Das Altpapier am 26. April 2019 "Da bleibt selbst Böhmermann die Spucke weg"

Jan Böhmermann und die Medienkritik verneigen sich vor Frank Elstner. Die "Mitte-Studie" der Friedrich-Ebert-Stiftung spaltet die Politik-Kommentatoren. Und Framing-Analysen sind vielleicht doch praktisch. Ein Altpapier von Kathrin Hollmer.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 26. April 2019: Frank Elstner und Jan Böhmermann sitzen sich gegenüber.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G / Youtube/Zoo Agency

Wahrscheinlich gibt es keine Tageszeitung in Deutschland, die heute nicht über die sogenannte "Mitte-Studie" (hier als PDF-Download) der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Universität Bielefeld berichtet hat, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Neben halbwegs beruhigenden Zahlen (immerhin 86 Prozent halten es für "unerlässlich, dass Deutschland demokratisch regiert wird", immerhin 80 Prozent der Befragten befürworten, wenn Menschen sich gegen Hetze gegen Minderheiten einsetzen), gibt es auch viele beunruhigende. Von den Medien wird allerdings vor allem eine aufgegriffen: 54,1 Prozent. So viele stimmten in der Befragung negativen Aussagen gegenüber asylsuchenden Menschen zu, trotz gesunkener Zuwanderung ist das der höchste jemals in der Studie gemessene Wert (seit 2011 wird diese Kategorie abgefragt).

Der Fokus auf diese eine Zahl spiegelt sich schon in den teilweise reißerischen Überschriften wider:

Eine kleine Auswahl:

"Jeder zweite Deutsche hat Vorbehalte gegenüber Asylsuchenden" titelt der Tagesspiegel,
"So denken Deutsche über Flüchtlinge" die Bild,
"Mehr als jede Zweite hat Vorbehalte gegen Asylsuchende" Zeit Online,
"Abneigung gegen Asylsuchende nimmt zu - Jeder zweite Deutsche hat Vorbehalte" das Handelsblatt,
"Mehr Vorbehalte gegen Asylbewerber" der Münchner Merkur (Print),
"Große Vorbehalte gegen Asylsuchende" die Südthüringer Zeitung (Print),
"Vorbehalte gegen Asylsuchende nehmen zu" die Stuttgarter Nachrichten (Print).

Die Zahl, mehr als die Hälfte, ist natürlich erschreckend, andere Aspekte in der Studie aber auch, die dabei leider etwas untergehen. Dass gut drei Prozent der Befragten offen den Nationalsozialismus verharmlosen, zum Beispiel. Auf der Meinungsseite der SZ kommentiert dazu Anna Reuss:

"Verglichen mit anderen Altersgruppen stimmen die Jüngeren am häufigsten Aussagen zu, die den Nationalsozialismus verharmlosen. Dass gerade die junge Generation dazu beiträgt, den Holocaust zu verharmlosen, ist beschämend: Es zeigt, dass die Befassung mit den Taten der Deutschen im Dritten Reich nicht intensiv genug ist. Die Debatte um Pflichtbesuche für Schüler in KZ-Gedenkstätten muss konsequenter geführt werden. Es wäre wünschenswert, dass jeder Deutsche einmal eine Baracke aus jener Zeit betritt oder sich auf dem Appellplatz mit der Geschichte auseinandersetzt."

Die Parteien haben die Studie genutzt, um gegen Extremismus und für bessere Demokratiebildung zu mobilisieren (Beispiel-Tweets etwa hier oder hier), Spiegel Online hat Reaktionen gesammelt.

Wenig thematisiert werden in der Berichterstattung zwei Themen, nach denen in der Studie, die alle zwei Jahre erscheint, erstmals gefragt worden ist, und die erschreckende Zahlen liefern:

Zum einen Verschwörungstheorien. 45,7 Prozent (fünfundvierzigkommasieben) der Befragten gaben an, dass sie an geheime Organisationen glauben, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. 32,7 glauben, PolitikerInnen und andere Führungspersönlichkeiten seien "nur Marionetten dahinterstehender Mächte". 24,2 Prozent finden, Politik und Medien "stecken unter einer Decke". 11,6 Prozent zweifeln den Klimawandel an. (Falls die sich auf Trump berufen, bitte die Antwort auf Frage 10 in diesem SZ-Interview lesen.)

Zum anderen das Thema Antifeminismus. In der Studie heißt es:

"11 % der Befragten glauben: 'Es gibt heutzutage einen Krieg gegen die traditionelle Ehe und Familie.'"

Elf Prozent. Bei einem völlig unangemessenen Begriff wie "Krieg".  

