Auffrischung nach Grundimmunisierung Dritte Corona-Impfung - sind Booster für alle sinnvoll?

Die vierte Corona-Welle rollt, fast alle Parameter sind bereits jetzt höher als vor einem Jahr - und der Winter kommt erst noch. Rufe nach Auffrischungsimpfungen gegen das Coronavirus werden deshalb immer lauter und das nicht nur für vulnerable Gruppen. "Booster-Impfungen für alle", heißt es aus Kreisen der Politik, was prompt auch Kritik nach sich zieht.

Neben drei Spritzen befinden sich Buchstabenwürfel mit dem Schriftzug Boosterimpfung.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat Booster-Imfpungen für jeden ins Spiel gebracht. (Themenbild) Bildrechte: imago images/Steinach

Die Corona-Infektionszahlen steigen wieder stark an - und das noch früher als vor einem Jahr. Die Warnungen vor erneuten Notlagen in den Kliniken werden deshalb zunehmend lauter. Das medizinische Personal sei an der Belastungsgrenze und niemand wolle erneut erleben, dass planbare Operationen abgesagt werden müssten, sagte Ärztepräsident Klaus Reinhardt.

Stiko empfiehlt Booster für bestimmte Gruppen

Deshalb werben er und andere Experten für Auffrischungsimpfungen und entschlossenes Handeln. Die dritte Corona-Impfung könne gerade bei älteren und vorerkrankten Menschen das Infektionsrisiko erheblich reduzieren. Die Ständige Impfkommission (Stiko) habe deshalb klare Impf-Empfehlungen für Menschen ab 70 Jahre, Vorerkrankte und Menschen aus bestimmten Berufen ausgesprochen, so Reinhardt. Er rate Bürgerinnen und Bürgern aus diesen Gruppen dringend, Angebote für Drittimpfungen wahrzunehmen.

Gesundheitsminister empfehlen Impfung ab 60 Jahren

Laut Impfverordnung hat grundsätzlich jeder ab 12 Jahren Anspruch auf eine Auffrischungsimpfung. Die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) empfiehlt das Boostern derzeit aber ab 60 Jahren nach "individueller Abwägung, ärztlicher Beratung und Entscheidung" und weicht damit von der Stiko, die zurückhaltender ist und eine Auffrischung erst ab 70 Jahren empfiehlt, ab.

Booster auch für Jüngere? Sachsen macht es vor

Ein Bundesland geht einen eigenen Weg und weicht von beiden übergeordneten Empfehlungen ab. So empfiehlt die Impfkommission des Landes Sachsen (Siko) die Auffrischungsimpfungen gegen das Coronavirus ab 1. November für alle Menschen ab 18 Jahren. Grundlage seien nach Angaben der Siko "neueste wissenschaftliche Daten" aus Israel, die eine deutliche Risikoreduktion nach Verabreichung der dritten Dosis zeigten - und zwar nicht nur für Ältere, sondern für alle Altersklassen.

Was ist eine Booster-Impfung? Auffrischungsimpfungen oder Booster-Impfungen dienen dazu, einen langfristigen Immunschutz zu gewährleisten. Sie sind vor allem für Personengruppen sinnvoll, bei denen es zu einer reduzierten oder schnell nachlassenden Immunantwort nach einer vollständigen COVID-19-Impfung kommen kann. Die Auffrischung kann in der Regel sechs Monate nach cer Grundimmunisierung durchgeführt werden.

Spahn: Mit Boostern die vierte Welle brechen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn reicht das Impftempo im Kampf gegen die vierte Welle indes nicht aus. "Aktuell reicht das Booster-Tempo in Deutschlands Praxen nicht", so Spahn. "Wir brauchen einen Booster-Gipfel von Bund und Ländern." Auch Spahn bezieht sich auf Daten aus Israel. Sie würden zeigen, "dass das Boostern einen ganz entscheidenden Unterschied macht, um die vierte Welle zu brechen".

Studien zeigen Wirksamkeit

Berichten zufolge haben die israelischen Forscher herausgefunden, dass es bei Menschen über 60 Jahren, die bislang nur zwei Dosen bekamen, zehn Mal mehr Infektionen gab als bei denjenigen in dieser Altersklasse, die Booster-Impfungen bekamen. Zudem seien bei zweifach Geimpften 20-mal häufiger schwere Krankheitsverläufe aufgetreten als bei den Studienteilnehmern mit dreifachem Impfschutz. Die Ergebnisse deuten also darauf hin: Booster-Impfungen sind sinnvoll. Beim Verabreichen von Auffrischungsimpfungen handele sich nach Angaben von Jens Spahn um "vorausschauendes, vorsorgliches Handeln". Und da Deutschland genügend Corona-Impfstoff habe, müsse auch gehandelt werden.

Kritik von Hausärzten

Ärztevertreter üben derweil Kritik an Spahn, der zudem darauf hingewiesen hatte, dass Auffrischungsimpfungen zwar für Risikogruppen empfohlen, aber grundsätzlich für jeden möglich seien. "Wir sind verärgert, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Erwartungen schürt", sagte Armin Beck, Vorstandsmitglied des Hausärzteverbands, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Die Hausärzte folgen der Empfehlung der Ständigen Impfkommission, und diese empfiehlt aktuell Drittimpfungen nur für über 70-Jährige und wenige andere Gruppen." Durch Spahns Äußerungen werde nun aber der Aufklärungs- und Diskussionsbedarf in den Praxen größer.

Lauterbach plädiert für erneute Öffnung der Impfzentren

Um das Tempo bei flächendeckenden Booster-Impfungen zu erhöhen, hat Gesundheitsexperte Karl Lauterbach für eine Wiedereröffnung der Impfzentren plädiert. Bei Twitter schrieb er, es gebe "realistischerweise" derzeit nicht viele Möglichkeiten "mit großer Wirkung". Eine von zwei Möglichkeiten sei "eine viel schnellere Booster-Impfung", so Lauterbach. Dafür müsse man allerdings die Impfzentren wieder öffnen. Als andere Möglichkeit nannte Lauterbach "konsequent 2G anzuwenden" - also nur Geimpfte oder Genesene zu Veranstaltungen oder in Restaurants im Innenbereich einzulassen.

Nur mRNA-Impfstoffe als Booster

Die Booster-Impfungen werden in Deutschland für die betreffenden Gruppen mit einem der beiden mRNA-Vakzine empfohlen. Nach Angaben von Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sollte auf eine Grundimmunisierung mit Biontech/Pfizer ein Booster von Moderna erfolgen, nach der doppelten Moderna-Dosis eine dritte von Biontech/Pfizer. Diese Kombinationen würden den besten Schutz bieten. Im Falle von Biontech/Pfizer mehr als 95 Prozent.

Wechsel-Impfungen am effektivsten

Dennoch: Eine grundsätzlich Auffrischungs-Empfehlung für alle Impfberechtigten werde die Stiko erst geben, wenn klar gezeigt werden könne, dass ein positiver Effekt für sie tatsächlich auch wissenschaftlich belegbar sei, sagte der Stiko-Vorsitzende Mertens. "Dabei geht es vor allem um die Frage, inwieweit eine solche allgemeine Impfung die Virusübertragung in der Bevölkerung zusätzlich reduzieren kann", so Mertens weiter. Antworten darauf habe man momentan noch nicht.

(BRISANT/dpa/afp/dlf/infektionsschutz)

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 01. November 2021 | 17:15 Uhr

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