Diversity Day Kein bisschen homogen

In der deutschen Film- und Medienlandschaft werden die Narrative hauptsächlich von weißen Cis-Gender-Menschen bevölkert. Dabei müssen Filme und Medien die gesamte Gesellschaft abbilden – eine Forderung, die über einen Aktionstag hinausgeht. Durch verschiedene Kampagnen und Arbeitsgruppen versuchen Filmemacherinnen und Filmemacher und Expertinnen und Experten, das Bewusstsein auf allen Seiten zu stärken.

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Niemand sagt es so schön wie Siegfried Kracauer. "Filme sind", schrieb er in seiner 1960 erschienenen "Theorie des Films", "in einzigartiger Weise dazu geeignet, physische Realität wiederzugeben und zu enthüllen, und streben ihr deshalb auch unabänderlich zu." Der Soziologe, Filmtheoretiker und Philosoph zementierte damit einen der Grundsätze jedes Mediums: Filmische Geschichten oder Dokumentationen spiegeln die Gesellschaft. Und zwar am besten die ganze.

Über Stereotype und ihre Vermeidung in Film und Fernsehen

Für Deutschland bedeutet das, dass nicht nur ihre weißen, jungen, körperlich unversehrten Mitglieder auf Bildschirmen und Kinoleinwänden erscheinen sollten, die heterosexuell lieben und Cis-Gender sind. Als hierzulande größte Gruppe von Filmemacherinnen und Filmemachern hat die Deutsche Filmakademie darum jüngst eine "Diversity AG" gegründet, in der sich eingefahrene Strukturen bewusst gemacht werden sollen, um damit verbundene Stereotypen in Erzählungen und Rollenstruktur zu vermeiden. Beratend begleitet Dr. Natasha A. Kelly die noch ganz frische AG. Die in Berlin lebenden Soziologin, Kommunikationswissenschaftlerin und Dokumentarfilmerin ist Expertin für das Thema Kolonialismus. Und sie weist darauf hin, dass es in Deutschland bereits beim Kategorisieren der unterschiedlichen Gruppen Probleme gibt: "Zahlen in diesem Bereich sind insgesamt sehr schwierig, weil wir hier ja gar keine Kategorien abfragen, die wirklich aussagekräftig wären, aufgrund Deutschlands nationalsozialistischer Vergangenheit natürlich, was absolut nachvollziehbar ist. Daher sind Statistiken immer sehr ungenau."

Grafisch gestaltetes Porträt von Dr. Natasha A. Kelly. 1 min
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Dr. Natasha A. Kelly zum Diversity Day

MDR FERNSEHEN Fr 14.05.2021 11:37Uhr 00:36 min

https://www.mdr.de/altpapier/natasha-kelly-diversity-day-102.html

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Denn Vielfalt gilt selbstredend auf allen Ebenen, und man kann nicht einfach den "Menschen mit Migrationshintergrund", der etwa seit Anfang des Jahrtausends so bezeichnet wird, in eine Kategorie stecken und zählen, erklärt Kelly: "Eine weiße Person aus Norwegen hat ja auch einen Migrationshintergrund, ist aber nicht notwendigerweise von Rassismus betroffen."

Wann und wie fühlen sich beispielsweise nicht-weiße Menschen so repräsentiert, dass es tatsächlich die Gesellschaftsrealität spiegelt? Obwohl nicht-weiße Rollen in Filmen und Serien, nicht-weiße Moderatorinnen und Moderatoren, Journalistinnen und Journalisten sowie Talkgäste subjektiv in den letzten Jahren (auch nach einigen skandalösen Reinfällen wie einem Gespräch über Rassismus bei Sandra Maischberger, zu dem anfangs nur weiße Gäste geladen wurden) mehr geworden sind, findet Kelly, dass die Entwicklung ausbaufähig ist:

Dass die schwarze Autorin oder Medienmacherin überhaupt keinen Zugang zum Mediensystem hat, das ist doch das Problem.

Dr. Natasha A. Kelly

Serien wie "Druck" (auf Funk) oder Fernsehfilme wie "Herren" von Dirk Kummer zeigen jedenfalls schon einmal, wie es gehen könnte: Hier werden PoC selbstverständlich für  Rollen besetzt, die weder ausschließlich über die Hautfarbe definiert sind, noch das Bewusstsein, in einer weißen Mehrheitsgesellschaft zu leben, unter den Tisch fallen lassen. Vorbild sind dabei Video on Demand-Anbieter, die mit Werken wie "I may destroy you" von Michaela Coel oder Justin Simiens "Dear White People" auch auf der Showrunner- oder Regisseur- und Regisseurinnenseite selbstverständlich nicht-weiße Künstlerinnen und Künstler vorweisen. Und das erfolgreiche, serielle Fake-19. Jahrhundert-Drama "Bridgerton" entwickelte die Idee einer vielleicht sogar "farbenblinden" Besetzung weiter. (Obwohl die Frage bleibt, ob man durch das bloße Ignorieren von durch Rassismus produzierten Ungerechtigkeiten diese so einfach wegixen kann.)

