Ein Prozess, der Rechtsgeschichte schreiben könnte Arzt wegen aktiver Sterbehilfe vor Gericht

BRISANT | 11.01.2018 | 17:15 Uhr

Selbst vor dem Gesetz ist die Sache nicht ganz leicht zu erklären: Der Berliner Hausarzt Dr. Christoph T. muss sich vor Gericht verantworten, weil er aktive Sterbehilfe geleistet haben soll. Der 68-jährige Mediziner half einer Patientin, sich das Leben zu nehmen. Die Frau war erst 44 Jahre alt, litt aber an unerträglichen Schmerzen. Er selbst sagt, er habe seine menschliche und ärztliche Pflicht getan.

Die Patientin war in allergrößter Not, war chronisch krank, therapieresistent, hat alles versucht, ihr Leiden zu lindern. Nichts hat gefruchtet. Sie war entschlossen zu sterben und hat angedroht, sich vor die S-Bahn zu werfen. In solch einer Situation den Patienten alleine zu lassen, halte ich moralisch und ethisch unvertretbar.

Dr. Christoph T.

Situation in der Praxis unklar

Anja Karen D. starb 2013 an 150 Tabletten eines starken Schlafmittels, die ihr der Hausarzt verschrieben hatte. Eine Sterbehilfe, die Christoph T. nicht bestreitet. Erst nach der Tat, Ende 2015, stellte der Bundestag zwar geschäftsmäßige Sterbehilfe unter Strafe. Die Beteiligung durch Angehörige oder nahestehende Menschen blieb aber straffrei. Doch wer genau ist damit gemeint? "Es liegen elf Verfassungsbeschwerden beim Bundesverfassungsgericht gegen das Gesetz vor", erklärt Dieter Graefe, der Verteidiger des angeklagten Arztes. "Verschiedene Dinge werden beanstandet, insbesondere die Frage, ob dieses Gesetz auch für Ärzte gilt oder nicht."

Staatsanwältin: "Patientin hat noch drei Tage gelebt"

Der Vorwurf gegen den Hausarzt - nach altem wie nach neuem Recht: Tötung auf Verlangen durch Unterlassen. Dr. Christoph T. hat die Sterbende nicht gerettet. In ihrem Körper wurde zusätzlich ein Mittel gegen das Erbrechen festgestellt. "Hier ist die Besonderheit, dass die Patientin die Tabletten genommen hat, aber nicht gleich gestorben ist. Sie hat noch drei Tage gelebt", erklärt Staatsanwältin Silke Van Sweringen. "Der Angeklagte hat sie mehrfach aufgesucht und jeweils geschaut, wie es ihr geht."

Ich kannte die Patientin ich glaube 13 Jahre und hatte sehr häufigen Kontakt. Das war ein sehr großes Vertrauensverhältnis. Bei der Vorgeschichte mit fünf Suiziden in fast drei Jahrzehnten war ganz klar: die Patientin ist entschlossen. Da kann ich meine Hilfe nicht verweigern.

Dr. Christoph T.

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2018, 21:23 Uhr

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