Thomas Gottschalk mit Handgeste. Im Hintergrund das "Wetten, dass..."-Logo.
Bildrechte: MEDIEN360G / dpa

Das Altpapier am 21. März 2019 Thomas-Gottschalk-Tag

Worum geht es in einer Literatursendung mit Thomas Gottschalk? Nein, doch nicht um Literatur. Außerdem soll eine Art "Wetten, dass..?" kurz mal zurückkommen. Dazu: Warum laufen Dokus nicht regelmäßig um 20.15 Uhr? Die Wikipedia schaltet sich heute für einen Tag ab. Spiegel-Chefredaktions-Personalien. Und die Freilassung des Journalisten Billy Six. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Thomas Gottschalk mit Handgeste. Im Hintergrund das "Wetten, dass..."-Logo.
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Journalisten, die mit Dingen befasst sind, die die Leute am Ende womöglich wirklich interessieren, sind sich derzeit uneins darüber, ob die Eheleute Gottschalk vor 40 (t-online.de), über 40 (stern.de), 42 (rp-online.de) oder 43 (mdr.de) Jahren geheiratet haben. Sage aber niemand, es werde nicht recherchiert. Unter dem gala.de-Text (42 Jahre) zur Sache steht zum Beispiel deutlich: "Verwendete Quellen: BILD". Bei Bild sind es 43 Jahre.

Aber wir müssen uns leider nun doch wohl anderen Dingen zuwenden, denn es ist ja leider Leipziger Buchmesse, und da kann es hier wohl kaum um Fernsehentertainer gehe… oh, wait! Thomas Gottschalk hat seit Neuestem eine Literatursendung im Bayerischen Fernsehen…

…Okay, es kann doch um Fernsehentertainer gehen.

Gottschalk sendet!

Also, liebe Leserinnen und Leser aus Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz: Wie war "Gottschalk liest?", die Sendung mit dem neckischen Fragezeichen im Titel, im BR, die im Nachgang an jeder Gießkanne besprochen wird? Gottschalk hat zum Beispiel, das ist an vielerlei Orten zu erfahren, auswendig Ovid rezitiert. Ansonsten wundert man sich vor allem hier und da darüber, dass Gottschalk binnen 45 Minuten nicht alle vier eingeladenen Schriftstellerinnen und -er sowie ihre Bücher sauber porträtiert, vorgestellt und nach allen Regeln der Kunst rezensiert kriegte.

"Mit fünf oberflächlichen Fragen kann man vielleicht einen Hollywood-Star abspeisen, der seinen Film bewerben will; wenn es allerdings um Literaturbesprechungen geht, reicht das nicht aus."

Schreibt die taz.

Oder Meedia:

"Nach der Sendung drängte sich (…) die Frage auf, ob ein 45-minütiges Format, in dem bis zu vier Schriftstellerinnen und Schriftsteller Platz finden sollen, dem Anspruch der Sendung – und auch der Literatur gerecht werden kann."

Drängte sich die Frage aber wirklich auf? Ging es überhaupt wirklich um Literaturbesprechungen? Nö, würde der Tagesspiegel vielleicht sagen, der sich an dieser Stelle leicht brillenbügellutscherisch aus dem Lehrerzimmerfenster lehnt:

"Dass ein Autor, ein Werk in acht Minuten nicht erschöpfend besprochen werden kann, haben schon andere Literatursendungen nicht begriffen. Selige Zeiten, als das 'Literarische Quartett' 75 Minuten dauern durfte. Aber solchen TV-Formaten braucht man mit dem Wunsch nach angemessen ästhetischer Würdigung nicht zu kommen."

Eben. Brauchste nicht mit kommen. Denn worum geht’s, wenn Thomas Gottschalk eine Literatursendung macht? Nein, nicht um Literatur. Um Gottschalk! Der Rolling Stone spricht vom "patentierten Herbstblond-Smalltalk", der nun fortgesetzt werde. Und die FAZ, etwas härter im Ausdruck, schreibt: "Die Prominenz macht’s, nicht die Kompetenz", was möglicherweise fies klingt und wohl auch so klingen soll. Aber sachlich ist der Satz nicht falsch. Gottschalk hat im Deutschlandradio sogar selbst gesagt: "Kein Mensch braucht Lesen im Fernsehen."

tl;dr: Wer sich ernsthaft mit Literatur befassen will, muss am Ende leider lesen. Und wenn Thomas Gottschalk eine Sendung moderiert, ist und bleibt es Gottschalkfernsehen.

