Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 21. Mai 2019:  Sebastian Kurz (l), Bundesparteiobmann der ÖVP auf einem sinkenden Schiff vor Ibiza
Bildrechte: MEDIEN360G / dpa / Panthermedia

Das Altpapier am 21. Mai 2019 Was wir wissen, ist nicht dasselbe

Das deutsch veröffentlichte österreichische Ibiza-Video zeigt nicht nur ein so aufschlussreiches wie unterhaltsames "Sittenbild", sondern dürfte auch langfristig Spannung garantieren. Schon wegen der vielen unterschiedlichen Wissensstände. Außerdem: die Android-Huawei-Sache und weitere Themen, die zurzeit unter weit ihrem Aufregungs-Potenzial bleiben. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 21. Mai 2019:  Sebastian Kurz (l), Bundesparteiobmann der ÖVP auf einem sinkenden Schiff vor Ibiza
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"Ibiza-Affäre", "Strache-Sache", vielleicht in Kürze: Kurz-Sturz bzw. -schluss, oder (wem das noch immer nicht zu doof ist): was mit "-gate" – ein einheitlicher Begriff hat sich noch nicht durchgesetzt für die Medien-getriebene Ereignisse, an denen nun Österreichs Regierung zerplatzte. Falls der Ablauf der Ereignisse interessiert, wäre der zweispaltig ausgeruhte Liveticker des Standard zu empfehlen.

Jedenfalls: Für die deutschen Medien, ganz besonders natürlich die Süddeutsche Zeitung und den in seinen traditionell umso höheren Ansprüchen angeschlageneren Spiegel, ist das zunächst eine gute Situation. Viel eher, als wenn Medien in schönen Reden wieder "vierte Gewalt" (von der etwa Kurt Kister im gestern hier erwähnten Kommentar schrieb) genannt werden, überzeugt es, wenn sie solche Kontrollfunktionen praktisch ausüben.

Außerdem dürfte es sich um eine lang laufende Geschichte handeln, die schon deshalb noch viel künftige Aufmerksamkeit verspricht, weil bis zur Bildung der nächsten gewählten österreichischen Regierung viel Zeit vergehen dürfte und sich solange viele Parallelen zur deutschen und sonstigen Politik anbieten. Das "Lassen Sie sich überraschen und lesen Sie weiter die Süddeutsche Zeitung" des ("lieber Wien"-er) SZ-Redakteurs Oliver Das Gupta im Standard-Interview deutet auf allerhand einkalkuliertes Fortsetzungspotenzial, das auf der heutigen Start-, pardon, Titelseite der SZ ("Spur zu einem möglichen FPÖ-Spendenverein") erst ein bisschen gehoben wird.

Von den Medien kaum kalkulierbares Potenzial ist ebenfalls enthalten, schon weil die Geschichte nicht nur noch lang laufen dürfte, sondern schon lange lief und Fragen, was mit dem Video-, Audio- und womöglich sonstigen Material seit seiner Entstehung im Juli 2017 angestellt werden sollte und wurde, ebenfalls berechtigt sind. "In Österreich heißt es, informierte Kreise wüssten seit einem Jahr von dem Video", schrieb Michael Hanfeld in seiner gestrigen FAZ-Zusammenfassung (; in der er auch den treffenden Genrebegriff "Sittenbild" benutzte).

Derzeit läuft ein für Schlagzeilen-getriebene Medien (was im Internet ja eigentlich alle sind) attraktives, sozusagen intertextuelles Geflecht, in dem Böhmermann-Manager auf Nachrichtenagentur-Anfrage geschickt dementieren, was im Fernsehen interviewte SZ-Redakteurinnen auch nicht ungeschickt andeuteten. Hübsches, aktuelles Beispiel: "Eine Beteiligung Böhmermanns an der Erstellung 'können wir ausschließen', hieß es dazu vom ZDF" auf Anfrage der Bild-Zeitung. Das könnte demnächst ein wenig konfligieren mit der ebenfalls aktuellen, äh, Nachricht "Moderator Jan Böhmermann hat wohl erneut angedeutet, mehr über den Skandal zu wissen ...", die z.B. der Bayerische Rundfunk vorbildlich vorsichtig (gute Andeutungen deuten schließlich nur an, dass sie andeuten ...) formulierte. Da geht's um dotheyknowitseurope.eu. Doch vermutlich haben alle Seiten alle Äußerungen, nach ihren jeweiligen Maßstäben und Interessen natürlich, genau abgewogen.