"Act Out"-Manifest

Aber auch wenn die Vielfalt, die "Diversity"-Diskriminierungen jeglicher Art ausschließen soll, gibt es Unterschiede in der Sichtbarkeit und der Darstellung: Nicht-weißen oder manchen körperlich gehandicapten Menschen sieht man einen Grund, für den sie eventuell diskriminiert werden, direkt an. Körperliche Handicaps können das Filmemachen zudem erschweren, weil Barrierefreiheit eben noch nicht überall Standard ist, wie nicht nur Schauspielerinnen und Schauspieler mit Handicap immer wieder betonen.

Grafisch gestaltetes Porträt von Godehard Giese. 1 min
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Schauspieler Godehard Giese zum Manifest "ActOut".

MDR FERNSEHEN Fr 14.05.2021 16:10Uhr 00:50 min

https://www.mdr.de/altpapier/godehard-giese-act-out-manifest-100.html

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Diffamierungen aufgrund von LGBTQ*-Zugehörigkeit finden dagegen oft subtiler statt. Eine Aktion, die sehr viel Aufmerksamkeit für die Darstellung und Repräsentanz von nicht-cis-Gender-Menschen generierte, war das "Act Out"-Manifest, das zunächst 185 lesbische, schwule, bisexuelle, queere, trans*, inter und non-binäre Schauspielerinnen und Schauspieler im Februar 2021 entwickelten, und das sich auch als Sprachrohr der Erfahrungen von nicht-weißen Kolleginnen und Kollegen versteht. Mit der Forderung nach Sichtbarkeit, Anerkennung und Diversität traten die Unterzeichnenden an, um auf die mannigfaltigen Formen der Unterdrückung und der Reproduktion von Stereotypen aufmerksam zu machen, die bereits auf der Drehbuchebene beginnen. Was bedeuten zum Beispiel Adjektive wie "schwul" in der Charakterbeschreibung einer Filmfigur – denn was spielt man, wenn man "schwul" spielt, welche Klischees erfüllt man damit? Und wieso wird schwulen und lesbischen Schauspielerinnen und Schauspielern noch immer zuweilen abgeraten, Informationen über Lebenspartnerinnen und Lebenspartner publik zu machen, mit der Begründung, das träumende und schwärmende Publikum könne eine solche Realität nicht verkraften?

"Es wird immer weiterdelegiert", erklärt der Schauspieler Godehard Giese, einer der Initiatoren des Manifests. "Man selbst hätte kein Problem damit, aber das Publikum! Und das ist auf der einen Seite sehr feige, weil man sich nicht zu seiner Haltung bekennt, auf der anderen Seite natürlich auch sehr einfach. Das Feedback, das ich in den letzten Monaten bekommen habe, ist, dass es dem Publikum wirklich herzlich egal ist."

Publikum ist nicht homogen

Denn Medienkompetenz gegenüber Fiktion ist 120 Jahre nach der Entstehung des Kinos (und seiner von Kracauer formulierten "Wiedergabe physischer Realitäten") groß: Das "Publikum", diese ebenfalls kein bisschen homogene Masse, kann durchaus zwischen einer Filmfigur und dem dahinter stehenden Menschen unterscheiden – und hat, wenn es sich denn schon in einen "Star" verknallt, auf dem Weg zu einer gemeinsamen Zukunft andere Hindernisse zu überwinden als die eventuell nicht ganz passende sexuelle Orientierung des "Objects of Desire".

Diskriminierung ist Diskriminierung. Da ist es egal, wofür du diskriminiert wirst.

Godehard Giese

Man solle sich zudem bewusst machen, sagt Giese, dass Ungerechtigkeiten gegen LGBTQ*-Menschen einen sehr großen Teil der Gesellschaft berühre: "Das geht nicht nur die acht Prozent an, die offen damit leben", sagt Giese. "Sondern schon, wenn man die Eltern dazu nimmt, die wollen, dass ihr Kind in der Gesellschaft gut aufgehoben ist, dass es willkommen geheißen wird, dann bist du schon bei einem Viertel der Bevölkerung. Und so geht das weiter mit Tanten, Onkel, Omas, Opas. Dieses ganze Stigma belastet viele Leute. In jeder Familie gibt es den Onkel, der nach Berlin gegangen ist!" Giese betont den Solidaritätsgedanken, der ebenso kollektiv vertreten werden sollte: "Diskriminierung ist Diskriminierung. Da ist es egal, wofür du diskriminiert wirst. Und mein Verständnis ist ein universelles: Ich bin der Meinung, dass jede Kolleg:in, die nicht besetzt wird aufgrund von was auch immer, Chancen bekommen muss, unseren Beruf auszuüben. So freue ich mich natürlich auch, oder erwarte es fast, dass sich andere für mich einsetzen."

Natürlich braucht es mehr als einen einzigen Diversity Day, um die Gesellschaft zu verändern.  Doch man muss es Aktionstagen nachsehen, dass sie sich zur besseren Wahrnehmung konzentrieren: An diesem Tag wird besonders drauf geachtet. An allen anderen aber auch.

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