Das Altpapier am 23. April 2019 Öffnet die Archive!

Hängt die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen auch davon ab, inwiefern sie ihre Geschichte zugänglich machen? Ist der neue ukrainische Präsident ein Komiker? Darf man eine Frau aus der Humorbranche, die nicht Komikerin genannt werden will, Komikerin nennen? Ein Altpapier von René Martens.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 23. April 2019: Karte der BRD in Landesfarben mit der Schrift "Rangliste der pressefreiheit 2019" mit skeptischem Smiliey
Bildrechte: Collage MEDIEN360G / Panthermedia

Der Ausschuss für Kultur und Medien des Bundestags gehört nicht zu den Gremien, denen wir hier im Altpapier besonders viel Beachtung schenken. Ein bisschen Aufmerksamkeit für den Ausschuss scheint nun aber angebracht zu sein, weil der Spiegel publik gemacht hat, dass die "1. Konferenz der freien Medien“, zu der mehrere AfD-Abgeordnete im weiteren Sinne journalistisch aktive Gesinnungsgenossen in den Bundestag geladen haben, zumindest laut Einladung “mit freundlicher Unterstützung des Ausschusses für Kultur und Medien“ stattfindet.

Möglicherweise wird sich ja bald einer von den 16 Mitgliedern des 18-köpfigen Ausschusses äußern, die nicht der AfD angehören. Dann werden wir auch wissen, ob es sich bei der Formulierung “mit freundlicher Unterstützung …“ um Flunkerei der AfD-Kameraden handelt. Von Belang ist das auch, weil als eine Art Stargast fürs “größte Netzwerktreffen der freien Medien“ der Demokratie-Abbauhelfer Steve Bannon eingeplant ist (der laut Spiegel eine Einladung “nicht dementiert“ hat).

Bannon in den Bundestag einzuladen - das ist natürlich eine Verhöhnung des Parlaments. Um mal versuchen, ein krasses Bild zu finden: Das ist so, als würde ein AfD-Aktivist laut lachend vor dem Bundestag seinen Enddarm entleeren.

Die Welt hat zur Bannon-im-Bundestag-Sache Statements der Grünen-Abgeordneten Renate Künast und Konstantin Notz aufgegriffen, geäußert hat sich auch Karin Prien, die Sprecherin des Jüdischen Forums der CDU.

Die kontraproduktive Hitparade

Das ZDF hat die Veröffentlichung der aktuellen "Rangliste der Pressefreiheit" zum Anlass genommen, mit der Rechtsextremismus-Expertin Andrea Roepke darüber zu sprechen, wie sie die Entwicklung in Deutschland einschätzt. Sie erwähnt, dass es gewissermaßen neue Akteure bei der Pressefreiheitsbehinderung gibt:

“Bei den Aufmärschen im Herbst 2018 in Chemnitz (…) gingen sogar Rentner, harmlos aussehende wütende Bürger, auf Kameras los. Schlugen darauf ein, als ob es keine Sachbeschädigung wäre und sie niemanden gefährden würden. Enthemmung und Verrohung haben das klassische rechte Lager verlassen und sich massiv ausgebreitet. Sie überschreiten eindeutig Grenzen und treffen kaum auf Widerstand. Die Polizei schaut oft weg oder macht uns als Störenfriede aus.“

Lea Fauth wiederum hat für Übermedien die Systematik bzw. das Konzept dieser Liste von Reporter ohne Grenzen kritisiert - unter der Überschrift “Pressefreiheit als zweifelhafte Hitparade“. Warum?

“Die Präsentation als Ranking macht den Medien die Berichterstattung leicht, aber sie erschwert eine tiefgründigere Auseinandersetzung (…) Im Fall von Deutschland steht es faktisch etwas schlechter um die Pressefreiheit als letztes Jahr. Da sich die Situation von Österreich und Island stärker verschlechtert, ist Deutschland in der Rangliste um zwei Plätze nach oben gerutscht. Der Hinweis, dass sich Deutschland nur dadurch 'um zwei Plätze auf Rang 13‘ verbessern konnte und nicht wegen einer tatsächlich verbesserter Lage, hat es in manche, aber nicht in alle Meldungen zum Thema geschafft.

