Logo von "Facebook" verbunden zum Wort "fake" mit einem Radiergummi ,it dem Logo "dpa"
Bildrechte: MEDIEN360G, Pathermedia

Das Altpapier am 19. März 2019 Das Netz vergisst nichts, außer ...

Welche bekannte Deutsche Presseagentur ausgerechnet jetzt mitzuhelfen beginnt, Facebook sauber zu machen. Lob für eine gedruckte Hamburger Boulevardzeitung, die das wirklich gebrauchen kann. Außerdem: Ein "unnaiver Romantiker" des Journalismus ist gestorben, vor "unkontrollierter Flexibilität" wird gewarnt. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Logo von "Facebook" verbunden zum Wort "fake" mit einem Radiergummi ,it dem Logo "dpa"
Bildrechte: MEDIEN360G, Pathermedia

Das Netz vergisst nichts, lautet eine der während des dynamischen Aufstiegs des Internets allmählich und manchmal schmerzhaft erlernten Lektionen. Wobei, wenn man etwas sucht, das es definitiv im Netz und nur dort gab, kann es schon mal ganz schön was vergessen. Das gilt, nur zum Beispiel (nicht, dass es sehr wichtig wäre), für ein paar Tausend frühe Altpapiere. Die Netzeitung ist schließlich ziemlich komplett im digitalen Orkus verschwunden.

Was aktuell verschwunden ist, wie die österreichischen futurezone.at und Standard aus US-amerikanischen Quellen übersetzen: "sämtliche Musik aus den Jahren 2003 bis 2015", die auf myspace.com geladen worden war, das ja "lange ... als eine der ersten Adressen im Web, wenn es um neue Musik ging", galt. Es gehe um "zumindest 50 Millionen Songs" und habe mit einer Serverumstellung zu tun. Sicherheitskopien oder andere Möglichkeiten, diese Inhalte wiederzuherstellen, gibt es offenbar nicht. Was immerhin eine (neu oder wieder) zu ziehende Lehre gestattet:

"Der Vorfall zeigt einmal mehr, dass man sich mit seinen Daten nicht nur auf einen Cloud-Anbieter verlassen und immer eine Sicherheitskopie anlegen sollte."

Wäre es eine ruhige Nachrichten-Lage, ließe sich nun fortfahren mit einem womöglich "unübersehbaren Trend" sozusagen zum Endlichen oder Transitorischen, den den Christian Jakubetz in einem etwas älteren – aber noch verfügbaren! – lead-digital.de-Beitrag formulierte, auf den er nun noch mal hinwies:

"Die Idee, dass jeder Post, jede Diskussion sicht- und auffindbar bleiben soll, verliert an Zustimmung. Im Zeitalter von Hatespeech, Fake News und Trollen kein Wunder".

Nach Facebooks jüngstem Prestige-Desaster ...

Doch die Lage ist nicht ruhig. Dunkel bis finster geht es auch offen in den sogenannten sozialen Netzwerken zu. Der live via Facebook gesendete Massenmord in Neuseeland war gestern hier großes Thema. Und nachträglich "ein Video, das sich schnell verbreitet, aus dem Internet verschwinden zu lassen, ist nicht so einfach". Wenn es wichtig und richtig sowie der Wunsch der weit überwiegenden Mehrheit wäre, dass etwas aus dem Netz verschwände, vergisst es es das praktisch niemals. In der taz griff Carolina Schwarz einen Ansatz, den Nora Frerichmann an dieser Stelle äußerte ("Mich wundert ehrlich gesagt, dass bisher kaum jemand die grausamen Ereignisse in seine Argumentation pro EU-Urheberrecht und sogenannter Uploadfilter ... eingeflochten hat"), auf:

"Eine internationale Datenbank, bei der nach Facebook-Angaben das Ursprungsvideo hochgeladen wird, erkennt auch Kopien und löscht diese automatisch. Sobald die Videos jedoch verändert, also beispielsweise spiegelverkehrt oder von einem Bildschirm abgefilmt, hochgeladen werden, greifen die Algorithmen nicht mehr. Dann sind sozialen Medien auf menschlichen Sichter*innen angewiesen, die traumatisierende Bilder und Videos sichten müssen, um diejenigen von der Plattform zu entfernen, die gegen die Richtlinien verstoßen."

Das Angebot von Facebook, das in menschlichen Dimensionen gar nicht zu ermessen ist und überdies in Echtzeit in auch nicht zu ermessenden  Dimensionen weiter wächst, von bösen und falschen Inhalten zu säubern, ist aus sehr vielen Gründen eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Unter anderem auch, weil in sehr vielen anderen Fällen (als dem eindeutigen in Christchurch), schwer zu erkennen ist bzw. im Auge des Betrachters liegt, was böse und falsch genug ist.

