Das Altpapier am 5. April 2019 Zu teuer verkauft

Eine großangelegte Recherche muss sich nicht auf knackige Nachrichten-Zurufe reduzieren lassen. Journalismus überhöht sich selbst, er braucht neue Narrative. Deutsche TV-Redaktionen tun sich schwer mit dem Genre Unterhaltung. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Marionettenspieler mit Schrift "Rupert Murdoch - Marionettentheater"
Bildrechte: MEDIEN360G / Panthermedia

Wenn Sie am Wochenende Zeit haben, lesen Sie es! Wenn nicht, auch: In der New York Times haben die Journalisten Jonathan Mahler und Jim Rutenberg in einem dreiteiligen Long-long-long-Read, hinter dem eine monatelange Recherche steckt, die Entwicklungen und Aktivitäten des Medienmoguls Rupert Murdochs (u.a. Fox, Sky, Sun und viele australische Titel) ergründet. Eine Kurzfassung gibt es hier.

Die Murdochs

“turned their media outlets into right-wing political influence machines that have destabilized democracy in North America, Europe and Australia“,

heißt es dort. Auf der Medienseite der Süddeutschen formuliert Willi Winkler es so:

Gewöhnlich überschätzen die Medien ihren Einfluss auf die Politik. Im Murdoch-Imperium, das sich über die englischsprachige Welt erstreckt, handelt es sich aber sichtlich um ein freundliches Geben und Nehmen zu beiderseitigem Nutzen. Die Themen, mit denen die Wahlen in den USA, aber auch in Ungarn, Brasilien und Australien gewonnen werden, sind identisch mit den Boulevard-Klassikern: Ausländer sind kriminell, der Moslem bedroht die westliche Kultur, die eigene Identität ist gefährdet, der Klimawandel eine Erfindung masochistischer Wirtschaftsfeinde.


Das ist im Prinzip keine völlig neue Erkenntnis. Mahler und Rutenberg haben für ihre Recherche aber nicht nur ein paar Boulevard-Titel durchgeblättert und durch verschiedene Fox-Sender gezappt, sondern minutiös die Entwicklungen in Familie und Unternehmen, aber auch der Berichterstattung in den Murdoch-Medien analysiert.

So zeichnen sie nach, wie das in Großbritannien dazugehörende Boulevardblatt Sun jahrelang die EU dämonisiert habe und damit der Brexit-Kampagne half, die kleine Mehrheit der Gegner zu schwächen. In Australien hätten die Murdoch-Medien für die Aufhebung der geplanten CO2-Steuer getrommelt und dabei geholfen, eine Reihe von Premiers zu “stürzen“, z.B. Malcom Turnbull, der im vergangenen August abtreten musste. Murdoch besitzt mit seiner News Corp einen beträchtlichen Teil der Zeitungen in Australien und seit 2016 auch Sky Australia.

Natürlich wird auch die Rolle von Fox News in den USA analysiert – auch im Zusammenhang mit der Wahl Trumps zum US-Präsidenten. Fox habe sich den Slogan “fair & balanced“ gegeben. Der NYT-Medienkolumnist Jim Rutenberg ordnet das in einem zusammenfassenden Video beim NYT-Magazine so ein:

“There was a brilliance to it: We are fair and balanced because the others aren’t. That makes us different “

Es sei eine Abgrenzung gewesen von den anderen Medien und ein Schritt zu den Menschen, die sich von der sonst herrschenden Nachrichtenberichterstattung nicht abgebildet und angesprochen fühlten.

Ursprünglich habe Fox Trump hart ins Gericht genommen, aber irgendwann 2016 sei der Punkt gekommen, an dem Murdoch und der ehemalige Fox-CEO Roger Alies vor der Entscheidung standen: Tump unterstützen oder seine Basis verlieren. Dazu sei der Anreiz gekommen, mit Trump eine direkte Verbindung ins Weiße Haus zu bekommen.  