Das ist dann auch wieder die Stunde ist für die "Was wir wissen, was wir nicht wissen"-Formate, die Onlinemedien längst routiniert anfertigen, z.B. welt.de ("In der Talkshow 'Anne Will' gab Martin Knobbe, Co-Leiter des Hauptstadtbüros des 'Spiegels', am Sonntag jedoch zu ..."). Wie viele Links zu Videos aus Fernsehen und Internet, zu Onlineartikeln und Posts in sog. soz. Medien (außer Tweets auch neuen Twitter-Accounts wie @kurzschluss14) enthalten sind, zeigt schön, wie vielfältig die Medienlandschaft zurzeit ist. Und dass die deutschsprachige Medienlandschaft größer und vielfältiger ist als die rein deutsche, kommt naturgemäß auch rüber.

"Wenn ein einziges Video eine Regierung stürzen kann, dann ist das für Journalist*innen einerseits ein Grund zum Jubeln, andererseits zu großer Vorsicht", leitet Peter Weissenburger in der taz eine zeitungsgemäßer gestaltete Variante ein, die allerdings genau dort, wo's spannend wird ("mit dem Ohr des Gudenus") vorerst aufhört. Allerdings hat er auch noch einen der vielen zum Interviewtwerden zur Verfügung stehenden Spiegel-/ SZ-Journalisten interviewt und Bastian Obermayer die Frage gestellt, "ob Sie da eingespannt werden in eine politische Kampagne". Die Antworten des SZ-Redakteurs sind einerseits ("weil es von überwältigender Wichtigkeit ist für die Menschen, zu wissen", wie Österreichs inzwischen ehemaliger Vizekanzler tickt) weitestgehend Konsens und bleiben andererseits ("Es ist für uns nicht von Interesse, was die Quelle sonst mit den Daten macht, denn wir sind nicht die Beratungsinstanz der Quelle") merkwürdig unbefriedigend. Was aus Medien-Sicht natürlich heißt: spannend. Schon weil die Wissensstände so unterschiedlich sind.

Eine gute Audio-Zusammenschau gab gestern Deutschlandfunks "@mediasres". Dort kommen diverse zurzeit gern gefragte Experten in Einzelinterviews zu Wort, z.B. der aktuelle Spiegel-Außenminister Martin Knobbe (bekannt aus "Anne Will"). Ob seine Formulierung "Akt des investigativen Journalismus" das Überprüfen und teilweise Veröffentlichen zugespielter Versteckter-Kamera-Inszenierungen mit Lockvögeln treffend bezeichnet, ist eine weitere spannende Frage. Außerdem erläutert der gestern hier, aber nicht namentlich erwähnte baden-württembergische Datenschützer Stefan Brink seine Sicht, die Veröffentlichung der Videos sei "kriminell". Statt sie sofort online zu stellen, hätten Spiegel und SZ ja auch erst mal Wortbeiträge veröffentlichen können, meint er –  die nächste gute Frage. Vielleicht gab einfach der Visual Turn den Ausschlag (oder aber, dass Videos online längst einfacher zu monetarisieren sind, wie immer am klarsten Springers welt.de mit den Werbespots vor seinen in so gut wie jeden Text-Artikel eingebetteten Autoplay-Videos belegt – hier z.B. einem, in dem der Jurist Christoph Degenhart die Veröffentlichung der Videos wiederum legitim nennt, zumal ja auch "der Informant nicht der Täter sein muss" ...).

"Man kann sich auf den Standpunkt stellen, der Zweck heilige hier die Mittel, gegen gefährliche Rechtspopulisten sei so manches erlaubt. Aber möchte man in einer demokratisch verfassten Öffentlichkeit nicht wissen, wer sie einsetzt?", fragt Michael Hanfeld dreiviertelrhetorisch heute auf der FAZ-Medienseite unter der hübschen Überschrift "Sagen, was Strache ist" (in der er anschließend aber doch die Mechanismen bedient, die alle Medien bedienen müssen oder bedienen zu müssen meinen, und halt durchdekliniert, was zu seinem Redaktionsschluss über die üblichen Verdächtigen im Umlauf war).

