Neuer Plan der Ständigen Impfkommission Corona-Spritze: Wer in Deutschland zuerst die Impfung bekommt

Wer soll zuerst gegen Corona geimpft werden? Laut einem neuen Entwurf der Ständigen Impfkommission allen voran Heimbewohner und ältere Menschen über 80 sowie medizinisches und Pflegepersonal. Der Aufbau von Impfzentren hat schon begonnen.

Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes, simulieren im Messezentrum den Ablauf zur Impfung eines Corona-Impfstoffs
Baden-Württemberg, Ulm: Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes simulieren im Messezentrum den Ablauf zur Impfung eines Corona-Impfstoffs. In Ulm sollen pro Stunde bis zu 120 Menschen geimpft werden können. Bildrechte: dpa

In Stadthallen, ehemaligen Schulen, Jugendherbergen: Der Aufbau von Corona-Impfzentren hat begonnen. Geplant ist darin eine Art Rundlauf: Von der Anmeldung und den Warteplätzen über die Impfräume bis zum Ruhebereich. Die Errichtung der Stationen ist aber nicht die einzige Baustelle, an der gerade gearbeitet wird. Längst laufen Diskussionen darüber, wer zuerst geimpft werden soll – auf freiwilliger Basis. Regeln muss das das Bundesgesundheitsministerium per Verordnung. Die sei in Arbeit, heißt es. Doch die vorläufige Nationale Impfstrategie verrät bereits viele Details über die Priorisierung und den Ablauf der Massenimpfungen, um Verteilungskonflikte zu vermeiden.

Rund 8,6 Millionen Menschen gehören zur ersten Gruppe

Zum Start der Corona-Impfungen in Deutschland sollen Ältere über 80, Pflegeheimbewohner und bestimmtes Personal mit hohem Infektionsrisiko voraussichtlich zuerst zum Zug kommen können. Dies entspricht rund 8,6 Millionen Menschen, wie aus einem am Montag verschickten Entwurf der Ständigen Impfkommission (Stiko) hervorgeht. Dazu können Länder und medizinische Fachgesellschaften nun noch Stellung nehmen - wegen besonderer Eilbedürftigkeit bis diesen Donnerstag. Grund für eine Prioritätensetzung ist, dass zum möglichen Auftakt von Impfungen zu Beginn des neuen Jahres nur kleinere Impfstoffmengen erwartet werden.

Die beim bundeseigenen Robert Koch-Institut (RKI) angesiedelte Stiko schlägt vor, Impfungen zunächst Personengruppen mit besonders hohem Risiko für schwere oder tödliche Krankheitsverläufe anzubieten - sowie Gruppen, die beruflich besonders exponiert sind oder engen Kontakt zu Risikogruppen haben. Konkret nennt die Empfehlung Bewohner von Senioren- und Altenpflegeheimen und Menschen über 80 Jahre.

Zudem aufgeführt wird Personal mit besonders hohem Expositionsrisiko in medizinischen Einrichtungen wie Notaufnahmen und in der Betreuung von Corona-Patienten sowie Personal in medizinischen Einrichtungen mit engem Kontakt zu Risikogruppen in der Behandlung von Blutkrebs und der Transplantationsmedizin. Genannt werden auch Pflegepersonal in der ambulanten und stationären Altenpflege sowie andere Beschäftigte in Senioren- und Pflegeheimen mit Kontakt zu Bewohnern.

Das zunehmende Alter ist der unabhängige Faktor, der mit Abstand die höchste Risikoerhöhung mit sich bringt.

Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko)

Weitere Gruppen folgen

Laut dem Stiko-Entwurf sollen nach der ersten Gruppe weitere Gruppen mit besonderen Risiken vorrangig geimpft werden. "Hohe" Priorität sollen etwa 6,7 Millionen Menschen haben, darunter Senioren zwischen 75 und 80 Jahre sowie Menschen mit Demenz oder einer geistigen Behinderung in Einrichtungen sowie dort tätiges Personal.

Dann sollen ungefähr 5,5 Millionen Menschen mit "moderater" Priorität - etwa Ältere zwischen 70 und 75, Vorerkrankte mit erhöhtem Risiko und ihre engsten Kontaktpersonen, Menschen in Asylbewerber- und Obdachlosenunterkünften, enge Kontaktpersonen von Schwangeren, Personal mit moderatem Infektionsrisiko in medizinischen Einrichtungen und Kliniken sowie Personal in Gesundheitsämtern folgen.

Als nächstes sollten laut Entwurf rund 6,9 Millionen Menschen mit "erhöhter" Priorität folgen, darunter Menschen zwischen 65 und 70, Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Menschen mit prekären Arbeits- oder Lebensbedingungen wie Saisonarbeiter, Beschäftigte in Verteilzentren oder in der fleischverarbeitenden Industrie.

Nächste Stufe sind neun Millionen Menschen mit "gering erhöhter" Priorität, etwa Menschen von 60 bis 65 Jahre, Personal in "Schlüsselpositionen" der Landes- und Bundesregierungen, Beschäftigte im Einzelhandel sowie in der "kritischen Infrastruktur" wie Feuerwehr, Bundeswehr, Polizei, Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) und Abfallwirtschaft.

Seniorin wird geimpft
In der Regel sprechen ältere Menschen schlechter auf Impfstoffe an, weil ihr Immunsystem generell schlechter reagieren kann. Bildrechte: imago images / Niehoff

Erste Impfstoffe gegen Corona zugelassen - aber nicht in Europa

Bevor aber überhaupt hierzulande mit den Impfungen begonnen werden kann, muss die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna zulassen. Das will sie nach eigenen Angaben bis zum 29. Dezember erledigt haben. Realistisch ist also davon auszugehen, dass die Impfungen erst im neuen Jahr beginnen, auch wenn die Impfzentren der Länder mehrheitlich Mitte Dezember einsatzbereit sein wollen.


