EU-Flagge mit einem großen U sowie ein Paragrafenzeichen. Im Hintergrund Kartenausschnitt von Europa.
Bildrechte: MEDIEN360G

Das Altpapier am 25. März 2019 Internet auf der Straße

Und die Mehrheit auf der Kippe. Mehr als hunderttausend Internetnutzer protestieren gegen die EU-Urheberrechtsreform. "Wir sind alle Urheberinnen und Urheber". Aber wer sind "die Mörder des Internets"? Aus völlig anderen Gründen gehen Youtuber und Youtuber-Fans zur Haupteinkaufszeit aber auch in die Fußgängerzonen. Außerdem: "Funktionsfiktion", Jazzverwässerung, Hufescharren in Cupertino. Ein Altpapier von Christian Bartels.

EU-Flagge mit einem großen U sowie ein Paragrafenzeichen. Im Hintergrund Kartenausschnitt von Europa.
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So spannend wie schon lange nicht mehr oder aus deutscher Sicht, aus der das EU-Parlament keine ganz große Geige spielt: wie noch nie wird es am morgigen Dienstag in Straßburg. "Vor der Abstimmung über das neue EU-Urheberrecht steht die Mehrheit im Europaparlament womöglich auf der Kippe", wippt heise.de im Rahmen eines Sammel-Berichts über das, was seit Freitag in punkto EU-Urheberrecht geschah, vorsichtig mit. Neben einer Twitter-Battle innerhalb der zerstrittenen CDU sind das vor allem Demos, Demos und Demonstrationen. Die "Zehntausende vorwiegend junge Menschen in zahlreichen deutschen Städten", die auf die Straße gingen, rechnet netzpolitik.org, das mitging, zu "weit mehr als 100.000 Menschen" allein hierzulande zusammen.

Chefredakteur Markus Beckedahl wurde im Doppel-Interview mit Johnny Haeusler vom Tagesspiegel auch nach seiner Prognose für Dienstag gefragt. Beider Antworten balancieren sich aus: Während Beckedahl damit rechnet, "dass es zwar eine knappe, aber dennoch eine Mehrheit für die Direktive geben wird", geht Haeusler, "davon aus, dass die Richtlinie mindestens verschoben wird".

D'accord mit Beckedahl ging am Sonntag die FAS mit ihrer Titel-Schlagzeile "Mehrheit für Reform zeichnet sich ab. Voss beklagt 'Verrohung der politischen Kultur'". Auf der heutigen Titelseite vermeldet die FAZ dann aber, was Beckedahl bloß hofft ("Reform des Urheberrechts könnte scheitern"), womit sie wiederum den CDU-Veteranen Elmar Brok aus der eingangs verlinkten dpa-Meldung zitiert.

Die Frankfurter Allgemeine ist bekanntlich, wie netzpolitik.org, Partei, bloß die andere. Auch daher folgt in den erwähnten Ausgaben viel weiterer Stoff zum Thema. Heute sind's der kämpferische Feuilleton-Aufmacher "Propaganda mit dem Uploadfilter" von Michael Hanfeld ("... das Recht auf geistiges Eigentum gegen den Turboplattformkapitalismus der Silicon-Valley-Konzerne zu sichern"), der zwei Seiten drauf dann noch die grüne Urheberrechtsbefürworterin Helga Trüpel interviewt ("... bei den Grünen hat auch, wie in der SPD, in Teilen der CDU und der Liberalen, diese Piraten-Denke Einzug gehalten, die sich gegen vermeintlich überkommene Autoritäten richtet. Und diese Autoritäten heißen dann eben Bertelsmann oder Rowohlt ...").

Falls Sie im Allgemeinen zu der Meinung neigen, die Hanfeld nicht vertritt, und daher auf Heribert Prantl von der Süddeutschen bauen: Der argumentierte am Wochenende (die Datumsangabe täuscht) noch viel kämpferischer gegen "die Mörder des Internets" ("... sind nicht jene, die die geplante EU-Urheberrechtsreform verteidigen, sondern Facebook, Youtube & Co"). Falls Sie Prantl für eine Art ähnlich vorhersehbaren Allzweck-Hanfeld in grün halten und, wenn schon auf die Süddeutsche, dann auf Andrian Kreye setzen: "Ihr unterstützt datengierige US-Konzerne!", rief der gerade den Samstags-Demonstranten zu).

