Auf dem Smartphone wird mitgefilmt, wie Retter sich um einen Verletzten kümmern
Bildrechte: imago/Jochen Tack

"Gaffen ist gefährlich" Anti-Gaffer-Kampagne: Drastische Videos sollen wachrütteln

BRISANT | 19.06.2019 | 17:15 Uhr

Rettungskräfte und Polizei erleben es immer wieder: Gaffer zücken ihre Handys und halten drauf – auf Verletzte, Tote, Leidende. Sie filmen von der Gegenfahrbahn aus oder halten extra an. Eine neue Kampagne soll wachrütteln.

Auf dem Smartphone wird mitgefilmt, wie Retter sich um einen Verletzten kümmern
Bildrechte: imago/Jochen Tack

"Das ist Martin. Vor vier Jahren fuhr er an einem Autounfall vorbei und fotografierte die Toten. Dabei verlor er die Kontrolle über seinen Wagen. Bei dem Unfall, den er dadurch verursachte, starben zwei weitere Menschen....". Schockierende Geschichten von Gaffern und ihrem Schicksal, bewegend nacherzählt von Schauspielern. Die außergewöhnlichen Kampagne "Gaffen ist gefährlich" sorgt im Saarland für Aufsehen. Kunst-Studenten haben sie im Auftrag des saarländischen Verkehrsministeriums realisiert. Die Bilder, Videos und Sticker sollen bewusst provozieren und aufwühlen. Denn das Verhalten von Gaffern ist mehr als gefährlich - auch für die Gaffer selbst.

Fotografiert, gefilmt, bestraft

Negativ-Beispiele gibt es zuhauf: Gleich 13 Gaffer hat die Polizei nach einem Unfall mit drei Lastwagen auf der Autobahn 3 bei Würzburg zur Kasse gebeten. Sie filmten von der Gegenfahrbahn aus mit ihren Handys die brennenden Laster, wie die Polizei am Dienstag mitteilte. "Eine Streife hielt die betreffenden Autos noch vor Ort an und verhängte die Strafen", sagte ein Sprecher zu den Vorfällen am vergangenen Donnerstag. Die Neugierigen müssen je hundert Euro Bußgeld zahlen und bekommen einen Punkt in Flensburg.

Auch auf der A4 in Richtung Görlitz hat die Polizei Gaffer, die nach einem Unfall fotografierten oder filmten direkt zur Kasse gebeten. Wie die Polizei sagte, wurden zwei Pkw-Fahrer gestoppt. Auch gegen sie werde jetzt ein Bußgeldverfahren eingeleitet.

Erst vor wenigen Wochen sorgte in Bayern ein ähnlicher Vorfall für Aufsehen: Nach einem tödlichen Lkw-Unfall bei Nürnberg platzte einem Polizisten wegen mehrerer Gaffer der Kragen. Das Video, in dem er die Schaulustigen fragte, ob sie nicht aussteigen und die Leiche sehen wollten, machte bundesweit Schlagzeilen.

Beim Versuch, neugierige Blicke auf eine Unfallstelle zu erhaschen, bremsen Gaffer oft plötzlich ab und gefährden dadurch sich und andere.

Bernd Althusmann | Verkehrsminister Niedersachsen

Pilotversuch: Sichtschutzzäune gegen Gaffer

Zum Schutz vor Gaffern an Unfallstellen hat das niedersächsische Verkehrsministerium die A2 und die A7 mit mobilen Sichtschutzzäunen ausgestattet. Die Autobahnmeisterei Hannover kann je nach Bedarf die Barrieren aufstellen, um Opfer und Retter abzuschirmen. Die Zäune verhinderten auch Staus und erleichterten die Arbeit für Rettungskräfte und Polizei. Die Sichtbarrieren werden zunächst ein Jahr lang auf den Autobahnen erprobt, und zwar zwischen Bad Nenndorf und Hämelerwald sowie zwischen Schwarmstedt/Berkhof und südlich bis zum Autobahndreieck Hannover-Süd.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 19. Juni 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juni 2019, 18:40 Uhr

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