... ein deutscher Prestige-Erfolg für Facebook

Und ausgerechnet jetzt hat der Datenkrake in Deutschland einen Prestigeerfolg wie noch nie erzielt. Diesen Erfolg vermeldete Facebook gestern abend (zu einem Foto seines sehr ernst blickenden, leicht geneigten "Head of News Feed Integrity" vor dem Reichstag im Hintergrund):

"Neben Correctiv, die bereits seit Januar 2017 Falschmeldungen auf Facebook prüfen, wird künftig auch Deutschlands größte Nachrichtenagentur, dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH, Partner unseres Faktenprüferprogramms."

Die dpa vermeldet es in ihrer Larifari-Pressemitteilungs-Rubrik ("Neuer Medien-Service 'EUreWahl': Informationspakete zur Europawahl ...") lieber nicht. Ein bisschen Medienecho gibt es aber bereits. So zitiert Christian Meier bei welt.de dpa-Chefredakteur Sven Gösmann mit dem markigen Larifari-Spruch "Das Faktenchecken liegt in unserer DNA" und der Ansicht, dass die Presseagentur sich "vor allem als Dienstleister" sehe.

Bertelsmann, als Content-Allianz und Lösch-Dienstleister betrachtet

Zufällig wurde gerade ein anderer großer deutscher Dienstleister des Datenkraken interviewt, das an dieser Stelle gut reinpasst. Der aktuelle Spiegel bringt das lesenswertes Gespräch (€) seines noch neuen Chefredakteurs Steffen Klusmann (sowie des Redakteurs Thomas Schulz) mit Thomas Rabe, dem Vorstandschef des Bertelsmann-Konzerns (der am Spiegel-Verlag ja als Minderheitsgesellschafter beteiligt ist, wie auch erwähnt wird).

Die Interviewer stellen schön kritische Fragen ("Einen beträchtlichen Teil Ihres Geldes verdienen Sie mit Logistik und einem Sammelsurium an Dienstleistungen. Wird Ihnen der Strukturwandel im Medienbusiness zu anstrengend?"), die Rabe mit Andeutungen über gewaltige Einnahmeerfolge durch Bücher von Michelle und Barack Obama auch ganz überzeugend pariert. Und der neue Spiegel-Chef möchte spürbar gerne wissen, was es mit der neuen "Bertelsmann Content Alliance" auf sich hat. Die Frage, ob der Spiegel dazu gehören soll oder es schon tut, stellt sich ja. Und dann geht es auch um Netflix, Google und Facebook:

"Viele dieser Tech-Konkurrenten sind auch Bertelsmann-Kunden. Ihre Servicetochter Arvato etwa löscht im Auftrag von Facebook Hasskommentare. Haben Sie je darüber nachgedacht, diese Geschäftsbeziehung aufzulösen?"

Rabe: Nein. Wir haben die Zusammenarbeit sogar ausgebaut. Mehrere Tausend unserer Mitarbeiter sind derzeit weltweit für Facebook tätig. Solche Hasskommentare zu löschen ist in Deutschland gesetzlich vorgegeben und gesellschaftlich wünschenswert.

Spiegel: Sie machen einen erbitterten Medienrivalen damit aber stärker. Sind Sie nicht manchmal ein bisschen neidisch auf Tech-CEOs wie Mark Zuckerberg und Jeff Bezos, die einfach ihr Ding durchziehen ..."

Schade, dass die Interviewer ihre gute Frage, ob Medienfirmen, die für Facebook dienstleisten, diesen quasi-monopolistischen Wettbewerber nicht vor allem noch stärker machen, als er ohnehin schon ist, nicht einfach stellen, sondern gleich zum Gaga-Thema Neid abbiegen. Dass Thomas Rabe aus Gütersloh Mark Zuckerberg aus dem Silicon Valley nicht im geringsten beneidet, zeigt ja schon seine Körpersprache auf dem Foto zum Interview. Schade auch, dass der seltsame Move, die Arvato-Löschdienstleistungen in ein deutsch-marokkanisches Gemeinschaftsunternehmen auszulagern oder einzubringen, daher gar nicht zur Sprache kommt. Wobei Rabe Profi genug ist, um seine Antwort auf die Stärker-machen-Frage in seinen Schluss-Sätzen ("... die Tech-Plattformen sind formidable Unternehmen, mit denen man sehr gut Geschäfte machen kann. Wir setzen allein mit ihnen pro Jahr zwei Milliarden Dollar um und ... da ist für uns noch viel drin") dann doch noch unterzubringen.