Das erinnert an Fußball: Man kann ja auch dann um einen Platz in der Tabelle klettern, wenn man ein Spiel verloren hat - nämlich dann, wenn eine Mannschaft, mit der man vor dem Spieltag punktgleich (und ungefähr torgleich) war, noch höher verliert. In diesem Sinne hat Deutschland beim Thema Pressefreiheit nur das bessere Torverhältnis als Österreich.

Fauth weiter:

“Es gibt etliche Länder, in denen eine detaillierte Ansicht weit mehr Grund zur Sorge gibt, als die Rangliste von Reporter ohne Grenzen vermuten lässt. Deren Aufgabe wäre es, die Dimension der einzelnen Vorfälle zu differenzieren. Da reicht es nicht, von Rechtspopulismus oder Radikalen zu sprechen. Vor gewalttätigen Gelbwesten kann im Zweifelsfall eine verantwortungsbewusste Regierung schützen. Aber wer schützt vor einer Regierung, die die Pressefreiheit einschränkt? Gegen prügelnde Demonstrierende ruft man die Polizei. Aber wen ruft man, wenn die Polizei mit Gummigeschossen auf einen schießt?“

Bei Reporter ohne Grenzen würden aber “Gewalt von einzelnen Demonstrant*innen und Polizeigewalt in einem Themenblock aufgezählt, als handele es sich um dieselbe Form der Einschüchterung.“ An der Stelle lässt sich dann eine Verbindung zum eben zitierten ZDF-Interview mit Andrea Roepke herstellen. Fauth:

“Wie kann man die medienfeindliche Stimmung der Rechtspopulisten auf Demonstrationen erwähnen, ohne im selben Zug zu verdeutlichen, dass Polizeibeamt*innen die Einschüchterung zum Teil mitgetragen haben, wie etwa im Fall des ZDF-Kameramanns in Dresden? Der wird zwar in der Langfassung 'Deutschland Nahaufnahme‘ berücksichtigt, aber auch hier wird die Einschüchterung durch Staatsgewalt in eine Reihe gestellt mit pöbelnden Demonstrierenden, als seien das vergleichbare Vorfälle.“

Um diesen Abschnitt mit einem Spoiler abzuschließen: Es geht in Fauths Text auch noch um das Thema “eurozentristische Selbstgerechtigkeit“.

Die Medien und die AfD, nächstes Kapitel

Im Tagesspiegel greift Joachim Huber heute eine neue Studie der Otto-Brenner-Stiftung auf. Titel: “Agenda-Setting bei ARD und ZDF?“ Dieses Arbeitspapier bereitet Daten zu der Frage auf, inwiefern der Umfang der Berichterstattung zum Thema Flucht und Migration zum Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl 2017 beigetragen hat. Die Medienwissenschaftler Marc Liesching und Gabriele Hooffacker haben dafür “56 Wahlbeiträge, Talks, Politmagazine und Dokumentationen im Monat vor dem 24. September“ untersucht. Huber schreibt:

“Im Fokus der fünf am meisten gesehenen Sendungen zeigt sich‚ eine sehr starke Gewichtung des Migrationsthemas mit einem Anteil von über 20 Prozent an ihrer Gesamtsendezeit‘, heißt es in der Studie. Andere Perspektiven stellen ein anderes Bild her: Knapp zwölf Prozent Sendezeit aller politischen Sendungen im Monat vor der Bundestagswahl für das Thema 'Migration‘ stehen rund 15 Prozent für 'Arbeit/Familie/Soziales‘ und elf Prozent für 'Außenpolitik‘ gegenüber. Die Studie stellt fest, sie fragt nicht, ob ARD und ZDF eine andere Verteilung hätten anstreben können/sollen/müssen. Einspruch: Welches andere Thema hat Politik, Bevölkerung und Medien damals stärker bewegt? Wäre nicht sofort starke Kritik aufgekommen, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender dessen Dimension bewusst verkleinert hätten?“

Da würde ich unter anderem den Einspruch formulieren, dass die Öffentlich-Rechtlichen eigentlich in der Lage sein müssten, “starke Kritik“ auszuhalten (was ja leider eher nicht der Fall ist; siehe dazu auch einen längeren Abschnitt im heutigen Altpapierkorb). Und was die Relevanz angeht (“Welches andere Thema hat Politik, Bevölkerung und Medien damals stärker bewegt?“): Diese wurde ja vorher medial erzeugt.

