Antikörper, Auffrischung und Co. Dritte Impfung nötig? Wie lange sind Geimpfte und Genesene vor Corona geschützt?

Immer mehr Menschen in Deutschland sind vollständig gegen das Coronavirus geimpft oder haben eine Infektion bereits hinter sich. Nach den jüngsten Erleichterungen und weiteren Lockerungsplänen für diese Gruppen stellt sich die dringliche Frage: Wie lange hält ihr Schutz überhaupt? Und wann ist eine Auffrischung nötig?

Eine elektronische Anzeigetafel mit dem Wort «Impfzentrum» und ein Plakat mit der Abbildung einer Spritze weisen den Weg zum Impfzentrum auf dem Messegelände in Hannover.
Wer vollständig geimpft ist oder eine Corona-Infektion überstanden hat, ist mindestens sechs Monate geschützt - oftmals aber länger. Bildrechte: dpa

Manche Krankheiten steht man einmal im Leben durch - und wenn man erneut mit dem Erreger in Kontakt kommt, hat man nichts mehr zu befürchten. Masern sind hier ein Beispiel. Gegen andere Krankheiten wie Gelbfieber gilt eine einzige Impfung als ausreichend für lebenslange Immunität. Wäre der Immunschutz nach Infektion oder Impfung beim Coronavirus genauso stabil, wäre die Pandemie deutlich schneller in den Griff zu bekommen. Doch bei Sars-CoV-2 ist es komplexer. Auch, weil nicht alle Menschen gleich auf Infektion oder Impfung reagieren.

Keine Erfahrungswerte über lange Zeiträume

Trotz des Wegfalls vieler Alltagsbeschränkungen für Geimpfte und Genesene seit Sonntag (09.05.) sollte nicht vergessen werden: Eine Impfung schützt nicht zu 100 Prozent. Zudem ist nicht bekannt, wie lange der Immun-Effekt nach Impfung oder durchgemachter Infektion anhält.

Klar ist nur, dass der Schutz mit der Zeit nachlässt. Bislang gibt es allerdings keine Erfahrungswerte über lange Zeiträume, dafür sind Virus und auch Impfstoffe einfach zu neu. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, stellte dazu kürzlich klar, dass das Virus durch Impfungen nicht verschwinden werde. Sie gäben zwar eine Grundimmunität, die die Erkrankung verhindere oder die Schwere abmildere, aber sie würden nicht verhindern, dass eine Infektion mit dem Sars-CoV-2 geschehe. Auch bei Geimpften bestehe ein Restrisiko, sich zu infizieren und andere anzustecken.

Lothar Wieler, Präsident Robert Koch-Institut (RKI), gibt eine Pressekonferenz zur aktuellen Lage in der Corona-Pandemie in der Bundespressekonferenz.
Lothar Wieler, Präsident vom RKI, gibt noch keine Entwarnung. (Archiv) Bildrechte: dpa

Dauer der Immunität unklar

Was sagt die Wissenschaft? "Die besten Daten, die wir haben, kommen von ehemals Infizierten", sagt der Immunologe Carsten Watzl. Für Studien wurden Betroffene von der ersten Phase der Pandemie an begleitet. Die Wissenschaftler interessieren sich etwa dafür, wie sich Antikörperspiegel entwickeln.

Es geht also um die Frage, wie lange die gebildeten Abwehrstoffe gegen Sars-CoV-2 im Körper erhalten bleiben. Problematisch ist dabei, dass es nicht den einen Wert gibt, der die Immunität anzeigt. "Es existieren keine internationalen Schwellenwerte, die definieren, ab welchem Punkt man nicht mehr immun ist", so Watzl, der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie ist.

Verschiedene Antikörper an Immunreaktion beteiligt

Beim Thema Abwehr-Reaktion des Körpers unterscheiden Experten mehrere Arten von Antikörpern, die zumindest wichtige Hinweise zur Immunität liefern. Zwei Beispiele: Die sogenannten IgA-Antikörper kann man sich als schnelle Eingreiftruppe vorstellen, die etwa im Nasenschleim und in der Lunge vorhanden ist und eingeatmete Viren unschädlich macht.

Sogenannte IgG-Antikörper hingegen werden erst nach einer gewissen Zeit im Blut gebildet. Sie gelten als Teil des Immun-Gedächtnisses und haben Einfluss auf die Schwere der Erkrankung. Sollte man sich erneut mit dem gleichen Erreger infizieren, sorgen sie für eine rasche Immun-Reaktion.