Befriedigend beantworten lassen sich die vielen guten Fragen erst, wenn die Auftraggeber und Urheber des Ibiza-Material bekannt sein werden – also allen. Einstweilen ist ja sogar unbekannt, was genau den Veröffentlichern bekannt ist und was nicht. Im Idealfall könnte überdurchschnittlich deutlich werden, dass nicht nur einfache Erklärungen, wer und was richtig und gut ist (und wer bzw. was demzufolge böse und falsch), oft nicht leicht zu treffen sind, sondern oft nicht einmal kongruent getroffen werden können. Also dass eher falsche Mittel vergleichsweise richtigeren Zwecken dienen können. Was dann umgekehrt genau so möglich wäre. Und trotz ihrer Schwierigkeiten müssen entsprechende Entscheidungen dennoch unter Zeitdruck getroffen werden. Sowohl wegen der unentrinnbaren Echtzeit (die freilich auch die Gefahren und Chancen birgt, dass Hintergründe selbst der größten Aufreger irgendwann nur noch wenige interessieren). Als auch, weil von (manchmal schnell wechselnden) Regierungen und Oppositionen, laufend weiter Politik gemacht wird. tl:dr: Im Idealfall könnte überdurchschnittlich deutlich werden, wie kompliziert alles ist.

Die Trump-China-Huawei-Android-Sache

Was eine Art Überleitung zu einem noch viel größeren, da globaleren Thema sein könnte, dass derzeit jedoch zu den Themen gehört, die zumindest im deutschsprachigen Raum weit unter ihren Aufregungsniveau-Möglichkeiten bleiben.

Würden Sie, wenn nötig, sich eher auf die Seite der kommunistischen, aber wirtschaftswichtigen und -freundlichen Diktatur China stellen, oder an die des nett formuliert: unberechenbaren Regierungschefs der USA? "Trump droht Iran mit Vernichtung" heißt übrigens eine auch aktuelle Nachricht (in der zunächst, wie die URL zeigt, gar von "Auslöschung" die Rede war ...) Nun spielt Präsident Trump also die global und im sog. Westen erst recht unumgehbare Digital-Dominanz, die von seinen (unter vielen Aspekten unterschiedlichen) Vorgängern strategisch aufgebaut wurde, aus. Und auch wenn neueste Nachrichten (futurezone.at: "Huawei darf noch 90 Tage lang US-Technologie kaufen"), darauf deuten, dass Trump halt wieder mit sich handeln lassen möchte, verdient auch die "Staatsaffäre Huawei" (netzpolitik.org) Aufmerksamkeit.

"Der Bann wird weitreichende Auswirkungen haben, nicht nur für den chinesischen Konzern. Auch deutsche Nutzer wird es treffen", teasert SPON unter der Überschrift "Was Googles Android-Bann gegen Huawei bedeutet". Nicht zuletzt den Immer-noch-Teil-Staatskonzern Deutsche Telekom trifft er jedenfalls. Er dürfte aber auch bedeuten, dass es bei Betriebssystemen für mobile Geräte dereinst mehr Auswahl, also Wettbewerb geben wird, weil Huawei ein eigenes auf den Markt bringen dürfte bzw. muss. Doch:

"Das dürfte freilich nur ein theoretisches Konstrukt sein, das bestenfalls in Huaweis Heimatmarkt China eine Chance auf Erfolg haben könnte. ... Europäische Anwender hingegen haben sich längst daran gewöhnt, Dienste wie Google Maps, Gmail und den Chrome-Browser zu nutzen. Eine Alternative, egal wie gut sie gemacht wäre, hätte es schwer, sich gegen diese Macht der Gewohnheit durchzusetzen",

heißt es merkwürdig resignativ gegenüber den Monopolstellungen des Google-Konzerns im SPON-Artikel. Dabei gibt es doch – noch – unabhängige Landkarten, E-Mail-Anbieter und Browser, und gerade angesichts der beschriebenen Szenarien könnte es umso sinnvoller sein, lieber sie nutzen. Oder weiß der Spiegel schon wieder mehr, und Medien, die US-amerikanische Politik unterlaufen, müssen demnächst damit rechnen, ebenfalls als Gegner angesehen und in entsprechenden "Ökosystemen" (diesen fiesen Google-Euphemismus übernimmt SPON überdies) nicht mehr oder bloß weiter unten auftauchen zu können?