Ich kann und will die Studie gar nicht kritisieren, da sie erst heute um 10 Uhr online gegangen ist (also nach Fertigstellung dieser Kolumne). Ich will aber nicht verschweigen, was für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema AfD und Medien ich mir wünsche: eine historische. Eine, die zum Beispiel als Ausgangspunkt nimmt, was der Marburger Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger vor zwei Wochen gegenüber Menschen Machen Medien gesagt hat:

“Als die Privatsender eine immer größere Akzeptanz erreichten, wurden ARD und ZDF kritisiert, ihre Sendungen richteten sich zu sehr an intellektuelle Elite, das Programm müsse volkstümlicher werden. Der Aufstieg der AfD hängt nicht zuletzt mit einer Missachtung aller Formen von Intellektualität zusammen.“

Diese Entwicklung, so Hallenberger, habe in den 1990er Jahren begonnen.

Historische Versäumnisse

Man müsste also in den Archiven forschen - was wiederum nicht so einfach ist, wie sich anlässlich Leonhard Dobuschs aktueller Kolumne für netzpolitik.org feststellen lässt.

Dietrich Leder zum Beispiel hat bereits 2017 darauf hingewiesen, “wie wenig wir eigentlich von der Geschichte der öffentlich-rechtlichen Massenmedien wissen, wie wenig der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst davon weiß und wie viel weniger er daran erinnert“ (siehe Altpapier). Die rechtlichen Gründe dafür, dass “bei öffentlich-rechtlichen Anstalten viel mehr Inhalte archiviert als der Gesellschaft online zur Verfügung gestellt werden“. benennt Dobusch folgendermaßen:

“(Es) liegt (…) nicht nur am Rundfunkrecht und an zu restriktiven Telemedienkonzepten. Noch größer als die rundfunkrechtlichen sind nämlich die urheberrechtlichen Einschränkungen (…) Die Archivare kämpfen hier auch mit historischen Versäumnissen. So wurden Rechte an einzelnen Produktionen häufig nur zur Ausstrahlung und für einzelne Wiederholungen im Fernsehen und Hörfunk erworben.“

Ergo: Es muss Geld investiert werden, um diese Rechte zu erwerben. Und um mit Dobusch gleich mal mit ein sehr großes Fass aufzumachen:

“Die digitale Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen liegt in der Öffnung ihrer Archive.“

Der Präsident aus der Serie

Angesichts dessen, dass am Sonntag der Schauspieler Wolodomir Selenskij die ukrainische Präsidentschaftswahl gewonnen hat, und zwar “mit einem Dagegen-Wahlkampf und dank der Unterstützung des Oligarchen-Fernsehens“ (Florian Hassel auf der heutigen SZ-Meinungsseite), bietet es sich an, an dieser Stelle auf einen am Samstag auf der FAZ-Medienseite erschienenen Beitrag (45 Cent bei Blendle) einzugehen, der die Wirkungsforschung von TV-Serien über den Politikbetrieb zum Thema hat. Timo Steppat beschäftigt sich dort nämlich unter anderem mit der Serie “Die­ner des Vol­kes“, deren Hauptfigur Se­lens­kij spielt:

“Hier ist die Politik ein schmutziges Geschäft, aber (es) gibt (...) den jungen Geschichtslehrer Holoborodko, der eher versehentlich Regierungschef wird (…) Im Wahlkampf hat das Kampagnen-Team Selenskijs sehr gezielt das Image des Politikers aus der Serie verbreitet. Auf der Website des Kandidaten wurde das Bild des Seriencharakters veröffentlicht, außerdem verwies man auf Szenen aus der Serie. Der Kandidat gab wenig Interviews, ließ sich nicht auf Diskussionen ein. Die Ukrainer wussten über ihn fast nur, was sie aus der immer beliebteren Fernsehserie erfuhren. Staffel 3 startete kurz vor den Wahlen.“

Aber:

“Eine Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS) legt nahe, dass die Serie nur eine nachgeordnete Rolle spielt. Nur sechs Prozent der Ukrainer gaben an, Selenskij gefalle ihnen in der Rolle des Präsidenten, den er im Fernsehen spielt.“