Auf alle interessanten Punkte des Long Reads von etwas mehr als zwei Stunden einzugehen sprengt leider das Format des Altpapiers. Das großartige an der Recherche ist auch, dass sie sich gar nicht so einfach zusammenfassen lässt, weil es nicht um ein knackiges, nachrichtentaugliches Endergebnis geht. Stattdessen ist gerade die in depth Recherche der Selbstzweck. Murdoch wird dabei nicht nur als Medienmensch, sondern als politischer Akteur ohne Begrenzung seiner Amtsperioden behandelt.

Überhöhte Journalismus-Narrative

Die Überleitung lieferte Alan Rusbridger, der ehemalige Guardian-Chefred und jetzige Oxford-Principal beim Vorgestern gestarteten Journalismusfestival in Perugia. Bei einem Gespräch am Donnerstag machte er Paywalls mitverantwortlich dafür, dass viele Menschen eben bei Fox landeten und nicht bei der NYT.

"I’m not anti-paywall, but paywalls come at a democratic price. (...) If 2 percent of America is reading the New York Times and 88 percent is watching Fox News, then you are setting up the country to a certain kind of politics",

wird Rusbridger in einem Tweet des Festivals zitiert. Dass sich mit Nachrichten kein Geld machen lässt, wissen wir ja längst. Das funktioniert scheinbar nicht mal als Museum, wie das in finanzielle Schwierigkeiten geratene Newseum in Washington zeigt (siehe Tagesspiegel).

Aber Rusbridger ist ohnehin der Ansicht, Journalismus und Nachrichten seien ein öffentliches Gut, das nicht ein Mensch allein für sich kaufen sollte. Wenn eine Gemeinschaft Medien finanziere, nicht nur für sich selbst, sondern für die gesamte Öffentlichkeit, entspreche das eher dem Charakter eines demokratischen, meinungsbildenden Journalismus.

Aber Rusbridger ist noch nicht fertig. Wie das bei solchen Diskussionen und Festivals häufig ist, werden die ganz großen Themen angepackt: Neben der Finanzierung sind das in diesem Fall auch das Selbstverständnis der und das Vertrauen in Journalist:innen. Journalismus brauche auch ein neues Narrativ. Nur manchmal und im besten Fall seien Journalist:innen tatsächlich die “truthtellers“, die das bisherige Erzählmuster verspreche.

“I’ve always believed that it’s a great mistake to oversell journalism. Those of us who do journalism know that it’s very hard. We often get things wrong or slightly wrong or in ways that could be bettered or could be clarified. And people are not stupid, they understand that about journalism. (…) If your’re very honest you say, journalism is not the work of history. We’re trying to do something that will be (…) inaccurate in some ways. But if we can be honest about that an tell you when we’re incorrect an clarify things, people are more likely to trust us. “

Die Angst davor, mit Fehlern transparenter umzugehen, kommt sicherlich auch von der Befürchtung, als überflüssig angesehen zu werden. Denn wenn diverse Informationen überall im Netz verfügbar sind, wer will dann noch Fehler produzierenden Medienhäusern zuhören? Dabei würde sich ja auch die Frage stellen: Was zeichnet Journalist:innen überhaupt noch aus?

Auch Guilherme Amado, Investigativ-Reporter und Vize-Präsident von des brasilianischen Netzwerks ABRAJI, sieht die Möglichleiten nicht in Abgrenzung und Exklusivität, sondern in Transparenz und Kooperation. Ebenfalls in Perugia sagte er im Interview mit dem Standard:

“Auf der anderen Seite müssen wir auch verstehen, dass wir aus unserer Journalisten-Blase heraustreten müssen. Kommunikation ist mehr als Journalismus. Wir müssen uns etwa mit anderen Stimmen und Menschen verbünden, die mit ihren Millionen von Followern eine gewisse Verantwortung in den sozialen Medien tragen. Wir müssen sie dazu animieren, mit uns gegen Falschinformationen und Hass im Netz zu kämpfen.“

Beim Klicken durch die Medien-Sparte des österreichischen Standards weht einem aktuell jede Menge umbrischer Wind entgegen. Denn das Portal hat eine Kooperation mit Studierenden der FH Wien gestartet, die aus Perugia berichten.

Jaroslav Valůch leitet für die tschechische Regierung die Initiativen zur Medienkompetenz und Desinformation. factczech.cz z.B. unterstützt tschechische Journalist:innen und Studenten bei Verifizierung und Faktenchecks. Auch er spricht sich für neue Formen des Austauschs zwischen Journos aus.

