An der Seite der rechtsextremen Bürgerbewegung "Pro Chemnitz" demonstrierten am 27.8.2019  6.000 Menschen.
An der Seite der rechtsextremen Bürgerbewegung "Pro Chemnitz" demonstrierten am Montag 6.000 Menschen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ausschreitungen in Chemnitz Woher kamen so viele Demonstranten?

Die jüngsten Ausschreitungen in Chemnitz haben Stadt und Polizei komplett überrumpelt. 7.500 Menschen zogen am Montag durch Chemnitz. Auslöser war eine tödliche Messerattacke. Tatverdächtig sind ein Syrer und ein Iraker. Doch wie kann es sein, dass tausende Menschen auf die Straße gehen, mit denen niemand gerechnet hat?

von Constanze Hertel, MDR AKTUELL

An der Seite der rechtsextremen Bürgerbewegung "Pro Chemnitz" demonstrierten am 27.8.2019  6.000 Menschen.
An der Seite der rechtsextremen Bürgerbewegung "Pro Chemnitz" demonstrierten am Montag 6.000 Menschen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um die 200 Menschen in Chemnitz zählt der sächsische Verfassungsschutz zur rechten Szene. Das sind diejenigen, die sich in rechten Parteien oder Vereinen engagieren oder wegen politisch motivierter Straftaten aufgefallen sind. Gemeinsam mit der rechtsextremen Bürgerbewegung "Pro Chemnitz" demonstrierten am Montag aber etwa 6.000 Menschen.

Rechte Szene gut vernetzt

Eine Diskrepanz, die sich Sachsens Verfassungsschutzpräsident Gordian Meyer-Plath so erklärt: "Wir sehen eine zahlenmäßig im Vergleich zu Leipzig oder Dresden relativ kleine rechtsextremistische Szene. Allerdings ist sie hervorragend vernetzt. Sowohl mit ihrem Umland – dem Erzgebirgskreis, Mittelsachsen, dem Landkreis Zwickau. Aber sie hat auch überregionale Kontakte, wie die Mobilisierung ja bewiesen hat."

Tatsächlich reisten am Montag Demonstranten aus Berlin, Brandenburg, Thüringen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen an.

Gordian Meyer-Plath
Gordian Meyer-Plath Bildrechte: Constanze Hertel

Die rechtsextremistische Szene hat auf so einen Anlass nur gewartet. Insofern war klar, dass sie sich mit allem, was sie haben, draufstürzen würden. Insofern konnte das nicht völlig überraschen.

Gordian Meyer-Plath | Verfassungsschutzpräsident Sachsen

Hohe Kontinuität neonazistischer Strukturen

In der rechtsextremen Szene würden Kontakte über Jahre gepflegt, auch wenn Gruppierungen aufgelöst oder verboten werden, erklärt Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen. Der Verein engagiert sich gegen Rechtsextremismus im Freistaat. "Diese Strukturen haben sich immer wieder gewandelt in den letzten 20 Jahren. Wir hatten die nationalen Sozialisten Chemnitz, wir hatten die Hooligans Hoonara, [...] – Hooligans, Nazis, Rassisten." Man könne davon sprechen, dass es in Chemnitz eine hohe Kontinuität von neonazistischen Strukturen in unterschiedlichen Formen gebe.

Viele Demonstranten aus extremen Lagern

So ist Chemnitz noch immer Standort des rechtsextremen Musik Labels PC Records. Und Heimat der Hooligangruppe Kaotic Chemnitz. Über Facebook wollte sie die Fans des Chemnitzer FC zum Aufmarsch motivieren. Latent rechte Einstellungen sind unter ihnen bekannt. Auch Hooligans anderer Vereine waren über das Netzwerk schnell erreicht. Die wenigen Demonstranten, die sich keinerlei extremem Lager zuordnen, seien kaum noch wahrzunehmen gewesen, meint Nattke, der selbst bei der Demo war.

Michael Nattke
Michael Nattke Bildrechte: Constanze Hertel

Es gab Transparente der neonazistischen Partei "Der Dritte Weg", es wurden Bengalos gezündet. Es gab rechtsextreme Sprechchöre – "Deutschland den Deutschen", "Ausländer raus" wurde gerufen. Ich fand die Situation wirklich beängstigend.

Michael Nattke | Kulturbüro Sachsen

Polizei war unterbesetzt

1.500 Gegendemonstranten waren dem Aufruf der Partei die Linke gefolgt. Bald flogen Flaschen aus beiden Lagern, die Teilnehmer vermummten sich. Die Polizei war unterbesetzt. Denn angemeldet hatte "Pro Chemnitz" gerade einmal 1.000 Teilnehmer. Mobilisiert hat die rechte Szene schließlich sechsmal so viele Demonstranten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. August 2018 | 08:07 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2018, 05:00 Uhr