Fragen und Antworten zur Corona-Impfung in Deutschland

+ Warum gibt es noch keinen offiziellen Starttermin?

Weil es noch keinen von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zugelassenen Impfstoff gibt. Die Zulassung aber ist nötig, bevor das Bundesgesundheitsministerium per Rechtsverordnung festlegt, in welcher Reihenfolge geimpft wird. Die EMA prüft derzeit zwei Vakzine.

+ Warum ist die bereits erarbeitete Impfstrategie des Gesundheitsministeriums noch vorläufig?

Das Ministerium lässt sich bei seinen Überlegungen von Experten beraten. In diesem Fall ist das eine Arbeitsgruppe aus Fachleuten der Ständigen Impfkommission (Stiko), der Leopoldina und des Deutschen Ethikrats. Sie haben ein Positionspapier vorgelegt, das als detaillierte Covid-19-Impfempfehlung dient. Die Schlussfassung dieser Empfehlung kann aber erst erfolgen, wenn eine Impfstoffzulassung und eine Auswertung der wissenschaftlichen Daten vorliegt, die zeigt, welche Personengruppen die Impfung am besten schützt. Das soll der Stiko zufolge bis Ende Dezember geschehen.

 + Auf welcher Grundlage werden die Corona-Impfungen erfolgen?

Rechtliche Basis ist eine Verordnung des Ministeriums, deren Entwurf dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt. Der "Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung" zufolge sollen Risikogruppen und Personen, die in "bestimmten Einrichtungen" tätig sind oder dort behandelt oder gepflegt werden, zuerst eine Impfung erhalten. Experten interpretieren das so, dass damit auch Mitarbeiter, Patienten und Bewohner von stationären und ambulanten Einrichtungen, wie Krankenhäusern, Altenheimen und Arztpraxen zuerst geimpft werden.

Das Ministerium hat eine vorläufige Strategie veröffentlicht, die einen Zwei-Stufen-Plan vorsieht. Die Rede ist von einer zweigeteilten Phase 1 und einer Phase 2. Zunächst werden von mobilen Teams der Impfzentren sogenannte vulnerablen Gruppen, also etwa Pflegeheimbewohner und Menschen mit Behinderungen sowie deren Betreuerinnen und Betreuer und etwa Klinikpersonal das Vakzin erhalten. Der Bund sorgt für die Verteilung der Impfstoffe an 60 Standorte im Bundesgebiet. Die Verteilung erfolgt nach dem Bevölkerungsanteil. Lagerung und Logistik ist Sache der Länder, die die Verteilung an die dazu extra errichteten Impfzentren regeln. Dazu richten die Länder Anlieferungszentren für die Impfstoffe ein.

Derzeit sind 27 solcher Zentren geplant. Erst in der Phase 2 kommt die erwachsene Bevölkerung an die Reihe. Hier übernehmen dann auch ärztliche Einrichtungen, niedergelassene Ärzte und Betriebsärzte oder Medizinstudenten das Impfen. Jens Spahn geht davon aus, dass erst im Sommer flächendeckend in Arztpraxen geimpft werden kann.

+ Welche Probleme bestehen?

Die größte Schwierigkeit besteht in der fachgerechten Verteilung der Impfstoffe. Das Vakzin des Herstellers Biontec/Pfizer muss bei minus 70 Grad gelagert und verteilt werden. Beim Impfstoff von Moderna, der zweite Anbieter, der die Zulassung bei der EMA beantragt hat, ist nur eine normale Kühlung nötig. Eine organisatorische Herausforderung ist die Aktion aber ganz unbestritten, zumal alle Impflinge zweimal in mehrwöchigem Abstand geimpft werden müssen. Noch sind die Bundesländer fieberhaft auf der Suche nach Ärzten und qualifiziertem Personal für die Impfzentren.

+ Wie viele Impfdosen werden gebraucht?

Diese Frage kann niemand beantworten. Denn das hängt von der Impfbereitschaft der Bürger ab, zu der es nur Umfrageergebnisse gibt. Laut einer Erhebung der Barmer Krankenkasse ist knapp über die Hälfte der Bevölkerung über 16 Jahren zu einer Corona-Impfung bereit. Um eine "Herdenimmunisierung" zu erreichen, sind das zu wenige. 42 Prozent der Befragten wollen ihre Kinder impfen lassen. 15 Prozent sagten, sie wollten sich vielleicht impfen lassen, neun Prozent "eher nicht" und 13 Prozent "sicher nicht".

+ Wie will man einen Ansturm auf die Impfzentren vermeiden?

Laut Gesundheitsministerium soll es ein einheitliches Terminmanagement geben, um lange Warteschlangen vor den Zentren zu vermeiden. Das Ministerium erarbeite zusammen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ein standardisiertes Modul zur Terminvereinbarung für alle Impfzentren einschließlich der mobilen Impfteams. Dieses Modul soll ein freiwilliges Angebot an die Länder werden. Die können aber auch eigene Strukturen aufbauen. Zudem ist geplant, dass für bevorzugte Impfungen in den Zentren Atteste von Hausärzten vorgelegt werden müssen, aus denen hervorgeht, dass "ein krankheitsbedingt erhöhtes Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf in Bezug auf die Coronavirus-Krankheit-2019" vorliegt. Die Hausärzte lehnen dieses Verfahren rigoros ab, weil es die Praxen überfordern würde. Priorisierungsentscheidungen würden "quasi durch die Hintertür bei den Hausärztinnen und Hausärzten abgeladen".

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 07. Dezember 2020 | 17:15 Uhr

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