“In dem neuen und sich stetig wandelnden medialen Wirtschaftssystem müssen wir (…) neue Wege finden, Interaktionen und Beziehungen zwischen jenen, die hochwertige Inhalte produzieren, den Qualitätsstandard des Journalismus würdigen und respektieren und ihren Beruf als Leistung für die Öffentlichkeit sehen, und jenen, die diese Inhalte konsumieren und aufgrund dieser Entscheidungen – wie zum Beispiel bei politischen Wahlen – treffen, zu ermöglichen.“

Eine Balance zwischen dem sogenannten "Gotcha"-Journalismus (vom engl. got you, hab dich, also einem sehr konfrontativen Journalismus) und einem lösungsorientierten Journalismus zu finden, sei dabei die besondere Herausforderung.

“Diese Kommunikation muss außerhalb von PR-Methoden und Nachrichtenproduktionen stattfinden. Wir brauchen strategische Kommunikation, wenn professionelle Medien das Bedürfnis haben zu kommunizieren. Auch das Sprechen über Journalismus muss als Teil des guten Journalismus angesehen werden.“

Wie viel Open Journalism in dem Zusammenhang in Zukunft angeboten wird (wie aktuell z.B. bei Correctiv), wie das finanzierbar ist und ob er die Zahlungsbereitschaft der Menschen für Rechercheleistungen vielleicht wieder erhöht, ist dabei eine der spannenden Fragen.

Wer noch weiter virtuell in Perugia dabei sein möchte, dem sei die Projektseite des Standards empfohlen und der Twitteraccount des Festivals. Dort werden viele Veranstaltungen auch live gestreamt.  

Fehlender Mut

So, nach all dem Medienrettungs-Meta-Kram nun aber nochmal zurück ins bodenständige Deutschland. In der FAZ gibt es einen meiner Meinung nach bisher noch vernachlässigten Punkt zu der bereits hier im Altpapier erwähnte Youtube-Studie der Otto-Brenner-Stiftung. Annette Floren und Lutz Frühbrodt kritisierten darin eine vorgeschützte Amateurhaftigkeit von Kanälen, deren Sinn häufig vor allem in der Vermarktung von Werbeinhalten liege. Viel platte Unterhaltung, Materialismus und Konsum bei den beliebtesten deutschen Channels statt demokratisches Mitmachportal, lautete das Urteil der Studie. Axel Wiedemann schreibt nun bei der FAZ:

“Dabei gehört jedoch zur Misere auch eine Medienbranche, die zwar gut darin ist, große Plattformen wie Youtube zu kritisieren, sich aber immer noch schwertut, deren Konsumenten ernst zu nehmen und innerhalb dieses Raums geschickt für ihre eigenen Angebote zu werben, um damit etwas von der abgewanderten Aufmerksamkeit zurückzuerobern.“

Dass im deutschen TV- und Videobereich, vor allem was die Unterhaltung angeht, noch viel Luft nach oben ist, findet auch die Grimme-Jury. Heute Abend werden die ineinander verschränkten güldenen Bildschirme in Marl überreicht, in der Kategorie Unterhaltung unter anderem zum 338. Mal, äh zum fünften Mal, an Jan Böhmermann. Das liege aber nicht nur daran, dass Böhmi und die Bildundtonfabrik so überragend seien, sondern auch an der mauen Konkurrenz, sagte Senta Krasser, Mitglied in der Grimme-Nominierungskommission “Unterhaltung“ bei Deutschlandfunks “@mediasres“. Unter den Beiträgen

“waren weniger Diamanten zu finden und das hat sich in diesem Jahr leider wiederholt. Wir können 19 Produktionen nominieren. Wir haben unser Kontingent nicht ausgeschöpft, wir haben nur elf Produktionen nominiert.“

2018 habe “Dürre im Land der Fernsehunterhaltung“ geherrscht, schreibt Krasser auch in einem ausführlichen Jurybericht bei der Medienkorrespondenz.