"Es ist kompliziert", wie Hanfeld heute nicht nur einmal schreibt (nicht nur, aber auch deshalb übrigens, weil die umstrittensten Artikel der Reform, 11 und 13, inzwischen andere Nummern tragen ...). Wie kompliziert, machte im gestrigen FAS-Wirtschaftsressort auf der Sonderseite 23 ein FAQ mit Fragen wie "Darf ich Zeitungsartikel oder Karikaturen fotografieren und auf Plattformen hochladen?" schön deutlich. Jein, aber, lauten, leicht vereinfacht, alle Antworten auf alle Fragen. Mehr EU-UrhRef-Stoff im Schnelldurchlauf:

"Eine Reportage aus dem EU-Parlament in Brüssel", aus dem Saal ASP7F387, in dem die deutschen Hauptkontrahenten Axel Voss (CDU) und Julia Reda (Piraten/ Grüne) beisammen saßen, bringt futurezone.at; Barbara Wimmer ist, weil sie nichts von Voss zitieren durfte, eingeschnappt ("Oft genug war ihm vorgeworfen worden, das Internet nicht zu verstehen. Dieser Eindruck bestätigte sich bei unserem Gespräch ... ") und zitiert halt einen frischen Julia-Reda-Spin ("Wir sind alle Urheberinnen und Urheber. Jeder, der ein Smartphone hat, ist Rechteinhaber der Fotos und Selfies. Es ist völlig unmöglich, dass alle Plattformen mit jedem von uns Lizenzen abschließen, um unsere Inhalte zu nutzen"). +++ Exemplarische Berichte von Demos, auf denen Voss beleidigt wurde und die Demonstranten sich (ebenfalls mit Recht) beleidigt fühlen, gibt's von Torsten Kleinz vom Kölner Heumarkt (heise.de) und aus Berlin vom Pariser Platz wie von einem "Medienbrunch" beleidigter Befürworter von SPONs Judith Horchert. +++ Darauf, dass es freien Journalisten durch einen weniger beachteten Artikel der geplanten Reform auch an ihre VG-Wort-Einnahmen gehen soll (zugunsten der Presseverlage natürlich), macht der Freie-Journalisten-Verband Freischreiber aufmerksam. +++ Und darauf, dass die dpa "sich an einer internationalen Kampagne für die geplante Reform" beteiligt, Stefan Niggemeier bei uebermedien.de. +++

"Was bin ich froh, wenn der Zirkus am Dienstag fürs Erste vorbei ist. Viel hässlicher, dümmlicher, schädlicher, kontraproduktiver und kontrafaktischer kann diese 'Debatte' kaum noch werden",

stoßseufzte twitternd ein Berichterstatter. Was freilich vor allem eine fromme Hoffnung ist. Der EU-Wahlkampf wird ohnehin anlaufen und alle freigesetzten Energien aufnehmen. Und falls die Reform durchkommt, muss sie sowieso in nationales Recht umgesetzt werden, was mindestens so viele Chancen bietet, alles noch schlimmer zu machen wie solche, etwas zu verbessern.

Youtuber in Fußgängerzonen

"Das Internet war anscheinend noch nie so politisch wie jetzt" seufzte zwischendurch Kurt Sagatz vom Tagesspiegel im oben verlinkten Beckedahl-/Haeusler-Interview . Dass das Netz eher unpolitisch auch mobilisiert bis aufwühlt, war an den vergangenen Tagen ebenfalls so deutlich zu beobachten wie vielleicht noch nie – als Youtuber und Youtuber-Fans aus völlig anderen Gründen, nun ja: ebenfalls auf die Straße gingen.

Als am Samstag "etwa 600 junge Leute" in Frankfurt am Main "die Einkaufsstraße Zeil auf und ab" rannten (dpa/ faz.net), registrierte die Polizei einen bloß zeitlichen Zusammenhang mit der Demo gegen die EU-Pläne:

"Einen Zusammenhang mit den Demonstrationen, die am Samstag in der Innenstadt abgehalten wurden, sah die Polizei nicht. Erst wenige Minuten vor Beginn des Flashmobs war am Roßmarkt die Demonstration 'Save the Internet' zu Ende gegangen, bei der 8000 überwiegend junge Menschen friedlich gegen Eingriffe im Internet und das neue EU-Urheberrecht auf die Straße gegangen waren",

berichtete zumindest die Rundschau vom Ort des Geschehens. Vorbild war vermutlich etwas Ähnliches, das sich tags zuvor in Berlin zugetragen hatte: eine "Massenschlägerei auf Alexanderplatz nach Youtube-Aufruf". Der RBB hatte es zunächst für sinnvoll (oder korrekt) gehalten, dabei gar keine Namen zu nennen. Doch zum Glück gibt's ja unterschiedliche Ansätze der Berichterstattung. Funkes Morgenpost benannte früh Hintergründe:

