Der Angeklagte (l) bespricht sich in Essen (Nordrhein-Westfalen) im Gerichtssaal mit seinen Anwälten.
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Prozessauftakt Apotheker wegen gepanschter Krebsmedikamente vor Gericht

BRISANT | 13.11.2017 | 17:15 Uhr

Grenzenlose Menschenverachtung und eiskaltes Gewinnstreben? Ein Apotheker aus Bottrop soll in mehr als 60.000 Fällen bei der Herstellung von Krebsmedikamenten gepanscht und damit in Kauf genommen haben, dass Erkrankte früher sterben. Nun steht er vor Gericht.

Der Angeklagte (l) bespricht sich in Essen (Nordrhein-Westfalen) im Gerichtssaal mit seinen Anwälten.
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Die Vorwürfe klingen unglaublich und sind auch fast ein Jahr nach Bekanntwerden kaum zu fassen: Im Landgericht Essen hat der Strafprozess gegen einen früheren Apotheker begonnen. Er soll seinen Patienten jahrelang minderwertige oder unwirksame Krebsmedikamente verkauft haben.

Mehr als eintausend Patienten in sechs Bundesländern betroffen

Schild mit Apothekensymbol, an der Alten Apotheke Bottrop
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Der Angeklagte soll systematisch gepanscht und in insgesamt 62.000 Fällen 35 verschiedene Infusionsarten gestreckt haben, teils mit Kochsalzlösungen. Die gestreckten Medikamente wurden in der Chemotherapie und bei anderen Krebstherapien eingesetzt.

Die Staatsanwaltschaft geht von mehr als eintausend Krebspatienten in sechs Bundesländern aus, die von dem Apotheker aus dem nordrhein-westfälischen Bottrop zwischen Januar 2012 bis November 2016 versorgt wurden. Wer die betroffenen Krebskranken sind, bleibt aber weitestgehend ungeklärt.

Wer darf Krebsinfusionen herstellen?

Doch warum dürfen Krebsmedikamente überhaupt in einer Apotheke hergestellt werden? Der beschuldigte Apotheker hatte eine besondere Art von Infusionen hergestellt, die schnell verabreicht und auf die Patienten einzeln angepasst werden müssen. In Deutschland gibt es lediglich knapp 200 Apotheker, die Krebspräparate herstellen dürfen. Die Medikamente versprechen große Gewinne. Die Apotheker benötigen eine besondere Zulassung, auch gilt das Vier-Augen-Prinzip: So muss ein zweiter Mitarbeiter in der Apotheke bestätigen, dass bei der Mischung alles korrekt gelaufen ist. Eine solche Kontrolle hatte es in Bottrop offenbar nicht gegeben. Die Infusion nach ihrer Herstellung zu prüfen ist schwierig, da sie versiegelt wird. Eine Probe würde das Medikament unwirksam machen.

Schlechte Kontrollen?

In der Regel werden Apotheker einmal pro Jahr von sogenannten Amtsapothekern überprüft. Hier wird vor allem kontrolliert, ob die Hygiene im Labor stimmt. Eine Prüfung der Buchhaltung gibt es bislang aus Zeitgründen nicht. Auch hier würde die Panscherei auffallen, da die Einkaufszahlen nicht mit den Verbrauchszahlen übereinstimmen würden. Recherchen der ARD und des gemeinnützigen Netzwerkes "correctiv.org" ergaben, dass der Ex-Apotheker nur mit Vorwarnung kontrolliert wurde.

Also jede Pommesbude wird anscheinend häufiger und gründlicher kontrolliert als eine solche Apotheke.

Marcus Bensmann, correctiv.org

Von Buchhalter überführt

Der beschuldigte Apotheker aus Bottrop flog auf, als seine Buchhaltung überprüft wurde. Der ehemalige kaufmännische Leiter der Apotheke stieß dabei auf Unregelmäßigkeiten. Ende 2016 gab es dann eine Razzia, bei der der Tatverdächtige festgenommen und sein Speziallabor geschlossen wurden.

Beschuldigter schweigt

Warum der frühere Pharmazeut die Medikamente panschte, ist bislang unklar. Er schweigt zu den Vorwürfen. Die Anklage lautet auf versuchte Körperverletzung und Abrechnungsbetrug. Ebenso muss sich der Mann wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz verantworten. Für den Prozess sind 17 Nebenkläger zugelassen, bei denen die Staatsanwaltschaft konkret nachweisen konnte, dass die Dosierung ihrer Infusion nicht stimmte. Das Urteil wird Mitte Januar erwartet.

Alte Apotheke in Bottrop
Die "Alte Apotheke" in Bottrop. Hier soll der beschuldigte Apotheker die Infusionen für Krebspatienten gestreckt haben. Bildrechte: IMAGO

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 13. November 2017 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2017, 18:34 Uhr