Berechtigter Social-Media-Hype? Eintritt nur mit Einladung - Das ist Clubhouse

Alle Clubs sind geschlossen. Gut, dass zumindest "Clubhouse" geöffnet hat. Die neue Audio-Plattform aus den USA hat auch hierzulande einen mächtigen Social-Media-Hype ausgelöst - unter Promis und "Normalos". BRISANT wollte wissen, was dran ist und ob man bedenkenlos aufspringen sollte.

Symbolfoto Clubhouse Netzwerk und Audio App auf einem Smartphone
"Clubhouse" - der Social-Media-Hype hat Deutschland erreicht. (Archiv) Bildrechte: imago images / Political-Moments

"Hallo, könnt ihr mich hören?" Diese Frage ist so ziemlich jedem geläufig, der an die zahllosen Audio- und Videokonferenzen im Home Office in jüngster Zeit denkt. Doch aktuell tritt diese Frage vor allem durch den wahrscheinlich aktuellsten Social-Media-Hype auf, denn genauso beginnen viele Diskussionen auf der neuen Audio-Plattform "Clubhouse". Die App nistet sich seit knapp zwei Wochen auf iPhones interessierter Nutzer in Deutschland ein, nachdem die Begeisterungswelle aus den USA nach Europa geschwappt ist. Wer direkt mitmachen will, braucht Geduld und/oder einen großen Bekanntenkreis, denn das geht nur per Einladung eines "Clubhouse"-Nutzers. Die "Invites" sind heiß begehrt und werden sogar auf Verkaufsplattformen angeboten. Ob der Hype berechtigt ist, wollte BRISANT selbst herausfinden. Und siehe da: Es macht Spaß, fühlt sich neu an, wirft aber auch kritische Fragen auf. Aber der Reihe nach.

"Clubhouse" funktioniert 24/7

Jeder angemeldete Nutzer hat bei "Clubhouse" die Chance, seine eigene virtuelle Podiumsdiskussion zu eröffnen. Die Atmosphäre lässt sich dabei am besten als ein Mix aus Kneipengespräch, Podcast und Telefonkonferenz beschreiben. Menschen können in sogenannen "Räumen" live miteinander diskutieren. Man kann dabei entweder selbst Moderator sein und Gesprächsrunden eröffnen oder man tritt Räumen bei, lauscht den anderen und kann mit einem virtuellen Handzeichen darauf hoffen, selbst auf die "Bühne" geholt und zum "Speaker" zu werden. Die Räume findet man entweder zufällig durch Interessensangaben oder sie werden von Personen gestartet, denen man folgt. Darüber kann man sich per Pushmitteilung informieren lassen. In der App ist zu jeder Tages- und Nachtzeit Betrieb, denn durch Zeitverschiebung und Internationalität wird 24 Stunden am Tag in Räumen gesprochen.

Fachgespräche und Promi-Talk

Der Hype ist in der Tat groß. Das belegen nicht nur die Downloadzahlen der App in Deutschland, auch zahlreiche deutsche Promis tummeln sich bereits auf "Clubhouse": Schauspielerin Veronika Ferres, Politiker Christian Lindner, Fußballer Thomas Müller, Entertainer Thomas Gottschalk und Moderator Joko Winterscheidt sind da nur einige Beispiele, die die Bandbreite verdeutlichen. Vor allem treffen sich aber Leute aus der Tech-Szene, mit reichweitenstarken Influencern an der Spitze, und User, die "irgendwas mit Medien" oder in der freien Wirtschaft machen. Man unterhält sich dann darüber, wie man möglichst viele Leute in den eigenen Raum kriegt oder hört und gibt Tipps, wie man bessere Interviews führt, ein Startup richtig gründet oder warum die Aufstellung von Borussia Dortmund mal wieder richtig mies war.

Fan-Begeisterung trifft auf Promis

Das an sich ist oft schon interessant und unterhaltend, richtig spannend wird es aber vor allem, wenn wahre "Größen" einen Raum betreten. So beantwortete RB-Leipzig-Trainer Julian Nagelsmann jüngst Fragen von Fans und Interessierten und zwar auf äußerst lockere und Medien-untypische Art. Oder Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow gab Preis, was er während einer Corona-Beratung mit Kanzlerin Angela Merkel so zur Ablenkung macht. Das Besondere dabei: Man erhält als "Speaker" die Chance, tatsächlich eine Art Telefonat mit Sportlern, Prominenten oder anderweitig interessanten Menschen zu führen. Man kann der Aufregung eines Fans akustisch beiwohnen, wenn plötzlich Fußball-Star Toni Kroos am anderen Ende der "Leitung" spricht. Im Gegensatz zu Netzwerken wie Instagram und Twitter können Beiträge nicht schriftlich kommentiert oder "Likes" vergeben werden, stattdessen kann man die Begeisterung live mithören.

