Erklärungsansätze Weshalb stecken sich einige Menschen nicht mit dem Coronavirus an?

Alpha, Delta, Omikron - einige Menschen haben sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen schon mehrfach mit dem Coronavirus infiziert. Andere lassen es lockerer angehen und sind trotzdem bislang ohne Infektion durch die Corona-Pandemie gekommen. Woran das liegt? Die Wissenschaft bietet verschiedene Erklärungsansätze.

ein animiertes Bild von unterschiedlichen Menschen mit Maske und ohne Maske
Einige Menschen haben sich bereits mehrfach mit dem Coronavirus angesteckt, andere noch gar nicht. Bildrechte: Colourbox.de

Die Human-Challenge-Studie aus Großbritannien

Vor einem Jahr sorgte ein Coronavirus-Projekt des Imperial College London für Diskussion. Für die sogenannte Human-Health-Studie hatten sich 36 junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren, weder geimpft noch genesen, absichtlich dem Coronavirus ausgesetzt, indem sie sich geringe Menge einer ursprünglichen Virusvariante des Coronavirus in die Nase tropfen ließen.

Im Anschluss wurden die Probanden für zwei Wochen isoliert, medizinisch überwacht - und immer wieder auf das Virus getestet. Anschließend folgten zwölf weitere Monate der Beobachtung.

Das Erstaunliche an diesem Experiment: Nur die Hälfte der Testpersonen steckte sich tatsächlich mit dem Coronavirus an - und entwickelte entsprechende Symptome. Diese traten im Schnitt etwa zwei Tage nach der Infektion auf - und damit deutlich früher als bei den ersten Infektionswellen beobachtet. Das kann allerdings daran liegen, dass die Probanden genauer darauf achteten, ob sie sich infiziert hatten.

T-Zellen und Immunität gegen verwandte Viren

Bleibt die Frage, weshalb sich lediglich die Hälfte der Testpersonen infizierte, während sich das Coronavirus bei der anderen Hälfte der Probanden offenbar nicht vermehren konnte.

Dazu gibt es mehrere Theorien. Eine Rolle spielen könnten genetische Besonderheiten einiger Probanden. Denkbar wäre auch, dass eine bereits vorhandene Immunität gegen verwandte Erreger - zum Beispiel herkömmliche Erkältungs-Coronaviren - sie vor einer Infektion bzw. einem symptomatischen Verlauf geschützt haben.

Dabei spielen sogenannte T-Zellen eine Rolle. Das sind spezielle weiße Blutkörperchen, die, teils in Wechselwirkung mit den Antikörpern, Aufgaben der Immunabwehr übernehmen. Sie sind in der Lage, infizierte Zellen im Körper unschädlich zu machen und verhindern, dass sich ein Virus weiter ausbreitet.

Illustration Weißes Blutkörperchen mit roten Blutkörperchen
Weiße Blutkörperchen - die T-Zellen - sind die Polizisten der Blutbahn. Bildrechte: IMAGO / Science Photo Library

Durch die T-Zellen entsteht ein immunologisches Gedächtnis. Auch Jahre nach einer Infektion oder Impfung können sie Krankheitserreger wiedererkennen und bekämpfen. Doch das scheint nicht bei allen Menschen zu funktionieren.

Ebenso könnte eine bereits vorhandene Immunität gegen manche Grippeerreger einen gewissen Schutz vor dem Coronavirus bieten. 

Unterschiedliche Gewebetypen

Einige Menschen verdanken ihre Immunität ihrem HLA-Gewebetypus. Der spielt auch in der Transplantationsmedizin eine Rolle und ist dafür entscheidend, ob ein Organspender und Organempfänger zueinander passen.

Ein bestimmter Gewebetypus könnte also in der Lage sein, vom Coronavirus befallene Zellen sofort unschädlich zu machen oder eben besonders anfällig für sie zu sein.

Dringen Viren in den Körper ein und infizieren eine Zelle, beginnt die Zelle Interferone zu bilden. Dadurch werden sämtliche benachbarte Zellen in einen antiviralen Zustand versetzt. Bei Kindern funktioniert das besonders gut. Deshalb spielen sie in der Pandemie auch eine eher untergeordnete Rolle.

Illustration: Antikörper um einen Covid-19 Erreger herum.
Manche Menschen scheinen immun gegen das Coronavirus zu sein. Der Grund dafür könnte ihr HLA-Gewebetypus sein. Bildrechte: imago images/Science Photo Library

Weitere Erklärungsansätze

Doch das sind nicht die einzigen Erklärungsansätze dafür, weshalb sich manche Menschen scheinbar weniger schnell mit dem Coronavirus infizieren. Aufgrund der besonderen Studiensituation, der geringen Teilnehmerzahl und des jungen Alters der Testpersonen deckt die Human-Challenge-Studie nicht alle Faktoren ab, die die Wahrscheinlichkeit einer Corona-Infektion beeinflussen könnten.

Virusmenge und Schwellenwert

Für die britische Human-Challenge-Studie sind alle Testpersonen der gleichen Virusmenge ausgesetzt worden. Das ist im Alltag nicht gegeben. Wie groß die Menge der Viruspartikel ist, die man selbst aufnimmt, hängt von der Dauer und der Art der Begegnung mit einem Infizierten ab.

Um sich zu infizieren, muss man mit einer gewissen Dosis eines Erregers in Kontakt kommen. Das heißt: Ein bestimmter Schwellenwert muss überschritten werden. Je höher die Viruslast einer infizierten Person ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, bei einer Begegnung diesen Schwellenwert zu überschreiten und sich anzustecken. Leiden Menschen unter einer Immunschwäche, ist ihre natürliche Schwelle niedriger.

Ob man sich mit dem Coronavirus infiziert, hängt also auch davon ab, mit wie vielen Viren man in Kontakt kommt, ob dabei die individuelle Schwelle überschritten wird und wie gut das eigene Immunsystem funktioniert.

Junge Frau trägt medizinische Maske, sie hustet. Studioaufnahme isoliert auf rosa Hintergrund
Je höher die Viruslast einer infizierten Person, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, sich bei einer Begegnung anzustecken. Bildrechte: imago images/YAY Images

Die Rolle der Tageszeit

Wie gut die körpereigene Abwehr arbeitet, hängt unter anderem von der Tageszeit ab, zu der man mit den Viren in Kontakt kommt. Nachts, im Schlaf, regeneriert sich unser Immunsystem. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit einer Virusinfektion am Morgen und Vormittag geringer als im weiteren Tagesverlauf.

Faktor Alter - je älter, desto gefährdeter

Mit fortschreitendem Alter lässt die Leistung unserer Immunabwehr nach. Ab einem Alter von etwa 65 Jahren kommt die sogenannte Immunoseneszenz zum Tragen, mit der das Infektionsrisiko steigt. Das gibt dem Virus die Chance, sich schneller zu verbreiten.

Frauen weniger betroffen als Männer

Frauen haben ein stärkeres Immunsystem als Männer. Deshalb sind sie auch für eine Covid-19-Infektion weniger anfällig und sterben seltener daran. Unter Männern ist der Anteil der Covid-19-Toten überproportional hoch.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 25. März 2022 | 17:15 Uhr

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