In diesem Sinne: Hoffentlich lässt die Deutsche Presse-Agentur sich ihre Dienstleistungen für den Datenkraken Facebook wenigstens gut bezahlen. Und hoffentlich wird die Frage, ob die dpa durch das Säubern des inzwischen im Blick ziemlich vieler Nutzer anrüchig gewordenen Werbeumfelds nicht in allererster Linie ihren vielen anderen Kunden (die oft zugleich ihre Gesellschafter sind), Schaden zufügt, breit diskutiert.

Bild-Zeitungs-Kritik als (Hamburger)-Mopo-Lob

Zurück zur Nachberichterstattung über den live bei Facebook gestreamten Massenmord. Ähnlich wie von Nora gestern hier wurde das Thema dann auch anderswo kommentiert, etwa von Stefan Fries in Deutschlandfunks "@mediasres" und von Boris Rosenkranz bei uebermedien.de.

Überall dabei: die gewiss berechtigte Kritik an der Bild-Zeitung, die zu bereits 35 Presserats-Beschwerde führte (epd). Ob das die Bild-Zeitung und ihre sehr erfolgreichen Digitalauftritte (zu deren Geschäftsmodellen ja seit je gehört, ausdrücklich Aufregung zu erregen), grämt oder eher freut ... tja. Ausgerechnet dem DJV, der beim Einrennen der offensten Türen oft vorn dabei ist, gelang es clever, dasselbe Sujet anzusprechen, ohne Namen zu nennen (und Screenshots teilzuverpixeln).

Aufmerksamkeit verdient aber auch ein anderes, umso selteneres Motiv: explizites Lob für ein Medium, ja: eine vor allem gedruckt erscheinende Boulevardzeitung, die es besser als die Bild-Zeitung machte und nun als Vorbild hervorgehoben wird. Das kann die "Hamburger Morgenpost" gut gebrauchen. Schließlich handelt es sich bei der klassischen "Straßenverkaufszeitung" um ein besonders sorgengeplagtes Blatt, dessen Existenz viele Medienbeobachter im Zuge der kürzlich bekannt gewordenen Dumont-Verkaufs-Pläne gefährdet sehen. Rosenkranz schreibt:

"Es gibt einen sehr breiten Spielraum, wie man als Medium über solche Ereignisse berichten kann. Man kann es klein halten, es tatsächlich analysieren und einordnen, weil man um die Gefahren inzwischen weiß – oder man stellt es aus und tut so, als wäre das verantwortungsvoller Journalismus. Auch das Argument, so sei er eben, der Boulevard, und das seien seine Mittel, trifft nicht. Auch hier gibt es einen Spielraum, und es gibt in diesem Genre, zum Glück, nicht nur die Auffassung von Julian Reichelt. Die Hamburger 'Mopo', zum Beispiel, schrieb auf ihrer Titelseite ..."

Und weil im wie alle Dumont-Portale krude gestalteten Portal mopo.de die gestrige Druck-Titelseite nicht zu finden ist, verlinken wir hier mal zum uebermedien.de-Foto. Spendieren Sie mopo.de aber dennoch ein paar Klicks.


Altpapierkorb (Paul-Josef Raue. FAZ-Rätsel, Warnung vor "unkontrollierter Flexibilität", Quadratur des Kreises, Reinhard Grindel relativ stressfrei, Özil-Erdogan-Fotos. Thomas Bergmann)

+++ Paul-Josef Raue war "drei Jahrzehnte Chefredakteur Thüringer Allgemeine, Braunschweiger Zeitung, Volksstimme (Magdeburg)", heißt es es im Twitter-Account @pjraue (über den seine Kinder die Nachricht von seinem Tod verbreiteten). Er "war ein unnaiver Romantiker dieses schönen Berufes" Journalist, ruft Hans Leyendecker ihm in der Süddeutschen nach.

+++ Holger Steltzner war einer der Herausgeber der FAZ, die bei dieser Zeitung auch die Chefredakteurs-Position ausfüllen. Jetzt ist er's nicht mehr, teilte die FAZ in einer zum Rätseln, warum, einladend knappen Mitteilung mit. +++ "Genaue Gründe wurden auch auf Anfrage nicht genannt" (SZ). +++ Beim "Bruch mit Hugo Müller-Vogg ... wurde 2001 als Grund eine 'zerstörte Vertrauensbasis' genannt" (Tagesspiegel), was vielleicht einen Tick stärker klingt als jetzt "Die Grundlage für eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den anderen Herausgebern war nicht mehr gegeben".