"Der Stuttgarter 'Thatsbekir' hat bei YouTube rund 260.000 Follower. Bei seinem Kontrahenten handelt es sich um den User 'Bahar Al Amood' (13.000 Follower). Er gehört zu einer arabischstämmigen Berliner Großfamilie. Wie die Morgenpost aus Ermittlerkreisen erfuhr, waren viele weitere junge Angehörige polizeibekannter Berliner Clans anwesend",

worauf der Clan-Zusammenhang dann auch beim RBB auftauchte. Der dort erwähnte Tagesspiegel hat dann noch ein "skurriles Telefonat" mit einem der Youtuber geführt, allerdings leider nicht nach Urheberrecht gefragt, obwohl Aspekte der Monetarisierung eine Rolle spielten ("Was für ein Angebot können Sie machen?" – "Sie meinen Geld? Das zahlen wir unseren Gesprächspartnern nicht." – "Aber Sie müssen verstehen, bei mir hat sich auch das Fernsehen gemeldet, RTL und Sat.1 und so ..."). Ebendort brach Sebastian Leber überdies eine Lanze für die jungen Leute von heute, deren Vorgänger sich weniger öffentlich noch krasser geprügelt hätten:

"Dass sich junge, von anderen angehimmelte Menschen gegenseitig beleidigen und handgreiflich werden, gab es schon vor 15 Jahren bei den sogenannten Gangsta-Rappern. Deren Sprache war allerdings brutaler, manchmal wurden Messer gezückt. ... Leider fallen einem positive Veränderungen selten auf. Wie vorbildlich sich etwa die jungen Menschen heute bei Rockkonzerten benehmen. Wer hätte das vor 50 Jahren voraussagen können, nachdem die Fans der Stones damals die Waldbühne verwüstet hatten?"

Bevor es nun aber zu anakreontisch wird: Messer werden am Alex, einem Kriminalitäts-Brennpunkt im rot-rot-grünen Berlin, durchaus sehr, sehr häufig gezückt.

Journalismus-"Schimanski" im Porträt

Mindestens wie ein Kriegsberichterstatter, ja, vielleicht ein bisschen so, als ob der blutige Terroranschlag in Mannheim, mit dem er sich im März 2018 auf seinem rheinneckarblog.de um sein Renommee fantasiert hatte, stattgefunden hätte, steht Hardy Prothmann auf dem Foto von Miriam Stanke zum taz-Porträt über ihn da.

"Als eine Art Schimanski des Journalismus" beschreibt Autor Alexander Graf ihn einerseits. Andererseits stellt er ihn in eine Reihe mit überwiegend scharf kritisierten "prominenten Mitstreitern" wie dem "ehemaligen Spiegel-Ressortleiter Matthias Matussek, Ex-Handelsblatt-Chef Roland Tichy oder Udo Ulfkotte, der früher bei der FAZ arbeitete" (wobei sich ergänzen ließe, dass Tichy "Chef" bloß bei der Wirtschaftswoche war und Ulfkotte seit zwei Jahren tot ist). Und Prothmann verwahrt sich dagegen. Lesenswert ist das Porträt des Online-Lokaljournalismus-Pioniers jedenfalls: 

"Prothmann, kritisieren viele, reibe sich zu oft bloß noch in sinnlosen Scharmützeln mit anderen Medien auf und vernachlässige dabei sein eigenes Kerngeschäft. Seine Fehlersuche bei Kollegen ist von einer Pedanterie, der seine eigenen Texte auch nicht immer standhalten können".

Sich in Scharmützeln mit anderen Medien – die im Sinne von: Urhebern inzwischen ja längst alle sind – aufzureiben, deren Sinn sich bei genauerer Betrachtung kaum mehr erschließt, könnte ein Kennzeichen einer ganzen Generation des Journalismus sein. Und wer sich mal vergaloppiert hat, sollte Chancen, zurückzugaloppieren, natürlich bekommen.