“Der Durst nach neuem, überraschendem, ideenreichem, gewitztem, lustigem und handwerklich gut gemachtem Programm wurde nicht gestillt. Und das, wo die Unterhaltungskommission bereits im Vorjahr auf dem Trockenen saß und es durchaus Nachholbedarf gab.“

Aber woran mag es liegen, dass gutes Unterhaltungsfernsehen in Deutschland so rar ist (wie in diesem Altpapier ja auch schon angesprochen)? Uns Deutschen wird ja immer mal wieder Humorlosigkeit nachgesagt. Krasser sieht den Grund allerdings eher in fehlendem Mut in den Redaktionen:

“Wenn eine Sache erfolgreich war (…), dann versuchen die anderen, es zu kopieren. Das ist diese ‚more of the same‘. Nehmen wir das Beispiel Trödelshows: Wir werden erschlagen mit Trödelshows und Antiquitätenshows. Das ist ein Trend, der im Moment totgetreten wird. (…) Es fehlen die Überraschungen. Es heißt dann immer, er fehlt der Mut in den Redaktionen. Ich denke, kreatives Potenzial wird schon da sein, nur vielleicht fehlt auch einfach der Mut, dieses Potenzial auch auszuschöpfen.“

Altpapierkorb (Live-Streams von Bild, ORF-Budgetfinanzierung, Papst-Beistand für die Öffis)

+++ Das Berliner OVG hat entschieden: Bild darf weiter live im Netz streamen und muss keine Rundfunk-Lizenz beantragen, wie die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) es forderte. Mehr Infos gibt’s bei Horizont. Auch in der Grimberg-Kolumne drüben bei MEDIEN360G war das mal Thema.

+++ Wie es mit der Finanzierung des ORF weitergeht, wird in Österreich ja schon seit längerem diskutiert. In einem Interview für den Standard hat Oliver Mark nun den Senf des 92-jährigen Wiener Journalisten Hugo Portisch aus der Tube gedrückt. Die GIS-Gebühren abzuschaffen und den ORF aus dem österreichischen Bundesbudget zu finanzieren gefährde nicht nur seine Unabhängigkeit, sondern sei auch eine “Mogelpackung“, denn: Woher kommt das Geld des Staates? Er holt es sich vom Steuerzahler zurück. Zu sagen, wir schenken dem Steuerzahler die ORF-Gebühren und verzichten auf 250 Euro im Jahr, ist natürlich ein tolles Wahlzuckerl, aber eine Mogelpackung.“

+++ Die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland scheinen Beistand von ganz oben – also wirklich ganz oben – zu brauchen. Mit Mann, Frau und Maus (z.B. ZDF- Intendant Thomas Bellut, ARD-Vorsitzender und BR-Chef Ulrich Wilhelm, WDR-Häuptling Tom Buhrow, RBB-Herrin Patricia Schlesinger, Deutschlandradio- Stefan Raue und Deutsche-Welle-Chef Peter Limbourg) rückten Öffis am Donnerstagabend beim Papst an, berichtet der Tagesspiegel. Franziskus lobte viel und sagte den Senderchef:innen, dass sie für ihn beten sollen. Über Beistand bei kruder Sendeplanung, den Umgang mit eigenen Fehlern und transparente Kommunikation stand leider nix in der PM.

+++ Zum Todestag der Kriegsfotografin Anja Niedrighaus gibt’s einen Beitrag bei Deutschlandfunks “@mediasres“.

+++ Bei SpOn gibt’s Interview mit Hugo Blick, dem Autor, Regisseur und Produzent der Netflix-Serie “Black Earth Rising“ über den Genozid 1994 in Ruanda – für mich eine der stärksten Serien der vergangenen Monate. Es geht um Kritik aus der ruandischen Diaspora, um westliche Vorstellungen von afrikanischen Ländern und Chancen für die Filmindustrien in Nigeria und Südafrika.

+++ “Den klassischen Komödienstoff hat Drehbuchautor Benjamin Hessler mit einem Hauch Mediensatire gewürzt“, schreibt Thomas Gehringer beim Tagesspiegel über den Arte-Film “Größer als im Fernsehen“.

Neues Altpapier gibt's wieder am Montag. Ein schönes Wochenende!

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