Heruntergespielt wird die Studie, gerade der Titel "Verlorene Mitte – Feindselige Zustände", von Jasper von Altenbockum, der in der FAZ kommentiert, es sei

"ein wiederkehrendes Ärgernis, dass solche Studien im Übereifer dazu missbraucht werden, die Gefährdung der Mitte einseitig darzustellen – einmal abgesehen von Übertreibungen, die schon im Titel liegen: Von einer 'verlorenen Mitte', wie jetzt auf dem Deckel der Studie der Stiftung zu lesen ist, kann keine Rede sein. Allenfalls droht die Mitte, in der sich die beteiligten Forscher verorten, verloren zu gehen. Die liegt nämlich eher links.

An manche Einseitigkeit hat man sich gewöhnt: Etwa dass im Vorwort noch von 'rechtsextremistischen' Einstellungen die Rede ist, daraus spätestens im fünften Kapitel 'rechte' Mentalitäten geworden sind. Ginge es um linksextremistische und linke Einstellungen, würde zumindest Ralf Stegner protestieren."

Man muss den Kommentar natürlich im Kontext, der politisch konservativen FAZ, sehen, und auch den Ton der Studie, die die – SPD-nahe – Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gibt. Grund zum Herunterspielen gibt es aber keinen. Laut der Befragung vertreten (ich weigere mich, "nur" zu schreiben) 2,4 Prozent ein gänzlich geschlossenes, rechtsextremes Weltbild. Das mag wenig erscheinen, beängstigende 21 Prozent allerdings neigen zu rechtspopulistischen Einstellungen.

Von Altenbockum kritisiert in seinem FAZ-Artikel auch die Fragestellung innerhalb der Studie. Über die suggestiven Fragen in der "Mitte-Studie" gibt es ein interessantes Interview vom Deutschlandfunk aus dem Jahr 2016.

Framing-Analysen – eine Ehrenrettung

Das Framing-Gutachten, das die ARD in Auftrag gab, wurde bereits im Februar lang und breit diskutiert (siehe Altpapier). Die Medienwissenschaftlerin Friederike Herrmann verteidigt in einem epd-Medien-Beitrag nun das Konzept der Framing-Analyse (auch wenn sie das Papier selbst nicht gut findet. Zitat: "So etwas kommt vor." Im Artikel beschäftigt sie sich aber auch noch ausführlicher mit der falschen Methodik im ARD-Gutachten.)

Medienschaffende, schreibt Herrmann, können Framing nutzen, um Ideologien im öffentlichen Kurs offenzulegen.

"Ein gutes Beispiel hierfür ist die Debatte um Flüchtlinge der vergangenen Jahre. Allein schon der üblicherweise in diesem Zusammenhang benutzte Begriff Flüchtlingskrise enthält eine weitgehende Interpretation: Er behauptet, dass die Ereignisse unsere Ordnung überforderten. Zum Vergleich: Welche Dynamik wäre in Gang gesetzt worden, hätten wir 1989/90 ständig von einer Wiedervereinigungskrise geredet? Schon einzelne Worte können eine sehr weitreichende Interpretation der Wirklichkeit in Gang setzen: Wer etwa von Flüchtlingsströmen oder einer Flüchtlingswelle spricht, ruft den Deutungsrahmen einer Naturgewalt auf, die nicht zu stoppen ist."

Und weiter:

"Im Oktober 2015 widmeten die wichtigsten Nachrichtensendungen des Fernsehens weit mehr als die Hälfte ihrer gesamten Sendezeit dem Thema Flüchtlinge. Genaugenommen ging es oft nicht um die Flüchtlinge selbst, sondern um die innenpolitische Debatte zum Thema, insbesondere um die beständigen Angriffe Horst Seehofers auf die Kanzlerin."

Vielleicht hängt auch das zusammen mit den Vorbehalten, die die "Mitte-Studie" festgestellt hat. Auf den Schritt, offenzulegen, was falsch läuft in der Berichterstattung, muss dann nur auch die Konsequenz folgen, Fehler nicht zu wiederholen.

Verneigung vor dem "freundlichen alten Mann"

Nachdem Frank Elstner in der Donnerstagsausgabe der Zeit seine Parkinson-Erkrankung und den Start seiner neuen Youtube-Sendung öffentlich gemacht hatte, konzentrierte sich die Berichterstattung zunächst auf die Krankheit (siehe Altpapier). Gestern wurde dann die Talk-Sendung zum ersten Mal ausgestrahlt, eine "Abschiedstournee", wie er darin sagt, und die Medienkritik überschlägt sich mit Lob:

Seine Sendung mit dem Titel sei eine Offenbarung, rezensiert Michael Hanfeld in der FAZ:

"Für diese sorgt Elstner und sorgt sein erster Gast Jan Böhmermann, von dem man das nun wirklich nicht unbedingt erwartet hätte. Der härteste Satiriker von allen trifft den freundlichen alten Mann aus Luxemburg? Es dauert nur eine Minute, da hat sich alles verwandelt. Den Ironiemodus, aus dem Harald Schmidt vor der Kamera nie herausfand, legt Böhmermann nach einer Minute ab. Es scheint ihm geradezu peinlich, dass er sein Gegenüber in seiner Sendung 'Neo Magazin Royale' einmal beerdigt hat, wie Elstner ganz unbekümmert anmerkt und ergänzt: 'Heute geht es auch um mein Ende, denn es wird eine meiner letzten Sendungen sein.' Der eine verabschiede sich, der andere stehe mitten im Leben und habe einen 'Riesenerfolg'. Da bleibt selbst Böhmermann die Spucke weg, denn Elstner meint es ernst, auch das Lob, mit dem er ihn überschüttet."