Altpapierkorb (Intendantenwahl-Vorbereitungen, "Funktionsfiktion", Jazzverwässerung, Fernsehkabelnetz, Steilvorlagen aus Cupertino)

+++ "So groß der öffentlich ausgetragene Zoff zuvor war, so klein ist an diesem Freitagmorgen der Diskussionsbedarf. Mit 70 Ja-Stimmen, vier Enthaltungen, einer einzigen Gegenstimme und einer Ultrakurz-Aussprache wird der Vorschlag der Findungskommission abgenickt": So berichtete die Süddeutsche von den Vorbereitungen der Intendanten-Wahl beim SWR. Heißt, die Unruhe (Altpapier) wegen der vorsorglichen Reduzierung des Kandidatenfelds auf zwei hat sich gelegt. +++ Kai Gniffke ist weiter aussichtsreich im Rennen. Er "ist seit Beginn der achtziger Jahre SPD-Mitglied, er kann offenbar auf die Unterstützung der Mainzer Staatskanzlei sowie des konservativen Freundeskreises zählen", glaubte die FAZ, die auch gerne von Vorbehalten gegen die eher grüne Rivalin Stefanie Schneider berichtet. +++ Dass die von der Bild-Zeitung aufgegriffenen "Tagesschau"-Nachtschienen-Vorwürfe ihm schaden, ist kaum anzunehmen.

+++ Manchmal, aber nur manchmal äußern Rundfunkräte doch Kritik an Rundfunkanstalten. Zumindest an denen, die sie nicht selbst, äh, kontrollieren. "Der Vorsitzende des Rundfunkrats von Radio Bremen, Klaus Sondergeld, kritisiert das geplante Aus für die 'Lindenstraße' im Ersten", das ja der WDR beschloss. Ansonsten ist Sondergeld im großen (hier zusammengefassten) epd medien-Interview "gegen Pläne von Medienpolitikern, den Auftrag von ARD und ZDF auf Information, Bildung und Kultur zu verengen."

+++ Wie die Verwertungsketten so spielen: Berliner Clan-Kriminalität heute abend um 20.15 Uhr auch im ZDF-Montagskrimi mit Allerwelts-Titel ("Gegen die Angst") zuzüglich "thematischer Anschluss-Doku". "Funktionsfiktion" nennt Oliver Jungen den Fernsehfilm in einer scharfen FAZ-Kritik. Gegen die Clans kämpft Nadja Uhl als Staatsanwältin.

+++ Eine Reihe von Sat.1-Spielfilmen "mit starken Frauen", die linear parallel läuft, hat es Kurt Sagatz vom Tsp. angetan.

+++ Bissig drauf ist auch Hans Hoff: erst am Sonntag bei dwdl.de gegen Harald Schmidt (allerdings: Hat "Dirty Harry" je anderes getan als Boulevardthemen zu referieren?), heute in der SZ gegen den WDR ("... ist entschlossen, ... den Jazz erst zu verwässern und dann irgendwann final abzuschieben"; siehe Altpapier). Hauptanlass ist die unwürdige Verabschiedung "bekannter Moderatorenlegenden wie Karl Lippegaus".

+++ Es gibt eine (nicht ganz) neue Studie "Zur Richtigkeit und Ausgewogenheit der Medienberichterstattung in der 'Flüchtlingskrise'" (Tagesspiegel mit Link zurselben).

+++ Im Wirtschaftsressort will die FAZ wissen, dass die EU-Kommission den abermilliardenschweren Kauf des zweitgrößten deutschen Kabelbetreibers durch den größten, Vodafone (Spezial-Altpapier), nicht durchwinken wird. Vodafone erwäge nun, "notfalls eine Öffnung ihres Kabelnetzes anzubieten. Wettbewerber könnten die Leitungen dann anmieten und darüber eigene Angebote in die Haushalte bringen", wie es im Telefonfestnetz längst, im Fernsehkabelnetz aus irgendwelchen Gründen bisher aber nicht üblich ist.

+++ Von der FAZ bis zu dwdl.de scharren deutsche Berichterstatter schon mit den Hufen. Heute in Cupertino "ab 18 Uhr deutscher Zeit will Apple das Geheimnis um seine TV-Ambitionen lüften", also in einer Showveranstaltung seine in vielen Details, aber noch nicht integral durchgestochenen Streamingdienst-Pläne vorstellen. Und Steilvorlagen für PR souverän zu verwandeln, zählt schließlich zu den Kernkompetenzen des deutschen Onlinejournalismus.

+++ Und: "Stellen Sie sich vor, wir beide sind befreundet und wollen uns treffen. Sie schlagen das vor und ich schreibe 'Oh ja'. Es spielt nicht mehr nur eine Rolle, was ich schreibe, sondern auch, wie ich die Nachricht abschließe. Ich könnte 'Oh ja!' schreiben oder 'Oh ja!!!'. Oder drei Emojis mit Herzchen. Oder 'Oh ja ...'.": Da unterhält sich Medienlinguistik-Professor Jannis Androutsopoulos, nachdem er "drei Jahre lang das Online-Kommunikationsverhalten junger Menschen untersucht" hat, mit der SZ-Medienseite.

Neues Altpapier gibt's wieder am Dienstag!! ...

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