Ein löchriger Schuh steht auf einer Zeitung, ein glänzender schwarzer Schuh auf einem Logo.
Bildrechte: MEDIEN360G / Panthermedia

Das Altpapier am 11. April 2019 Journalismus < PR

Unerquickliche Verquickung und ausfransende Grenzziehung zwischen Journalismus und PR: Parteien geben ihrer Öffentlichkeitsarbeit gern einen journalistischen, unabhängigen Anstrich. Ministerien sollen keine Geschichten erzählen, sondern Fakten liefern. Journalistennachwuchs geht lieber in die PR. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Ein löchriger Schuh steht auf einer Zeitung, ein glänzender schwarzer Schuh auf einem Logo.
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Der Newsroom-Hype erlebt seit einiger Zeit ein Revival. Eigentlich ist das Prinzip den meisten Medienmenschen seit Mitte/Ende der Nuller-Jahre kaum ein müdes Augenbrauenzucken mehr wert. Mittlerweile ist das Prinzip Newsroom aber wieder en vogue und zwar bei Parteien. Das ist eigentlich auch gar nicht so neu. Eine gestern bekanntgemachte Personalie macht das Ganze aber wieder aktuell:

"So happy :D - @Mohrenpost is taking over the @spdde newsroom”,

twitterte SPD-Justizministerin Katarina Barley über den Wechsel von Carline Mohr (ehemals Bild, ehemals SpOn, dann in die PR gewechselt) zu den Sozialdemokraten. Mehr Infos haben z.B. W&V und Spiegel Online.

Die Personalie an sich führte zu Glückwünschen, die Wortwahl "Newsroom" allerdings weniger (z.B. hier und hier bei Twitter): Auch die AfD hat schon einen (wenn auch nicht so, wie ursprünglich mit großem Getöse angekündigt), die CDU plant einen und bei der SPD tauchte die Bezeichnung ebenfalls gelegentlich auf. Bei dem Wort dürften die meisten an große Nachrichtenredaktionen denken, an Journalist:innen also. Trotzdem wurde die Bezeichnung in der Berichterstattung über Mohr größtenteils übernommen. Und, düdüm, da wären wir wieder bei der unerquicklichen Verquickung und ausfransenden Grenzziehung zwischen Journalismus und PR (Thema z.B. auch hier im Altpapier).

Geschichtenerzähler

Dass Journalismus und PR zwar ein ähnliches Handwerkszeug benutzen, aber völlig gegensätzlichen Interessen verpflichtet sind, scheint irgendwie immer wieder in Vergessenheit zu geraten. Journalismus: Gemeinwohl vs. PR: Eigeninteresse einer Organisation/Partei/Firma. Also grundsätzlich, die Realität sieht ja manchmal, räusper, etwas anders aus.

Die Selbstbezeichnung "Newsroom", die dieser PR-Arbeit einen journalistischen, unabhängigen Anstrich geben soll, ist aber nicht das einzige ausfransende Element. Auch auf inhaltlicher Ebene geht es in diese Richtung: z.B. mit dem ja nun schon länger währenden Trend des Storytellings im Politik-PR-Bereich, z.B. im Verkehrsministerium.

In der Wochenend-Sendung "Hintergrund Medien" beim WDR kritisiert Otfried Jarren, Prof für Kommunikationspolitik an der Uni Zürich, die Entwicklung. Es sei nicht die Aufgabe von Behörden, "Geschichten" zu erzählen, sondern Fakten zu liefern:

"Es geht ja darum, dass die Pressestellen, die einen öffentlichen Auftrag haben, ja auch grundgesetzlichen Anforderungen genügen müssen. Und es gibt dazu auch ein Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts, danach muss es sachorientiert sein, es muss fachlich ausgerichtet sein und auf Fakten und Tatsachen basiert sein. Es darf auch nicht manipulativ sein, die Bevölkerung darf nicht einseitig beeinflusst werden für oder gegen ein Projekt, gegen oder für eine Ministerin oder einen Minister. Also, es geht auch nicht um Geschichten, nicht um Storytelling, sondern es geht um Fakten."

Dabei müsse zwischen zwei verschiedenen Dingen unterschieden werden: 1. politischen Argumenten, die Parteien und Politiker:innen natürlich auf ihre Art vermitteln dürften. Aber wenn es 2. um eine Behörde oder ein Amt gehe, gelte natürlich eine Verpflichtung zur Sachlichkeit, Objektivität, Überprüfbarkeit und Faktentreue.

Ein entsprechendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung gebe es bereits. Um zu überprüfen, ob die Regierung und Behörden gegen deren Grundsätze verstoßen, "müsste einer klagen, z.B. eine Fraktion eine Normklage vorbringen".

Die Redaktion hat sich außerdem das Budget der Bundesregierung für die direkte Kommunikation mit den Bürger:innen angeschaut: Es sei deutlich angestiegen, von 25 Millionen im Jahr 2013 auf doppelt so viel im Jahr 2018.