Focus Online titelte übrigens: "Erste Show nach Parkinson-Bekenntnis: Frank Elstner rührt Böhmermann fast zu Tränen". Beinahe-Tränen habe ich keine gesehen (entsprechende Hinweise nehme ich aber gern entgegen).

"Warum läuft das bei Youtube und nicht bei ARD oder ZDF",

fragt Hanfeld am Ende in der FAZ. Ich möchte anfügen: zur Primetime und nicht nach 23 Uhr, wo die Öffentlich-Rechtlichen viel zu oft die guten Sachen verstecken.

Theresa Hein stellt in ihrer Kritik auf der SZ-Medienseite, was Frank Elstners Youtube-Talk so erfrischend macht:

"Es gelingt (...) vor allem deswegen, weil Elstner etwas perfektioniert hat, was die wenigsten Menschen auf Fernsehbühnen können (auch bei Böhmermann lässt sich nur darüber spekulieren). Elstner hört zu, er nimmt sich zurück, er weiß, dass seine Sendung immer nur so groß ist, wie der Raum, den er seinem Gast gibt."


Altpapierkorb (Neues über Ján Kuciak und Cumhuriyet, keine Systemkrise im Journalismus, Trump und die Russland-Sonderermittlung, Nachruf auf Ken Kercheval, Haltung im Journalismus und allerlei Influencer)

+++ Der mutmaßliche Auftraggeber des Mordes an dem systemkritischen slowakischen Reporter Ján Kuciak im vergangenen Jahr ließ auch andere Journalisten bespitzeln, schreibt Tobias Zick in der SZ.

+++ In der Türkei sind sechs ehemalige Mitarbeiter der regierungskritischen türkischen Zeitung Cumhuriyet erneut verhaftet worden, meldet Spiegel Online.

+++ Hans Leyendecker, Investigativjournalist und ehemaliger Ressortleiter bei der SZ, sagt in einem Gespräch mit epd Medien, er sehe den Fall Relotius "nicht als Beleg für eine Systemkrise", sondern einen Einzelfall. Bemerkenswertes Zitat: "Mir fiel auf, dass alles immer so perfekt war bei ihm. Ich habe gedacht: Gut, das ist eben ein junger Außerirdischer. (...) Aber einer Redaktion kann das schon auffallen - so viele Außerirdische gibt es auch beim 'Spiegel' nicht. Nicht mal bei den Alten."

+++ Bereits am Mittwoch führte Marc Pitzke bei Spiegel Online in fünf Beispielen aus, wie der Bericht des Sonderermittlers Robert Mueller zu Trumps Russlandaffäre den kritischen Medien einen "Freispruch" erteilt: Der Bericht bestätigt (größtenteils) die Enthüllungen über Trump.

+++ Ken Kercheval, bekannt als Cliff Barnes in der 80er-Jahre-Serie Dallas, ist am Sonntag im Alter von 83 Jahren gestorben. Er wurde bekannt als Gegenspieler von J.R. Ewing (Larry Hagman). "Natürlich war Scheusal (J.R., Anm.) die bessere Rolle", schreibt Willi Winkler in seinem Nachruf in der SZ. "Sein liebstes Opfer, ausdauernd und leidensfähig wie ein gut eingelaufener Wanderstiefel, war Cliff Barnes."

+++ Der DLF beschäftigt sich mit Haltung im Journalismus, zu Wort kommen unter anderem die Zeit-Redakteurin Mariam Lau, die im vergangenen Jahr mit ihrer Contra-Position zur privaten Seenotrettung (Titel: "Oder soll man es lassen?") eine Debatte lostrat, und Stefan Niggemeier von Übermedien.

+++ TikTok, die App, auf der 15-sekündige Videos geteilt werden, nutzen immer mehr Medien, darunter funk, das Jugendangebot von ARD und ZDF, und der WDR-Radiosender 1Live, beobachtet Meedia und fragt, ob man dort auch Geld verdienen kann. In der aktuellen Zeit lernen wir außerdem die schwäbischen Zwillinge Lisa und Lena kennen, bis sie eben ihren Account gelöscht haben, waren sie die einflussreichsten TikTok-Influencerinnen.

+++ Die drei YouTuber AlexiBexi, Lisa Sophie Laurent und Kupferfuchs sollen im Auftrag des Europäischen Parlaments Erstwähler für die anstehende Europawahl im Mai motivieren, schreibt W&V.

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