Woran sich wiederum mit einem weiteren Aber anschließen lässt:

“54 Pro­zent sagten (…), das Land brauche ein ‚neues Gesicht in der Politik‘. Der Medienwissenschaftler Andrij Byt­chenko vom Kiewer Rasumkow-Forschungszentrum verwies bei der Deutschen Welle darauf, dass sich die Produktionsfirma Selenskijs seit Jahren mit einer Vielzahl von Satire-Formaten über die Politik lustig mache und den Humor ei­er Generation präge. Der mediale Boden für die Kandidatur wurde bereitet– und Selenskij galt als ‚Inbegriff der Opposition gegen das Establishment‘.“

Die “neue Presse“

Ob der Comedy-Seriendarsteller Selenskij “Komiker“ genannt werden möchte, wissen wir wiederum nicht. Zeit Online tut es freilich (siehe den Kommentar mit der Überschrift “Ein Komiker demokratisiert die Ukraine“) - und die Agentur Reuters auch (siehe SZ-Video). Wer wiederum garantiert nicht “Komikerin“ genannt werden möchte, wissen wir dafür ganz genau. Es ist die Humorgewerbetreibende Enissa Amani, die man etwa dank eines “Netflix-Original-Comedy-Specials“ kennen könnte. Wir wissen es, weil Amanis Reaktion darauf, dass sie gerade Komikerin genannt wurde, am Wochenende "Alpha-Twitterhausen" und Beta-Twitterhude umtrieb.

Hintergrund: Am Freitag hat Anja Rützel bei Spiegel Online eine Rezension der Pro-Sieben-Show “About You Awards“ veröffentlicht, eine Art Goldene Kamera für Influencer. Rützels Artikel ist eine unterhaltsame Polemik, die sich auf tendenzielle unsubtile Weise mit der guten alten Redensart zusammenfassen ließe, dass sämtliche an der Veranstaltung Beteiligte nicht mehr alle Nadeln an der Kiefer haben. “Die acht unangenehmsten Momente“ hat Rützel notiert, für einen - wohlgemerkt: einen - ist Jurorin Enissa Amani verantwortlich:

“(Sie) hält einen sehr langen, extrem sonderbaren Vortrag darüber, dass sie sich als Stand-upperin diskriminiert fühlt, wenn man sie "Komikerin" nennt (und dass sie sich "Nutten" für ihre Bühnenshow wünscht). Ja, sie kündigt gar an, nach Nicaragua auswandern zu wollen, um dort fürderhin Papayas zu züchten, sollte sie von der Presse noch einmal als "Komikerin" bezeichnet werden, sofort wolle sie ihre Bühnenkarriere beenden, müsste sie den unsachgemäßen Begriff "Komikerin" noch einmal über sich lesen, "ich schwöre, ich schmeiß alles hin", weshalb man sie wirklich auf keinen Fall mehr "Komikerin" nennen sollte, denn spätestens nach dieser Rede kann einfach keiner wollen, dass wir diese Komikerin an die Fruchtproduktionsbranche verlieren. (Nur nochmal zur Sicherheit: Komikerin.)“

Weil Rützel also die Vorlage verwandelt hat, ist nicht nur Amani auf Zinne, sondern vor allem ihre Instagram-Follower*innen-Armee, die, wenn man den statistischen Angaben glauben darf (was man ja muss), eine halbe Million Köpfe stark ist. Diese wackeren Kämpfer*innen haben nun

“das Osterwochenende genutzt, um wiederum Rützel auf allen Social-Media-Kanälen recht deutlich zu machen, was sie von ihr halten (und von ihrem Hund, der zwar nicht mitgeschrieben hat, aber egal - mitgefangen, mitgehangen)“,

wie David Denk in der SZ schreibt. Hier findet sich ein Extrembeispiel. Man fragt sich, was erst passiert wäre, hätte Rützel Amani als Ulknudel bezeichnet. Zur “Insta-Hetzjagd“ (watson.de) und den Reaktionen darauf hat Amani dann unter anderem getwittert:

“Tja, 'wir‘ sind eben die neue Presse, nur mit mehr Reichweite.“

Über die grundsätzliche Dimension dieses Auf-die-Fresse-Tweets - mittlerweile gelöscht, aber unter anderem hier konserviert - wird man künftig vielleicht noch nachdenken müssen. Alexander Dinger  hat schon mal angefangen:

“Klassische Begriffe wie 'Massenmedien‘ sind überholt, wenn Influencer Follower von angeblich mehr als 500.000 Menschen haben, die mit klassischen Medien wiederum nichts anfangen können.“

In der alten Medienwelt hatte das, was Journalist*innen über Leute schrieben, immer nur Folgen für die Leute, aber selten einmal für die Journalist*innen. Das hat sich mittlerweile geändert. Schade allerdings, dass das fast immer nur Folgen für die Falschen hat, und natürlich gehört Anja Rützel in diesem Sinne zu den Falschen.

Kompliziert ist die Sache allemal: Amani war bisher eine von den Guten - siehe etwa diesen Battle mit einem “Hund“ von der AfD. Und dass jenseits Rützels treffender Bemerkungen Kritik an Amani durchgehend überzeugend formuliert wurde, lässt sich nun leider auch nicht sagen. Ich konzentriere mich - wir haben hier im ersten Altpapier nach einem sehr langen Wochenende ja nicht nur bereits eine lange Strecke hinter uns, sondern im Korb gleich noch viele andere wichtige Themen abzuhandeln - daher auf die überzeugenden.

Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray hat zum Beispiel angemerkt: “Amanis sexistische Aussage, sich auch ‚Nutten‘ auf der Bühne zu wünschen, bleibt unsichtbar.“ Und Ferda Ataman schreibt: “Ihr Auftritt war sexistisch und verstörend. Kritik daran muss möglich sein. Und dass sie das Wort #Komikerin 'unsexy‘ findet, ist ihr Problem.“


Altpapierkorb (Carole Cadwalladr, Kai Diekmann, Lyra McKee, Dieter Wild)

+++ Zu den Höhepunkten der Ted-Konferenz, die in der vergangenen Woche in Vancouver stattfand, zählt Andrian Kreye (Samstags-SZ) den Vortrag der Investigativjournalistin Carole Cadwalladr (The Observer), die über von ihr recherchierten “Machenschaften von Facebook und Cambridge Analytica während des Brexit“ sprach. “Mit zunehmender Verzweiflung erzählte sie (davon), (…) wie Facebook mithalf, sämtliche Gesetze freier Wahlen und demokratischer Diskurse auszuhebeln.“ Wie Facebook und Cambridge Analytica die Brexit-Entscheidung beeinflussten, darüber liefert im Übrigen eine im März gesendete und trotz vieler leerer Bilder sehenswerte ZDF-Dokumentation Aufschluss, in der Cadwalladr zu Wort kommt. Ihren Ted-Vortrag findet man hier.

+++ “Kritik zu ertragen, ist nicht ihre Stärke, Selbstkritik noch weniger" hieß es an dieser Stelle am Gründonnerstag über die Öffentlich-Rechtlichen, Bezug nehmend auf einen Kommentar der Medienkorrespondenz. Die Blätter für deutsche und internationale Politik haben aus ihrer April-Ausgabe einen Artikel Norbert Schneiders online gestellt, der die sehr eingeschränkte Kritikfähigkeit historisch einordnet: “In keiner Phase in der deutschen Rundfunkgeschichte war der öffentlich-rechtliche Rundfunk, gewiss auch als Folge von rüden politischen Attacken, nicht von Imagesorgen und Existenzängsten geplagt. Das hat ihn gegen Kritik von außen empfindlich gemacht. Vor allem durch eine kritische Presse fühlten sich die Skeptiker immer wieder in ihrer Sorge um eine gedeihliche Zukunft bestätigt. (…) Ein besonderer Schub für Zukunftsängste brachte Mitte der 1980er Jahre die Zulassung des Privatfunks in der Bundesrepublik (…Sie verstärkte das Gefühl, außer dem Bundesverfassungsgericht keine besten Freunde mehr zu haben und weitgehend auf sich allein gestellt zu sein. Trotzig bestand man darauf, nur selbst seine Probleme angemessen beurteilen zu können, ein Kommunikationsverhalten, das auf Außenstehende arrogant wirken musste.“ 

+++ Man darf ja auch mal uneingeschränkt loben. Der Bildblog tut’s, und wie zitieren es gern: “Viele Details wären ohne die hartnäckige Arbeit einiger Journalisten, vor allem von Riffreporter Jan-Martin Wiarda und den Journalisten der Rhein-Neckar-Zeitung, wohl nie an die Öffentlichkeit gelangt.“ Worum geht’s? Um eine von der Bild-Zeitung verbreitete und von anderen Medien aufgegriffene dubiose Kampagne für einen vermeintlichen “Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik“, bei der auch ein chinesisches Pharmaunternehmen und der frühere Bild-Chefredakteur Kai Diekmann eine Rolle spielen.

