Umstrittene Aussage von Til Schweiger Long Covid und PIMS-Syndrom - wie "harmlos" ist eine Corona-Infektion für Kinder wirklich?

Mit einem klaren Statement gegen die Corona-Impfung für Kindern sorgt Til Schweiger für Furore. Was ist von den Aussagen des Schauspielers zu halten und weshalb empfehlen nicht nur die Ständige Impfkommission, sondern auch Kinderärzte den Impfschutz für Kinder? BRISANT hat recherchiert und mit dem Virologen Dr. Martin Stürmer gesprochen.

Eine junge Frau impft eine junge Patientin.
Die Ständige Impfkommission empfiehlt, Kinder ab 12 Jahre gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Bildrechte: dpa

Ein neuer Dokumentarfilm aus Österreich will auf mögliche Risiken von Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche aufmerksam machen. Auf Youtube ist seit dem Wochenende ein viel diskutierter Trailer für "Eine andere Freiheit" zu sehen, in dem auch Schauspieler Til Schweiger zu Wort kommt.

Für Kinder ist dieser Virus absolut harmlos.

Til Schweiger, Schauspieler "Eine andere Freiheit"

Eine Impfung mit ihren noch unbekannten Langzeitfolgen sei im Vergleich viel gefährlicher als die Infektion mit dem Coronavirus, glaubt der Schauspieler - und steht damit nicht alleine da. Auch die österreichische Schauspielerin Nina Proll spricht sich in dem Video strikt gegen eine Impfung aus.

Viele Kinderärzte und Virologen sehen das Thema differenzierter. Denn auch Kinder können nach einer Infektion mit dem Coronavirus an Folgen wie Long Covid oder sogar dem PIMS-Syndrom leiden.

Til Schweiger
Sorgt mit "Halbwahrheiten" über die Corona-Schutzimpfung für Furore: Schauspieler Til Schweiger. Bildrechte: imago/Sven Simon

Schwerer Krankheitsverlauf - wie häufig müssen Kinder und Jugendliche ins Krankenhaus?

"Die Überlebensrate bei Covid-19 von Kindern unter 18 Jahren beträgt ohne medikamentöse Behandlung 99.998 %", wird zu Beginn des Film-Trailers eingeblendet.

Die Quelle für diese Behauptung: die "Centers for Disease Control and Prevention" (CDC) - die sich auf ihren Seiten explizit für eine möglichst zeitnahe Corona-Impfung von Kindern ab 12 Jahren aussprechen. Und das aus dreierlei Gründen: um die Kinder vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen, eine Erkrankung an Covid-19 und die Weitergabe des Virus zu verhindern.

Auch das deutsche Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung stuft das Risiko, dass mit dem Sars-Cov-2-Virus infizierte Kinder in ein Krankenhaus müssen, als bislang gering ein. Bei den 0- bis 4-Jährigen liege es bei 2 bis 4 Prozent, bei den Älteren bis 15 Jahre liege es bei 0,5 Prozent. Das Risiko, dass Kinder und Jugendliche sehr schwere Krankheitsverläufe erleiden, intensivpflichtig werden und sterben, gilt in Deutschland als sehr gering.

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist es nach den Daten des Robert Koch-Instituts zu 23 Todesfällen bei unter 20-Jährigen gekommen, von denen die große Mehrzahl Vorerkrankungen hatte. Von einer Impfung von Kindern und Jugendlichen distanziert sich das Institut dennoch nicht - im Gegenteil.

Junge Schülerin steht in Klassenzimmer, stützt Hände in Hüfte, trägt Maske und neigt Kopf leicht zur Seite, während sie in Kamera blickt
Bereits die Kleinsten können schwer an Covid-19 erkranken. Bildrechte: imago images/Westend61

Long Covid bei Kindern und Jugendlichen

BRISANT hat den Virologen Dr. Martin Stürmer, Lehrbeauftragter für Virologie an der Universität Frankfurt, getroffen. Auch er räumt ein, dass der Verlauf einer Covid-19-Erkrankung bei Kindern in der Regel weniger schwer ist. Dennoch können, so der Virologe, auch Kinder schwer erkranken.

Was der Mediziner außerdem zu bedenken gibt: Auch Kinder sind vor den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion, dem sogenannten Long Covid, nicht gefeit - selbst bei einem milden Krankheitsverlauf.

Corona-Infektion und PIMS-Syndrom

Bereits im Frühjahr wurden EU-weit mehrere Fälle von Kindern gemeldet, die wegen einer seltenen Entzündungskrankheit im Krankenhaus behandelt werden mussten: dem sogenannten PIMS-Syndrom. Der "Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie" wurden vom 27. Mai 2020 bis zum 05. September 2021 416 Kinder und Jugendliche gemeldet, die an dem bislang seltenen Syndrom erkrankt sind. Bei einem relevanten Teil der Fälle konnten Antikörper gegen das Coronavirus nachgewiesen werden.

Und: Die Auswertung der Daten zeigt, dass ein PIMS-Erkrankungs-Gipfel Ende Dezember 2020 parallel zum Peak der COVID-19 Hospitalisierungen bei Kindern und Jugendlichen aufgetreten ist.

Kinder packt seine Schultasche
Auch das sogenannte PIMS-Syndrom kann bei Kindern die Folge einer Coronainfektion sein. Bildrechte: IMAGO / Westend61

Wie gefährlich ist eine Corona-Schutzimpfung für Kinder?

Die Gefahr der Corona-Impfung für Kinder sei deutlich höher als das Virus selbst, behauptet Til Schweiger in dem Film-Trailer von "Eine andere Freiheit". Eine Behauptung, die Dr. Martin Stürmer im Gespräch mit BRISANT als falsch bewertet. Die in Deutschland zugelassenen Impfstoffe seien adäquat bewertet und auch von der "Ständigen Impfkommission" nicht ohne Grund für Kinder ab 12 Jahre freigegeben worden, so der Virologe.

dpa/dgpi.de/cdc.gov/BRISANT

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 07. September 2021 | 17:15 Uhr

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