Lächerliche Beträge

Wo wir schon mal bei den Moneten sind: Der journalistische Anstrich, den sich PR und Parteien gerne geben, ist umso brenzliger, wenn man die finanzielle Misere des Journalismus in den Blick nimmt. Während für PR mehr Geld ausgegeben wird, steht für journalistische Recherchen an vielen Stellen deutlich weniger zur Verfügung als noch vor zehn oder 20 Jahren.

"Den Journalismus betrachte ich weiterhin als unverzichtbare und wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die zunehmend an Attraktivität für all jene verliert, die ihn betreiben. Die traurige und brutale Erkenntnis prügelt sich jungen Journalistinnen und Journalisten schnell ein: Idealismus ist ganz nett, aber am Ende des Monats lächerliche Beträge für eine zehrende Arbeit zu bekommen, kratzt an der Würde und dem Selbstwertgefühl",

schreibt die Studentin Nele Günther in der neuen Ausgabe der Kontext Wochenzeitung über ihre bewusste Entscheidung gegen den Journalismus und für die PR.

"Das Studium finanziere ich aus eigener Tasche. Damit das auch funktioniert, beginne ich in einer PR-Agentur zu arbeiten. Da ich den Journalismus aber nicht aufgeben will, bin ich nebenher nun in der Redaktion der 'Cannstatter Zeitung' (CZ) tätig. (…) Ich quäle mich durch Honorargespräche, in denen mir Angebote von 20 Cent die Zeile und zehn Euro pro Bild gemacht werden. Ich besuche Termine, führe Interviews, ich schreibe den Text. Für nicht einmal 25 Euro. Brutto. Nach dem Feilschen um Cent-Beträge schaffte ich es auf sagenhafte 40 Cent pro Zeile. Das einzige Mantra: mehr Zeilen und mehr Bilder. Getreu dem Motto Quantität vor Qualität. (…) Schleichend geht mir nun auch der Spaß daran verloren. Ich recherchiere nicht mehr so gut, die Interviews werden kürzer. Mein Anspruch ist eigentlich ein anderer."

In dem Text wird auch deutlich, dass Public Relations und Agenturarbeit keinesfalls verteufelt gehören. Marketing und PR haben ihre Daseinsberechtigung und sich dafür zu entscheiden, ist natürlich legitim. Dabei muss allerdings klar sein, dass PR eben PR ist und damit immer in einem bestimmten Interesse agiert.

Nimmt das finanzielle Ungleichgewicht aber weiter zu, bleibt guter Nachwuchs zunehmend fern, während sich Parteien und PR-Menschen in der Öffentlichkeit als unabhängige Player inszenieren, droht der Teich wohl irgendwann zu kippen.

Zwiespalt

Dass Journalist:innen sich auch nicht immer frei machen können von Interessen ist klar. Dass Abhängigkeiten sich mit finanziellem Druck weiter verstärken, auch. Aber was ist besser: keine Berichterstattung oder Berichterstattung, die solche Abhängigkeiten mit sich bringt? Für das NDR Medienmagazin "Zapp" berichten Daniel Bouhs und Andreas Maisch über den Zwiespalt von Auslandskorrespondent:innen, die von organisierten Pressereisen berichten.

"Natürlich ist es schwierig, in so einer Situation jemanden zu finden, der sagt 'Hör mal zu, dieses Projekt ist total korrupt und wir werden hier schlecht behandelt und es gibt auch nichts zu essen'",

wird die ehemalige freie Kairo-Korrespondentin Julia Gerlach zitiert. Mittlerweile leitet sie ein Projekt für geflüchtete Journalist:innen in Berlin. Vor allem die Doppelrolle als Berichterstatter:innen für die Publikationen der Organisator:innen und für journalistische Redaktionen sei verzwickt.

"Gerlach war etwa für die Entwicklungshilfeagentur der Bundesregierung, die GIZ, im Jemen. Die GIZ schützt dort Frauen, die vor ihren Männern geflohen sind. Gerlach hat darüber zunächst für das Hausmagazin 'Akzente' berichtet, dann aber auch für Zeitungen. 'Ohne diese Einladung hätte ich nicht berichten können', sagt Gerlach. Die Lage vor Ort sei zu riskant für eine klassische Reise gewesen. Die GIZ hätte sie in ihr Sicherheitskonzept eingebunden. Die Reise sorgte also für exklusiven Zugang."

