Fragen und Antworten Astrazeneca - So geht es mit dem Impfen jetzt weiter

Zuerst sollte der Astrazeneca-Impfstoffs nur bei Jüngeren verwendet werden, jetzt sollen nur noch über 60-Jährige den Impfstoff erhalten. Was hat es mit der neuen Impfempfehlung auf sich? BRISANT beantwortet die wichtigsten Fragen.

Eine Spritze wird mit dem Impfstoff AstraZeneca aufgezogen
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Zugelassen, eingeschränkt, wieder erweitert, ausgesetzt: Nach dem erneuten Impfstart des Astrazeneca-Vakzins vor wenigen Wochen sollte die Impfkampagne in Deutschland endlich an Fahrt aufnehmen. Doch nun gibt es wieder einen vorsorglichen Stopp. Der Impfstoff soll nach einer Entscheidung der Gesundheitsministerinnen und Gesundheitsminister aus Bund und Ländern vorsorglich nur noch für Menschen ab 60 Jahren verabreicht werden. Jünger Menschen können dies aktuell nur noch nach vorheriger Abklärung mit ihrem Hausarzt - und zwar auf eigenes Risiko.

Warum gibt es die neue Empfehlung?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hatte ihre Empfehlung "auf Basis der derzeit verfügbaren Daten zum Auftreten seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen" bei jüngeren Geimpften entsprechend geändert. Genauer: Es gab Fälle von Thrombosen in den Hirnvenen in zeitliche Nähe zur Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff. Bei einer Verstopfung durch solch ein Blutgerinnsel ist dieser Blutabfluss gestört. Es kommt zu einem Druckanstieg im Hirn und kann im schlimmsten Fall zum Tod führen.

Aktuell gibt es 31 Verdachtsfälle mit Thrombosen nach der Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff. Zwei davon traten bei männlichen Patienten auf. In insgesamt neun Fällen war der Ausgang in Deutschland tödlich.

Ärztin in Magdeburg präpariert Spritze mit Astrazeneca-Impfstoff
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Wie häufig ist diese Komplikation?

Gemeldet wurde dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) etwa ein Fall pro 100.000 Astrazeneca-Impfungen (Stand 19. März). Das ist wenig, aber dennoch häufiger als zu erwarten wäre, denn in der Normalbevölkerung ist es noch seltener: "Diese sehr seltene Gerinnungsstörung trat unter den Geimpften häufiger auf, als es zahlenmäßig aufgrund der Seltenheit dieser Gerinnungsstörung ohne Impfung zu erwarten wäre", heißt es vom Institut.

Ist die Impfung die Ursache?

"Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist nicht klar, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und den Berichten über Immunthrombozytopenie gibt", heißt es beim PEI. Bisher gebe es keinen Nachweis, dass das Auftreten dieser Gerinnungsstörungen durch den Impfstoff verursacht wurde.

Wer kann mit Astrazeneca geimpft werden?

Grundsätzlich soll eine Altersgrenze ab 60 Jahren gelten. Schon ab Mittwoch wird der Impfstoff nach einem Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) bei Menschen eingesetzt, "die das 60. Lebensjahr vollendet haben".

Jüngere Menschen aus den Impfprioritätsgruppen eins und zwei können allerdings in Ausnahmefällen auch mit Astrazeneca geimpft werden. Diesen steht laut dem Beschluss die Möglichkeit offen, sich "gemeinsam mit dem impfenden Arzt nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung" dafür zu entscheiden. Diese Impfungen sollen demnach "grundsätzlich in den Praxen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte erfolgen".

Bildmontage - AstraZeneca Impfstoff Corona
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Hat die Entscheidung Auswirkungen auf die Impfreihenfolge?

Ja, der Impfstoff kann ab sofort bereits bei Menschen zwischen 60 und 70 Jahren eingesetzt werden, obwohl diese in der Regel erst in der dritten Impfgruppe sind. "Den Ländern steht es frei, bereits jetzt auch die 60- bis 69-Jährigen für diesen Impfstoff mit in ihre Impfkampagne einzubeziehen", heißt es in dem Beschluss. "Dies gibt die Möglichkeit, diese besonders gefährdete und zahlenmäßig große Altersgruppe angesichts der wachsenden dritten Welle nun schneller zu impfen."

Welche Regeln gelten für die Zweitimpfung mit Astrazeneca?

Menschen unter 60 Jahren, die bereits ihre Erstimpfung mit Astrazeneca bekommen haben, sollen grundsätzlich eine Wahlmöglichkeit haben. Sie können sich in Absprache mit einem Arzt nach individueller Risikoanalyse und sorgfältiger Aufklärung für eine zweite Astrazeneca-Impfung entscheiden.

Sie können aber auch abwarten, wie sich die Stiko zu einer Zweitimpfung mit einem anderen Produkt positioniert. Dazu will das Expertengremium sich bis Ende April äußern. Den Betroffenen bleibt noch Zeit, weil die Zulassung für die Anfang Februar gestarteten Astrazeneca-Impfungen einen zeitlichen Abstand von bis zu zwölf Wochen zwischen Erst- und Zweitimpfung vorsieht. Es besteht demnach laut dem GMK-Beschluss auch für die früh Geimpften eine "Schutzwirkung der Erstimpfung bis mindestens Anfang Mai".

Wie ist es in Großbritannien, wo viel Astrazeneca eingesetzt wird?

In Großbritannien sind laut Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) bis Mitte März vier Fälle von Hirnvenenthrombosen aufgetreten, keine davon soll tödlich verlaufen sein. Insgesamt sind bereits Millionen Menschen mit dem Impfstoff geimpft worden. Mehr als 30 Millionen Menschen in Großbritannien haben mittlerweile eine erste Dosis erhalten - entweder Biontech oder Astrazeneca. Da die Impfkampagne schon weit vorangeschritten ist, werden zurzeit 50- bis 59-Jährige geimpft. Großbritannien hatte zu keinem Zeitpunkt die Impfungen mit Astrazeneca unterbrochen. Angesichts der großen Zahl verabreichter Dosen und der Häufigkeit, mit der Blutgerinnsel auf natürliche Weise aufträten, gebe es keinen Anlass für einen Stopp, so die MHRA.

AstraZeneca
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Wie geht es in Deutschland weiter?

Die Auswirkungen für den Fortschritt der Corona-Impfungen insgesamt sind aktuell noch unklar. Astrazeneca spielt allerdings eine wichtige Rolle, auch für die nach Ostern angestrebte stärkere Einbeziehung der Arztpraxen. Im ganzen Jahr werden mehr als 56 Millionen Dosen erwartet. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte: "Damit die Impfkampagne endlich Fahrt aufnehmen kann, müssen Impfwillige die Wahlfreiheit bei den Seren erhalten." Doch damit dürfe nicht die ethische Reihenfolge beim Impfangebot aufgegeben werden, sagte Vorstand Eugen Brysch. "Sonst kommen immobile, schwerstkranke und pflegebedürftige Menschen unter die Räder."

ten/dpa/afp

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 31. März 2021 | 17:15 Uhr

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