Wem das zu aufregend ist, kann natürlich auch einen Raum mit Freunden eröffnen und im kleinen Kreis diskutieren. Oder man geht einfach in den "Ruheraum", der vor einigen Tagen bei "Clubhouse" eröffnet wurde. Mehrere Hundert User sind dort Tag für Tag anwesend und sagen keinen Mucks. Absolute Stille. Auch schön.

Datenschutz-Sorgen wegen "Clubhouse"

Für die Verbreitung setzt "Clubhouse" auf eine umstrittene Methode, die bereits Grundlage des rasanten Wachstums von WhatsApp war. Nachdem man die App installiert und die Einladung aktiviert hat, verlangt die App Zugriff auf sämtliche Kontakte im Adressbuch des verwendeten iPhones. Diese Praxis wurde bei WhatsApp von Datenschützern in Europa heftig kritisiert, weil die Anwender eigentlich zuvor jeden einzelnen Kontakt um Erlaubnis fragen müssten, bevor die persönlichen Daten auf Server in den USA übertragen werden. Das fragwürdige Datenschutzkonzept von "Clubhouse", das vermutlich auch gegen die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verstößt, hinderte viele aber nicht daran, schnell auf den "Clubhouse"-Zug aufzuspringen. FOMO (fear of missing out) nennen Marketing-Experten diesen Ansatz. Diskussionen zwischen Politik und "Clubhouse"-Machern sind beim Thema Datenschutz sicher zu erwarten.

Hate Speech als mögliches Problem

Auch, dass es für Moderatoren der Räume bislang keine Möglichkeit gibt, akustische Hasskommentare zu unterbinden, sorgt für Kritik. Der Live-Charakter der App erzeugt einerseits das positive Gefühl des Miterlebens, andererseits kann es auch dazu provozieren, sich im Ton zu vergreifen. Bislang ist das die Ausnahme, dennoch ist "Hate Speech" in der aktuellen Version der App noch Tür und Tor geöffnet. Einzelne User können zwar gemeldet werden, doch um das zu bearbeiten, müssen die Gespräche - zumindest temporär - von "Clubhouse" gespeichert werden. Auch das ist datenschutzrechtlich bedenklich.

Unklar, wer zuhört

Für Speaker und Moderatoren gibt es zudem das Problem, dass nicht immer ersichtlich ist, wer unter den Zuhörern ist. Aussagen, die flapsig, witzig oder nicht ernst gemeint sind, können sich schnell zum Boomerang entwickeln, wenn die "richtige" Person zuhört und eine Geschichte daraus macht. Siehe Bodo Ramelow.

Android-User müssen sich gedulden

Zum Marketing-Konzept der "Clubhouse"-Macher gehört die künstliche Verknappung. So sind alle Nutzerinnen und Nutzer eines Android-Smartphones bislang außen vor. Die App wird gegenwärtig nur für iOS angeboten. Nach eigenen Angaben will "Clubhouse" aber für jeden Menschen zugänglich sein, eine Version für Android-Geräte sei in Planung.

Das ist Clubhouse Clubhouse wurde im April 2020 gestartet und löste zunächst in den USA
in der Coronakrise einen Boom aus, der an die Anfänge von WhatsApp
oder Snapchat erinnert. Der Wagnis-Kapitalgeber Andreessen Horowitz,
der auch früh in Silicon-Valley-Stars wie AirBnB, Facebook,
Instagram, Lyft und Twitter investiert hatte, steckte im Mai 2020
zwölf Millionen Dollar in Clubhouse. Damit wurde das Start-up mit 100
Millionen Dollar (aktuell 82,78 Mio Euro) bewertet - zu einem
Zeitpunkt, als nur 1.500 Nutzer bei der Anwendung aktiv dabei waren.
Darunter befanden sich aber schon prominente User wie der Rapper
Drake oder Comedian Kevin Hart.

ten/dpa/afp

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 25. Januar 2021 | 17:15 Uhr

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