Lars Weisbrod hat in der Zeit in diesem Sinn die Rezension des neuen BR-Formats geschrieben, die wohl am nähesten an der Funktionsweise des Gegenwartsfernsehens ist:

"Gottschalk liest? ist (…) wie Lanz, nur ohne Weltreisende und Robin Alexander. Kann das funktionieren? Ganz unironisch: Ja klar. 'Du hast', sagt Gottschalk zu Kuttner" – also zu Sarah Kuttner, die einen Roman geschrieben hat –, "'völlig zu Recht erkannt, dass Diätmilch den Kaffee grau macht. Als ich das gelesen habe, habe ich gedacht: Dann kennt sie sich auch im Rest der Welt aus.' So geht Literatur-Talk."

Nur: Unterhaltsam sollte es halt dann schon trotzdem sein. Da hätte Anja Rützel jetzt allerdings bei Spiegel Online noch was anzumerken, nämlich zonk, das war wohl nichts:

"Nach der abgegriffenen Klage, Kinder würden heute ja keine Bücher mehr lesen wollen, bleibt Gottschalk am Ende nur noch das schwerste Geschütz eines leidenschaftslos über Literatur Plappernden: Er imitiert Marcel Reich-Ranicki mit dem Satz 'Ein Buch darf mich nicht langweilen'. Gilt lustigerweise auch für Fernsehsendungen."

Von Akzeptanz und Relevanz

Der ausgebuffte Mediendienst Meedia hat gleich zwei Meinungen zu "Gottschalk liest?": "schwacher Auftakt" und "guter Start". Das ist hier allerdings weniger innere Vielfalt als bedingt durch die Logik zweier verschiedener Währungen: keine gute Sendung – gute Quoten. Null Gegensatz.

Und damit nun rüber zum nächsten Thema: "Warum laufen nicht alle guten Dokus um 20.15 Uhr?", fragt Peer Schader bei Übermedien (frei für Abonnenten) Robert Bachem von ZDFinfo. Das passt hier im Anschluss an Gottschalk hin wie Dokumentarfilme in die Nachtschiene. Es geht etwa um die Frage, was eine eigentlich relevante Sendung nutzt, wenn sie dann kein Mensch guckt. Bachem formuliert es bachblütensanft: "Um 20.15 Uhr ein mehrheitlich informatives Programm anzubieten, ist nach wie vor eine große Herausforderung."

Das ZDF kommt mir aber insgesamt – wohl rubrikbedingt, das Interview läuft in der erklärenden Rubrik "Wieso ist das so?" – eine Spur zu leicht davon. Eine Frage wäre schon auch, warum das ZDF-Hauptprogramm so auffallend schlecht mit auffallend guten dokumentarischen Formaten bestückt ist, und das nicht nur um 20.15 Uhr, und ZDFinfo, der Spartenkanal, es zwar quantitativ, aber nicht qualitativ rausreißt.

"Wir sind", sagt Robert Bachem an einer Stelle über ZDFinfo, "in unserer Gestaltung freier als das ZDF-Hauptprogramm, das für alle Alters- und Zielgruppen attraktiv sein muss". Ist das ZDF-Hauptprogramm aber nicht. Es bedient nur die, die sich noch nicht abgewandt haben.

Übermedien: "(D)as nehmen Kritiker den öffentlich-rechtlichen Sendern doch übel: dass sie sich nicht trauen, ein möglichst großes Publikum zur klassischen Primetime auch mal für andere Inhalte zu interessieren."

Bachem: "Ich habe für diese Argumentation auch Verständnis, aber wie gesagt: Es kommt sehr darauf an, wie Filme gemacht sind. Wir arbeiten im ZDF hart daran, Relevanz und Akzeptanz auch für Primetime-Sendeplätze zusammenzubringen."