Was das Vermeiden von schweren Krankheitsverläufen oder Tod anbelangt, dem sogenannten Selbstschutz, rechnen Fachleute mit einer verlässlichen Abwehrreaktion auch noch nach einiger Zeit: Bisherige Daten von Genesenen zeigten relativ stabile Werte der IgG-Antikörper im Blut, so Watzl. "Da kann man bei vielen Genesenen von einer Immunität von einem Jahr ausgehen." Auch bei den sogenannte T-Zellen, die körpereigene infizierte Zellen zerstören, sorgt eine US-Studie für Hoffnung. Nach ihren Ergebnissen lässt sich eine breite und lang anhaltende Abwehr erwarten.

Illustration: Antikörper um einen Covid-19 Erreger herum.
Antikörper bekämpfen Viren im Körper. Bildrechte: imago images/Science Photo Library

Impfungen könnten für mehrjährigen Schutz sorgen

Durch Impfungen rechnet Watzl mit einem noch besseren, möglicherweise mehrjährigen Schutzeffekt vor schweren Verläufen bis hin zum Tod: Damit würden höhere Antikörperspiegel erreicht als bei der natürlichen Infektion. Die Hoffnung sei, dass die Antikörper von Geimpften ähnlich lange halten wie die von Genesenen. Die Nachbeobachtung des US-Herstellers Moderna etwa zeigt bisher, dass Antikörper mindestens sechs Monate nach der zweiten Dosis bestehen bleiben.

Weniger langanhaltende Effekte werden für den sogenannten Fremdschutz erwartet: Mit der Zeit scheinen Genese wieder mehr zur Verbreitung des Virus beizutragen. Hier sind die IgA-Antikörper auf den Schleimhäuten von Interesse: "Man sieht einfach, dieses IgA geht schneller wieder weg als das IgG", sagte der Virologe Christian Drosten kürzlich im Podcast "Das Coronavirus-Update".

Der Schleimhautschutz würde nach Angaben des Wissenschaftlers nach "zwei, drei Monaten" wieder verloren gehen - bei milden Krankheitsverläufen. Schwere Verläufe könnten zu einem Schutz von "einigen Monaten" führen. Helfen könnten hier Impfstoffe, die über die Atemwege aufgenommen werden, beispielsweise Nasensprays. Bislang sind solche Methoden allerdings nicht marktreif.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin
Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass der Schleimhautschutz mit der Zeit abnimmt - abhängig von der Schwere der Erkrankung. Bildrechte: dpa

Ist eine Auffrischimpfung nötig? Wenn ja, wann?

Um die Dauer des Schutzes, aber auch die Breite zu verbessern, arbeiten Hersteller an Auffrischungsimpfstoffen. Drosten zufolge könnten diese zum Winter hin zum Einsatz kommen. Großbritannien will Risikopatienten ab Herbst eine sogenannte Booster-Impfung verabreichen. Pfizer-Chef Albert Bourla hält für sein Vakzin von Biontech "wahrscheinlich" eine dritte Dosis innerhalb eines Jahres nötig.

Moderna kündigt für den Herbst einen ersten Booster-Impfstoff an, der gegen die gefährliche Südafrika-Mutante des Coronavirus wirksam sein soll.

RKI-Chef Wieler sagte am 7. Mai, man werde anhand von Studien sehen, wann eine Auffrischung angezeigt sei. "Wir werden noch öfter impfen müssen." Aber Zeitabstände könne man noch nicht benennen.

Wir werden noch öfter impfen müssen

Lothar Wieler

Carsten Watzl von der Deutschen Gesellschaft für Immunologie sagt dazu: "Für den Großteil der Bevölkerung ist nicht zu erwarten, dass das gesamte Prozedere jedes Jahr wiederholt werden muss." Eine Dosis pro Saison - ähnlich wie bei der Grippeschutzimpfung - bräuchten voraussichtlich jene Menschen, deren Immunsystem nicht mehr so gut auf eine Impfung anspricht, etwa aus Altersgründen oder wegen Immunschwäche durch Vorerkrankungen. Für sie sei es auch wichtig, durch ein geimpftes Umfeld mitgeschützt zu werden. Dafür reichten voraussichtlich Auffrischungen im Abstand von mehreren Jahren.

(BRISANT/dpa/afp/Ärzte Zeitung)

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 11. Mai 2021 | 17:15 Uhr

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