen Gefängnis auf dem Weg nach Deutschland. Six schrieb bisher für rechte Medien wie die Junge Freiheit und das Deutschland Magazin (siehe Altpapiere).

+++ Mit Hannah Suppa und Marco Fenske bekommt Madsack nach dem Abgang von Wolfgang Büchner eine neue junge Spitze. Suppa wird laut Kress Chefredakteurin Digitale Transformation und Innovation im Regionalen. Fenske ist Chefredakteur des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). Die beiden 35-Jährigen übernehmen gemeinsam die Geschäftsführung der RND Redaktionsnetzwerk Deutschland GmbH. Madsack selbst verkündet das Ganze hier. Warum Büchner geht, dazu gab’s offiziell noch keine Gründe.

+++ Und nochmal Hans Hoff, diesmal outet er sich in seiner DWDL-Medienkolumne als Fan von Deutschlandfunk Kultur und stellt eine Gegenthese zu den Stimmen auf, die nach mehr Lokal- und Regionalberichterstattung rufen. Hoff schreibt, dass die Sender "die sich im föderalistischen System so verzweifelt ums Regionale kümmern und dabei gar nicht merken, wie sie ihren Hörern den Blick aufs Große und Ganze verstellen." Sie "verfestigen damit ungewollt ein Weltbild, das jenseits der Stadtgrenze oder schon im nächsten Bundesland sehr unscharf wird. Sie gehen von der These aus, dass den Menschen nur interessiert, was direkt um ihn herum passiert." Angesichts des drohenden Wegbrechens verschiedener Lokaljournalismus-Angebote (Funke, DuMont) kann man das allerdings nicht auf die ganze Medienbranche übertragen. Wichtig ist einfach, weder die Dinge innerhalb noch außerhalb der Stadtgrenze aus dem Blick zu verlieren. Und irgendwo dürfen Leserinnen und Hörer auch eine Eigenverantwortung tragen, sich zu informieren und nicht alles mundgerecht serviert zu bekommen.

+++ Wie wird der ORF künftig finanziert? Die Frage ist Steckenpferd der rechtskonservativen FPÖ. Laut Standard sind die Länder allerdings gegen Abschaffung der ORF-Gebühren und Finanzierung aus dem Staatsbudget.

+++ Was war im TV so los? Der "Tatort" am Sonntag kam nicht bei allen gut an (KStA und FAZ). Sahra Wagenknecht bei "Anne Will" schon eher (nochmal KStA und SZ).

+++ "Das Medium Videospiel war so über viele Jahre hinweg ein Sammelplatz recht einfältiger Männerbilder, die intellektuell wirklich nicht herausfordernd waren", schreibt Matthias Kreienbrink bei SpOn. Das ändere sich aber langsam.

+++ Heute ist Equal Pay Day. Steffen Grimberg stellt deshalb drüben bei MEDIEN360G die Frage, was Frauen in der Medienbranche so verdienen. In Großbritannien gebe es dazu deutlich mehr offizielle Zahlen, deshalb hat er eine Umfrage unter "den relevanten deutschen Medienunternehmen – natürlich inklusive ARD, ZDF und Deutschlandradio" durchgeführt.

Neues Altpapier gibt’s wieder am Dienstag.