Hier zum Abgleich nochmal ein Ergebnis der jüngsten, an dieser Stelle schon zitierten Studie des Medienjournalisten Fritz Wolf, "Deutschland – Doku-Land" über "Entwicklungen im dokumentarischen Fernsehen":

"ARD und ZDF, die beiden öffentlich-rechtlichen Hauptkanäle, strahlen von allen Sendern die wenigsten dokumentarischen Sendungen aus und auch die wenigsten Dokumentarfilme. Die ARD hat seit 2003 dokumentarische Sendungen abgebaut. Das ZDF sendet fast nur formatierte Dokumentationen und hat, vom 'Kleinen Fernsehspiel' abgesehen, für den Dokumentarfilm gar keinen Sendeplatz."

tl;dr: Würde Ovid seine "Metamorphosen", aus denen Thomas Gottschalk in seiner Literatursendung auswendig zitierte, heute schreiben, und wäre das ZDF ein Verlag – es würde sie bestimmt nicht verlegen ("Bitte nicht mehr als drei Protagonisten, Herr Ovid!").

Multimedia in corpore sano

Der Thomas-Gottschalk-Tag mit dutzenden von kleinen und großen Texten im Vermischten, im Feuilleton und auf den Medienseiten endete mit einer Nachricht aus dem Hause DWDL ("Die Spatzen pfeifen es schon länger von den Dächern"), derzufolge Gottschalk zu seinem 70. Geburtstag (was, je nach Medium, etwa 41 bis 44 Jahre nach seiner Hochzeit sein wird) vom ZDF eine Ausgabe von "Wetten, dass..?" geschenkt bekommt, oder zumindest sowas in der Art, denn "(d)er Name der Sendung" steht "noch nicht fest" (Tagesspiegel).

Aber Namen, ach: "Nunc quoque in alitibus facundia prisca remansit raucaque garrulitas studiumque inmane loquendi", wie Ovid sagt (Verwendete Quellen: Internet). Von 5 bis 99 werden sich an jenem Abend zur Prime-Time (die man, wenn man keine Uhr zur Hand hat, daran erkennt, dass in den Hauptprogrammen keine Dokumentationen laufen) alle vor den Röhren versammeln. Die Kleinen frisch gebadet, die Großen im Sofadress. Sie werden Gummibärchen essen, sich am Auftritt von Peter Maffay erfreuen, über Otto schmunzeln und zusehen, wie Thommys Hand Klums Bein beruhigt, bevor er die Baggerwette ansagt. Am nächsten Tag wird Meedia die Quoten auswerten und feststellen, dass er es immer noch drauf hat; die 40 bis 43 Kritiken werden zur Hälfte desaströs, zur Hälfte schwärmerisch ausfallen. Ach, früher.

Irgendwie fühlte es sich bei der Medienseitenlektüre vor lauter Thomas Gottschalk also an, als wäre es 1996. So war der Tweet aus der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament, der gestern der Twitter-Aufreger Nummer 1 war, dann sogar beinahe zu verkraften. Denn 1996, da war der Internetdiskurs ja wirklich noch da, wo einige derer, die nun die Regeln zu machen gedenken, gerade zu sein scheinen. Nämlich hier.

PS: Falls Sie heute was bei Wikipedia suchen wollen: Nehmen Sie lieber den Brockhaus. Wie damals!


Altpapierkorb (Billy Six, Ullrich Fichtner und Matthias Geyer, Raúl Aguayo-Krauthausen)

+++ Der deutsche Journalist Billy Six, der "wegen Rebellion, Spionage und Verletzen von Sicherheitszonen" (etwa Tagesspiegel) für vier Monate in einem venezolanischen Gefängnis saß, hat, nun zurück in Deutschland, eine Pressekonferenz gegeben: "Sein Vater Edward Six sagte, die Bundesregierung sei hauptverantwortlich für die lange Haft. Das Auswärtige Amt habe nicht gegen die Inhaftierung protestiert. Er kündigte eine Klage gegen die Bundesregierung an. Doch der Fall ist kompliziert. Das Auswärtige Amt stellt die Lage gänzlich anders dar." Bei Spiegel Online heißt es: "Es ist nun ein Kampf um die Deutungshoheit. Wer hat den Journalisten aus Venezuela rausgeholt? Schon vor Monaten haben die Rechtspopulisten das Potenzial des Falles erkannt. (…) Der Fall Billy Six ist politisch stark aufgeladen. Für die AfD gilt er als Beispiel einer 'Ideologisierung der deutschen Außenpolitik' unter Führung der SPD". Bei der rechtskonservativen Jungen Freiheit, für die Six schreibt, steht Lawrows Vermittlung im Indikativ ("…vermittelte im Fall…"). Spiegel Online derweil: "Das Auswärtige Amt verwahrte sich gegenüber dem SPIEGEL gegen die Vorwürfe der Untätigkeit." Weiteres auch etwa bei FAZ.net.