+++ Wie gestern hier erwähnt: Billy Six ist wieder frei. Der Frage, ob der von den Eltern und von rechter Seite erhobene Vorwurf, die Bundesregierung habe "zu wenig" für ihn getan, geht "@mediasres" nach. +++ "Beobachter in Venezuela werten die Freilassung Six' als Versuch der Regierung, das Urteil der UN-Inspekteure abzumildern", die das Land nun besuchen (Ralf Pauli in der taz).

+++ Neu in der rundfunkpolitischen Arena: ein 17-seitiges "Kurzgutachten" des Ex-VPRT vau.net, das vor "unkontrollierter Flexibilität der Anstalten" im Falle, dass die Ministerpräsidenten diese Woche eine "Vollindexierung des Rundfunkbeitrags" beschließen sollten, warnt. So was sei "verfassungs- und europarechtlich nicht zulässig", meint der Gutachter Thomas Hirschle, der sich als "langjähriges Mitglied der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (KEF)" in der Materie auskennt.

+++ Falls Sie noch eine fundierte Einschätzung zum gestern hier erwähnten erstaunlichen CDU-Move, bei der weiter geplanten EU-Urheberrechtsreform mutmaßliche Uploadfilter im EU-Parlament gut und im Bundestag schlecht zu finden, lesen wollen: Torsten Kleinz' heise.de-Kommentar ("Die CDU feiert sich, als sei ihr die Quadratur des Kreises gelungen") wäre zu empfehlen.

+++ "Der Sitz des Deutschlandfunks im Kölner Süden könnte als bauliche Veranschaulichung einer Filterblase dienen ...", leitet Oliver Jungen seinen ebenfalls lesenswerten FAZ-Bericht über einen Kongress, den er ebendort besuchte ein. +++ In den Randspalten beschäftigt sich Michael Hanfeld mit aktueller Medienpolitik. Bei der ARD fragte er wegen der Einladung des ZDF an diese, doch beim Internetauftritt zdf.de/kultur mitzumischen, nach. Er erfuhr, ARD und ZDF seien "'schon seit längerem in Gesprächen, wie die beiden Mediatheken in Form eines öffentlich-rechtlichen Netzwerks besser miteinander verknüpft werden könnten'. Aktuell gehe es um eine gemeinsame Suchfunktion und einen gemeinsamen Log-in ..."

+++ Ein "Szenario eines universellen Fernsehmarktes", in dem "die TV-Sendergruppen, aber auch die Mediaagenturen verschwunden" sind und Amazon, Netflix, Apple, Disney und Co. ... den gesamten Fernsehmarkt erobert" haben, ist Thema der aktuellen "Medienkommissar"-Kolumne.

+++ Der Bayerische Rundfunk hat auf Facebooks für junge Leute derzeit attraktivstem Datenkraken-Arm Instagram eine "News-WG" eingerichtet, die die SZ nun besuchte.

+++ Einen "doch mal ... relativ stressfreien Medienauftritt von Reinhard Grindel" hat der Tagesspiegel am Sonntagabend im Bayerischen Rundfunk beobachtet.

+++ "Im Vergleich zu seinem Ende beim ­Spiegel" verlässt Wolfgang Büchner Madsack "friedlicher und mit einer besseren Bilanz", schreibt Anne Fromm in der taz zur wiederum bereits vermeldeten Personalie dieses gehenden Geschäftsführer-Chefredakteurs. "Auf die Frage, ob das gemeinsame Hauptstadtbüro der Anfang einer Übernahme der DuMont-Titel sei, antwortete Büchner im taz-Gespräch im Sommer ausweichend. Auch jetzt äußert sich Madsack dazu nicht."

+++ In der Türkei ist gerade wieder einmal Wahlkampf, und Mesut Özil, deutscher Ex-Fußballnationalspieler, lässt neue Fotos mit Regimechef Erdogan machen und verbreiten (und zwar bei der Übergabe der Einladung zu seiner Hochzeit, also einer noch schöneren Gelegenheit für weitere Fotos).

+++ Und der epd medien-Nachruf  auf Thomas Bergmann mit dem im Altpapier am Freitag bereits zitierten Satz "Ein unbequemer Film, der heute nicht einmal mehr auf ZDFinfo laufen würde. Damals aber, 1990, strahlte ihn die ARD um 20.15 Uhr aus", steht inzwischen frei online.

Neues Altpapier gibt’s wieder am Mittwoch.

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.