Der Sicherheitsaspekt auf der einen Seite, der finanzielle Aspekt auf der anderen Seite: Alles Abhängigkeiten, die für Nutzer:innen nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Deshalb spielt Transparenz aus berufsethischer Sicht ja auch so eine besonders große Rolle – oder sollte es zumindest. Bouhs und Maisch stellten allerdings fest:

"Bei den Stichproben zu den GIZ-Reisen fand sich kein einziger Hinweis. Die Redaktionen erklärten dazu auf Anfrage, Transparenz sei eigentlich Standard. In den konkreten Fällen sei eine Kennzeichnung mal vergessen worden, mal sei der Fall für eine Erklärung zu lange her und mal hätten auch die Autoren nicht ausreichend informiert."

Der Zeit-Journalist Wolfgang Bauer schlägt in dem Beitrag außerdem einen Recherchefonds vor, um Verstrickungen und Abhängigkeiten von Reporter:innen zu reduzieren. Dort könnten z.B. die Organisationen einzahlen. Welche Recherchevorhaben wie gefördert würden, müsse dann allerdings ein unabhängiges Gremium entscheiden.

Und wenn man sich die Liste der zahlreichen Journalist:innenpreise (eine Auswahl zum Thema gibt’s z.B. in Altpapier x, y und z) in Deutschland vor Augen hält, stellt sich eventuell irgendwann auch die Frage: Wie sinnvoll ist es, abgeschlossene Stücke mit Preisgeldern auszuzeichnen, während das Geld auf der anderen Seite, bei der Recherche, häufig fehlt? Zünden wir damit die Rakete nicht gewissermaßen von der falschen Seite an?


Altpapierkorb (Steuervorteile der Öffentlich-Rechtlichen, Uploadfilter, Türkei, Herr Grindel)

+++ Der Bundesrechnungshof ist not amused: Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten genössen zu viele Steuervorteile. In den vergangenen zehn Jahren seien das rund 55 Millionen Euro gewesen, berichtet SpOn. "Für ihre allgemeine Sendetätigkeit müssen ARD, ZDF und Deutschlandradio keine Steuern zahlen. Wenn die Sender aber Werbeplätze oder Sendungen verkaufen, müssen sie die Einnahmen versteuern. Im Gegensatz zur privaten Konkurrenz können sie dabei allerdings Pauschalen nutzen." Nach Ansicht des Rechnungshofes müssten die Pauschalen deutlich angehoben werden.

+++ Bei T-Online gibt’s ein langes Interview von Laura Stresing und Florian Harms mit dem Kanzleramtschef Helge Braun. Darin sagt er u.a.: "Am Ende werden wir es in der nationalen Umsetzung so lösen, dass es überhaupt keine spürbaren Freiheitseinschränkungen im Internet gibt. Niemand will einen Uploadfilter, der durch eine Inhaltskontrolle massiv eingreift. Das will auch die Union nicht. Aus unserer Sicht sind Uploadfilter auch nicht zwingend mit dem beschlossenen Artikel verbunden." Aha. National lässt sich ja vieles super lösen, wenn Unternehmen ihren Sitz in anderen EU-Ländern haben.

+++ Aktuell sitzen 136 Journalist:innen in türkischen Gefängnissen, berichtet der österreichische Standard über die Beobachtungen des International Press Institute (IPI). 70 Zeitungen seien seit dem Putschversuch 2016 geschlossen worden, 90 Prozent der Medien würden staatlich beeinflusst.

+++ Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm will mehr politische Unterstützung für seine Super-Mediatheken-Plattform-Idee, berichtet das Handelsblatt. Er reiche die Verantwortung damit an die Medienpolitik weiter, kolumniert Steffen Grimberg bei der taz.

+++ Herr Grindel soll nicht zurück zum ZDF, wenn es nach Intendant Thomas Bellut geht. Das berichtet jedenfalls Markus Brauck bei SpOn.

+++ "Dass ein neues Streaming-Angebot den Start eines linearen Senders vorbereitet, klingt erstmal seltsam, passiert aber nicht zum ersten Mal", schreibt Uwe Mantel bei dwdl.de. Es geht um Pro7 und 7TV und möglichst profitables Jonglieren mit Lizenzen.

+++ "Braucht es im digitalen Zeitalter wirklich noch getrennte Verbände für Zeitungen und Zeitschriften", fragt Ulrike Simon bei Horizont+.

+++ In Österreich sollen Internetnutzer:innen sich ab 2020 identifizieren lassen müssen, wenn sie in Foren oder sozialen Netzwerken posten wollen. Eine "Schnapsidee", die zu "einer (weiteren) Einschränkung der Meinungsfreiheit und der Bürgerrechte" führen könnte, befürchtet Claudia Zettel, Chefred von Futurezone.

+++ Für die Netzneutralität in den USA gibt es wieder Hoffnung, berichtet die New York Times.

+++ Nett, mau und inklusive Therapiesitzung: "Am besten ist Shahak Shapiras neue ZDFneo-Sendung, wenn er nicht mehr lustig sein will", schreibt Theresa Hein auf der Medienseite der SZ.

Neues Altpapier gibt’s wieder am Freitag.

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