+++ Anderes großes Thema des gestrigen Tages: die Pressemitteilung aus dem Spiegel-Haus, derzufolge die Chefredaktion "Ullrich Fichtner und Matthias Geyer mit neuen strategischen Aufgaben in der gemeinsamen Redaktion betrauen" wird. "Erst im zweiten Satz folgt, was das eigentlich bedeutet", schreibt die SZ: "Die ihnen ursprünglich zugedachten Leitungsfunktionen, Chefredakteur und Blattmacher, treten sie in Einvernehmen mit der Chefredaktion nicht an. Matthias Geyer gibt auch die Leitung des Ressorts Gesellschaft ab – auf eigenen Wunsch." Zu deutsch: Der Fall Relotius hat personelle Konsequenzen. Die werden nun unterschiedlich bewertet. Die FAZ verweist auf die Rolle von Fichtner und Geyer: Relotius’ "Geschichten erschienen vor allem im Ressort "Gesellschaft", das Geyer und vor ihm Fichtner leiteten. Fichtner hatte Relotius protegiert, dann aber, als der Skandal aufflog, bei 'Spiegel Online' und in der 'Spiegel'-Ausgabe, die Relotius’ Fälschungen ausführlich darstellte, das verhängnisvolle Wirken des Redakteurs mit großem negativen Aplomb dargestellt. Geyer hatte den 'Spiegel'-Reporter Juan Moreno, dessen Gegenrecherche dazu führte, dass Relotius enttarnt wurde, mitgeteilt, dass die Sache Konsequenzen habe – für ihn oder Relotius." Der Tagesspiegel zitiert ausführlich den Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann, demzufolge "Ullrich Fichtner und Matthias Geyer keine persönliche Schuld an den Betrugsfällen trifft". Die taz hat erfahren: "In der Redaktion wurden die Personalentscheidungen teilweise mit Überraschung aufgenommen." Und die SZ denkt wirtschaftlich: "Der Verlag spart sich die Abfindung für zwei teure langjährige Führungskräfte."

+++ Im Freitag schreibt Michael Angele in seiner Kolumne, er wäre manchmal gerne Margarete Stokowski oder Harald Martenstein.

+++ In der Reihe "Wunschfunk" der Süddeutschen Zeitung, in der Menschen per Fragebogeninterview beantworten, "was sich das Publikum vom Rundfunk wünscht", antwortet diesmal der Inklusionsaktivist, Autor und Moderator Raúl Aguayo-Krauthausen: "Die Sender sollten sich von Quoten lösen dürfen und mehr daran denken, die gesamte Vielfalt der Bevölkerung abzubilden. Das gilt für das fiktionale sowie das nicht-fiktionale Programm gleichermaßen. Im Tatort sollten mehr Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichte ermitteln und in Spielfilmen auch mal Menschen mit sichtbarer Behinderung einen Bösewicht spielen. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Publikum ruhig mehr gefordert werden kann. Diese ewige Leier, dass man 'auf Augenhöhe kommunizieren' und die 'Zuschauer*innen, da wo sie sind, abholen' müsse, halte ich für eine gefährliche Arroganz der Redaktionen."

+++ Mario Damolin, der vor Kurzem in der Kontextwochenzeitung über Bild-Chef Julian Reichelt schrieb, wurde von diesem per Mail nach Berlin eingeladen, zur Recherche. Damolin veröffentlicht die Mail und schlägt die Einladung mit einem Offenen Brief aus. So ganz convinced bin ich jetzt allerdings nicht, dass solcherart Polemik – nicht einmal sonderlich originelle – das richtige Mittel ist, wenn man irgendjemanden von irgendetwas überzeugen will, der nicht eh schon usw…

Frisches Altpapier gibt es am Freitag.

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