Die Weltlage verkompliziert sich an allen Ecken und Enden dynamisch.


Altpapierkorb ("moralisierender Belehrungsjournalismus", Jugendschützer-Streit jetzt scharf, mehr neue Faktenchecker, spannende (!) Intendantenwahl, "braun-orange eingefärbte Einfachgrafik")

+++ Was sicher auch mehr Aufmerksamkeit erregt hätte, wenn die Nachrichtenlage anders wäre: die neueste Otto-Brenner-Stiftungs-Veröffentlichung "Zwischen 'Flüchtlingskrise' und 'Migrationspakt' –Mediale Lernprozesse auf dem Prüfstand". Es handelt sich die Fortsetzung von Michael Hallers Analyse der Medienberichterstattung anno 2015, und zwar anhand des Themas UN-Migrationspakt. Darüber berichten heute die FAZ und die Welt, die beide gelobt werden. Dagegen "hätten 'Süddeutsche', 'taz' und 'Tagesschau' ... eher als 'Propagandisten des Pakt-Projekts' agiert", zitiert das Springer-Blatt gerne, und Michael Hanfeld auf seiner FAZ-Medienseite: "Für die 'Tagesschau' kommt er", Haller, "sogar zu einem deutlich negativen Urteil: sie sei in ihren Beiträgen 'ihrem tradierten Leitbild des moralisierenden Belehrungsjournalismus' gefolgt."

+++ Was noch viel Aufregung nach sich ziehen dürfte, zumindest falls der (von Torsten Kleinz formulierte) SPON-Spin "Es droht die Rückkehr der Sendepause im Netz" zutrifft: die jetzt scharfe Jugendschützer-Auseinandersetzung um die Software "JusProg". Wie in der Medienkorrespondenz (und dann 'türlich im Altpapier) antizipiert, ist der Streit zwischen KJM contra FSM, also der Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten und der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter, eskaliert. +++ Dazu auch hörenswert: was Tilmann Gangloff zum Deutschlandfunk sagte (u.a., dass JusProg "selbst nach wohlwollenden Schätzungen nur in einem einstelligen Prozentsatz der deutschen Haushalte" installiert wurde, und auf sog. Smartphones einstweilen sowieso nicht läuft).

+++ Was diese Woche auch ein bisschen spannend wird, zumindest im Vergleich mit anderen jüngeren Intendanten-Wahlen: die beim SWR "Während etwa der Vier-Länder-Sender NDR mit Hamburg einen eindeutigen Hauptstandort hat, ist die Frage beim Zwei-Länder-Sender SWR mehr als 20 Jahre nach der Fusion zwischen Süddeutschem Rundfunk (SDR) und Südwestfunk (SWF) für viele immer noch nicht geklärt", berichtete Altpapier-Autor René Martens in einer Vorschau für die Stuttgarter Nachrichten.

+++ Woran nun noch weniger Mangel herrscht: an Faktencheckern, dem "paneuropäischen Projekt" factcheckeu.info (mit correctiv.org als deutschem Partner") und seinen Sponsoren ("Die Hauptförderung mit 44.000 Euro kommt von Google. Der zweitgrößte Sponsor ist die Open Society Initiative for Europe, 40.000 Euro ...") sei Dank. Die SZ (€) interviewte Projektleiter Baybars Örsek.

+++ "Der emotionale wie intellektuelle Reichtum wird durch das Finale überhaupt nicht geschmälert" (Joachim Huber vom Tagesspiegel "mit Spoilern" zum "Games of Thrones"-Finale).

+++ Was macht eigentlich Friedrich Nowottny? Er wurde vergangene Woche 90 (und Uwe Kammann ganz nostalgisch beim Zurückblicken auf die "braun-orange eingefärbte Einfachgrafik", vor der Nowottny einst moderierte; siehe epd medien).


Neues Altpapier kommt am Mittwoch.

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