+++ Dass Upload-Filter der Online-Plattform Scribd in zahlreichen Fällen die Veröffentlichung des Mueller-Reports (Altpapier) blockierten, und zwar mit der Begründung, “das Dokument sei urheberrechtlich geschützt“ - das berichtet Simon Hurtz für SZ.de. “Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens hält niemand Urheberrechte am Mueller-Bericht. Dokumente, die von der US-Regierung erarbeitet und publiziert werden, sind gemeinfrei. Jeder darf sie kopieren und veröffentlichen, wo und so oft er will.“

+++ Heute in der gedruckten SZ: eine Empfehlung für die heute bei Arte zu sehende Dokumentation “Panzer. Macht. Geschichte“: “Im Mittelpunkt steht eine Geschichte von Gewalt und Werkzeugen der Macht, jener Waffe eben, welche die Kriegführung revolutionierte (…) Kenntnisreich gehen Almut Faass und Anja Kindler in ihrem Film der Geschichte dieser Waffe nach (…) Die Dokumentation wirft ein Licht ins wenig bekannte Innere der Sowjetunion der Dreißigerjahre, die nicht nur vom Horror der Stalinismus geprägt war, sondern auch von einer gewaltigen Industrialisierung. Der Panzer war auch für die sowjetische Ideologie wie geschaffen, als Offensivwaffe wie als Massenprodukt von den Montagebändern. Genau an dieser Waffe scheiterte der deutsche Vernichtungskrieg Ende 1942, als schnelle Panzerverbände die 6. Armee in Stalingrad einkesselten.“

+++ Wer die in der Nacht zum Karfreitag bei Unruhen in Derry getötete nordirische Journalistin Lyra McKee war und was sie auszeichnete, beschreibt Ralf Sotschek für die taz: “McKee schrieb unter anderem für den Belfast Telegraph, das Satire-Magazin Privat Eye und sie war Redakteurin bei Mediagazer, einer US-Webseite. 2016 nahm das Forbes-Magazin McKee in die Liste ’30 unter 30 in den Medien’ auf. Aufsehen erregte sie mit ihrer Recherche zur Suizid-Rate in Nordirland. Sie stellte fest, dass sich in den 16 Jahren nach Unterzeichnung des Belfaster Abkommens 3.709 Menschen umgebracht haben – mehr als während des knapp 30 Jahre dauernden Konflikts getötet wurden. Sie erklärte das damit, dass Kinder, die in Armut aufwachsen und deren Eltern und Nachbarn durch den Krieg traumatisiert sind, davon in Mitleidenschaft gezogen werden, auch wenn sie nie selbst etwas dieser Art erlebt haben.“ Bei Medium schreibt Sophie Warnes: “I saw Lyra McKee described as a 'tiny lesbian Tintin‘ by a mutual friend, and my gosh that feels like the most accurate description.“

+++ Im Alter von 88 Jahren verstorben ist der langjährige Spiegel-Auslandsressortchef Dieter Wild. “Das Magazin war für viele Qualitäten bekannt, zu denen ein erfreulicher Umgangston aber nicht an allererster Stelle gehörte: Wild dagegen verband kühle Professionalität mit Milde und souveräner Gelassenheit“, schreibt die SZ, für die Wild nach seiner Pensionierung gelegentlich als Autor tätig war. Der Spiegel hat natürlich auch einen Nachruf im Blatt: “Wild führte so viele Spiegel-Gespräche und Interviews (197) wie kein anderer, mit Politikern und Schriftstellern, am liebsten mit Franzosen wie dem Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing oder Autorinnen wie Françoise Sagan.“

Neues Altpapier gibt es am Mittwoch.

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