Gebärdensprachdolmetscher des MDR arbeiten für Das Erste und das ZDF

Computerarbeitsplatz
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"Ich stehe noch voll unter Strom." Es ist später Samstagvormittag, Claudia Lorz und ihre Kollegin Claudia Oelze stehen im Studio 5 in der MDR-Zentrale. Dort, wo sonst abends die Gebärden von "MDR Aktuell" produziert werden, werden bis 18. März tagsüber auch die Berichte von den Paralympics in Südkorea verdolmetscht.

Vorbereitung der Übersetzung in Gebärdensprache: Claudioa Oelze, Aufnahmeleiterin Susi Kirsten von der Herstellungsleitung Telemedien und Claudia Lorz
Claudia Lorz (1.v.r.) bereitet sich auf die Übersetzung in Gebärdensprache vor Bildrechte: MDR/Georg Schmolz

"Gestern", fährt die zweite Gebärdensprachdolmetscherin fort, "am Eröffnungstag der Paralympics, habe ich mich schon gefragt, was ich hier mache … Das ist Pionierarbeit für die gehörlosen Menschen. Und wir machen das! Hier in Leipzig, für das ganze Land! Und zusätzlich auch für das ZDF …" Die gebürtige Sächsin Claudia Lorz wirft ein: "Und dazu noch die beeindruckenden Emotionen bei der Eröffnung. Das ist unglaublich."

Sport ist eine Herausforderung

Sportspezialisten seien sie nicht unbedingt, sagen die beiden, als sie in der Maske sitzen. Ihre primäre Kompetenz ist das Dolmetschen in Gebärdensprache, aber schon im Herbst 2017 gab es einen ersten Workshop zu Sportgebärden, unterstützt von der MDR-Sportredaktion. Das "Handwerkzeug" wurde dann mit gehörlosen Sportlern im Januar vervollständigt. "Sportberichte sind für Dolmetscher jeder Art überhaupt so eine Sache", meint Claudia Oelze.

Claudia Oelze bei Inga Grahl in der Maske
Claudia Oelze bei Ina Grahl (r.) in der Maske Bildrechte: MDR/Georg Schmolz

"Nehmen Sie mal einen Satz wie z.B.: Der Skispringer springt aufs Podest. Dieses Sprachbild sagt dem durchschnittlichen Gehörlosen überhaupt nichts. Ich muss das erklären. Dazu kommt, dass Sportbeiträge neben den vielen Metaphern oft sehr dicht getextet sind. Das ist dann ein sehr hohes Sprechtempo, höher als Nachrichten."

Volle Konzentration ist notwendig

Claudia Lorz: "Es muss einen Fokus geben, den Du rüberbringst. Denn 100 Prozent zu übersetzen, ist wegen der Informationsdichte unmöglich." Die Maskenbildnerin Ina Grahl wirft ein: "Die machen das alles aus dem Stand, ohne jeden Teleprompter." Inzwischen steht Aufnahmeleiterin Susi Kirsten in der Tür. Es wird Zeit fürs Einleuchten von Studio 5.

Anders als bei der Eröffnung geht es heute "nur" um die sportlichen Höhepunkte des paralympischen Tages im ZDF-Programm, die die beiden für höreigenschränkte Menschen in Gebärdensprache übertragen. Das Dolmetschen erfolgt simultan. Etwa alle zehn Minuten werden sie sich vor der Kamera abwechseln, das ist die Regel.

Gute Vorbereitung hilft

"Normalerweise haben wir beim Dolmetschen im Vorfeld mehr Informationen zum Inhalt", meint Claudia Lorz. "Unabhängig davon, ob wir nun MDR Aktuell oder einen Vortrag bei einer Veranstaltung übersetzen. Wir sind aber trotzdem gut vorbereitet. Wir wissen ja, wer die aktuellen Wettkämpfe gewonnen hat. Welcher Sportler in welcher Wettkampfart, ob stehend, sitzend oder mit nur einem Ski – das Hintergrundwissen brauchen wir auf jeden Fall."

Claudia Lorz demonstriert die Gebärde für das Maskottchen der Paralympics, einen asiatischen Schwarzbären.
Claudia Lorz demonstriert die Gebärde für das Maskottchen der Paralympics, einen asiatischen Schwarzbären. Bildrechte: MDR/Georg Schmolz

Ob Sportler, Sportart oder anderes - schon im Vorfeld haben sich die Dolmetscherinnen darüber verständigt, wie sie die jeweiligen Namen gebärden werden. So wie Bandabi. Das Maskottchen der Paralympics ist ein asiatischer Schwarzbär, für den eine deutsche Gebärde fehlte. Nun haben sie als Gebärde einen Halbmond festgelegt. "Bei uns unbekannten Personen oder Gegenständen, für die wir noch keine Gebärde kennen, greifen wir gerne auf den Namen zurück. Oder wir finden eine Gebärde, die mit dem äußeren Erscheinungsbild zu tun hat", ergänzt die Kollegin, und Claudia Lorz fährt fort: "Den Namen mit dem Fingeralphabet zu buchstabieren, braucht einfach zu lange. Der Bär hat ein halbmondförmiges Zeichen auf der Brust mit zwei zusätzlichen Sternen. Das macht es für die gehörlosen Zuschauer sofort ersichtlich."

Eine Sprache, die lebt und sich verändert

Claudia Oelze im Studio 5
Bildrechte: MDR/Georg Schmolz

Anders als viele denken, gibt es die eine Deutsche Gebärdensprache (DGS) nicht. Gebärdensprache ist individuell, vielfältig und lebt - ganz so wie Lautsprache. Und trotzdem, sagt die Erfurterin Claudia Oelze, sei es wichtig, das Fachvokabular für die Zielgruppe kohärent rüberzubringen. Sie hat vor vielen Jahren schon die damalige MDR-Sendung "Länderzeit" in Gebärdensprache gedolmetscht. Für manche Sportbegriffe haben die MDR-Dolmetscher in den beiden Workshops gemeinsam eine Art visuelles Lexikon erstellt, das derzeit etwa 100 Gebärden umfasst.

Abstimmung ist alles

Ein kurzer Check: Wie hat der Gehörlose Matthias „Snowboarding“ im Sportschau-Clip gebärdet, den der MDR extra für die Paralympics produziert hat?
Gebärde für „Snowboarding“ im "Sportschau"-Clip Bildrechte: MDR/Georg Schmolz

Das hilft auch gegen die eigene Nervosität, weiß die jüngere Claudia Lorz: "Na ja, als Dolmetscherin sehen mich viele unterschiedliche Gehörlose. Jeder hat seine genaue Vorstellung, wie ich etwas übersetzen soll, von den gebärdensprachlichen Dialekten mal ganz abgesehen. Sich gemeinsam mit den anderen beim MDR eingesetzten Kollegen auf bestimmte - nennen wir es Vokabeln - zu verständigen, ist eine Hilfe." Und dann checken die beiden noch schnell auf der Webseite der "Sportschau", wie ein gehörloser Dolmetscher das Wort Snowboarden darstellt. Insgesamt sechs solcher Clips hat der MDR zu paralympischen Sportarten produziert. Sie sollen die spezifischen Grundsportarten der Paralympics erläutern - in Gebärden- und Lautsprache sowie mit Untertiteln.

Es ist 14.30 Uhr. In einer halben Stunde geht das ZDF mit den Paralympics auf Sendung. Zeit, in die Regie zu wechseln. Sicher ist sicher. Und tatsächlich beginnt die Sendung nicht um 15 Uhr, sondern fünf Minuten früher. Im ZDF-Livestream dolmetscht Claudia Lorz souverän, von Anfang an.