Risikofaktor Homeschooling Vor Corona-Gipfel: Schulen und Kitas "entscheidendes Thema"

Nach Ansicht von Experten könnten die Schulschließungen in der Corona-Pandemie für viele Schüler weitreichende negative Folgen haben. Auch aus diesem Grund sind Schulen und Kitas bei den Beratungen zwischen Bund und Ländern am Mittwoch ein entscheidendes Thema.

Ein Mädchen sitzt vor ihren Hausaufgaben.
Experten warnen vor Spätfolgen bei Kindern durch die Schulschließungen. (Archiv) Bildrechte: dpa

Nach Ansicht von Experten führten die Schulschließungen nicht nur zu Leistungsverlusten, sondern gerade für Kinder "aus bildungsfernen Schichten" sei Schule oft einer der wichtigsten sozialen und emotionalen Bezugspunkte, sagte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher am Dienstag (09.02.). "Genau da liegen die entscheidenden Risiken des zweiten Lockdowns." Für diese Schüler und kleine Kinder, für die digitales Lernen keine Alternative sei, wüchsen die Risiken "überproportional zur Länge des Lockdowns".

Massiv verschlechterte Zukunftschancen

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sprach von einer Schülergruppe, die bereits im letzten Schuljahr schlecht per Distanzlernen erreicht worden sei und jetzt wieder neue Defizite anhäufe. "Die können praktisch den Anschluss im nächsten Schuljahr nicht mehr schaffen." Bei den betroffenen Schülern wachse die Gefahr, keinen Schulabschluss oder zumindest den angestrebten Abschluss nicht mehr zu erreichen. "Das bedeutet massiv verschlechterte Zukunftschancen."

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) befürchtet durch die Situation eine zunehmende soziale Spaltung. Unzureichende digitale Infrastruktur und Lehrkräftemangel träfen gerade Kinder aus ohnehin benachteiligten Elternhäusern besonders, sagte Gewerkschaftschefin Marlis Tepe.

Lehrer unterrichtet per Videoanruf an Schüler während Quarantäne.
Die digitale Infrastruktur ist in vielen Haushalten nicht immer gegeben. (Archiv) Bildrechte: imago images/Westend61

Schulen und Kitas ganz oben auf der Lockerungsliste

Diese Risiken sind auch der Politik bekannt. Deshalb besteht vor der nächsten Corona-Runde mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder am Mittwoch (10.02.) Einigkeit bei einem Ziel: Auf der Liste möglicher Lockerungen stehen Schulen und Kitas ganz oben. Die anhaltende Schließung der Einrichtungen gehe "in Richtung Kindeswohlgefährdung", klagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey am Dienstag im NDR.

Im Detail dürfte die Frage der Öffnungen am Mittwoch für lange Debatten sorgen. Den Politikern liegen Vorschläge von Wissenschaftlern und Verbänden für eine pandemiekonforme Öffnungsstrategie vor - stufenweiser Öffnung, Wechselbetrieb, zeitlich versetzter Unterrichtsbeginn, eine Teilung von Gruppen und Klassen. Abgewogen werden müssen diese Konzepte mit dem Risiko einer weiteren Virus-Verbreitung.

Franziska Giffey (SPD), Bundesfamilienministerin steht an einem Rednerpult.
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. (Archiv) Bildrechte: dpa

CDU-Chef Laschet: "Homeoffice kein guter Lernort für Kinder"

Auch nach den Worten von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet würden Schulen und Kitas das "entscheidende Thema" bei den Bund-Länder-Beratungen sein. Die Debatte sei im Kampf gegen die Corona-Pandemie "zu kurz gekommen", sagte der CDU-Bundesvorsitzende am Dienstag. Man könne so viele Tablets anschaffen wie man wolle: "Das Homeoffice für Kinder ist kein guter Lernort", so Laschet.

Wichtig sei, dass bei den Gesprächen der Regierungschefs der Länder mit Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch "Bundeseinheitlichkeit" erzielt werde. Er halte es aber nicht für klug, wenn sich 16 Ministerpräsidenten vorab in ihren Landtagen festlegten, sagte Laschet mit Blick auf mehrere Vorschläge aus den Ländern für Stufenpläne im Umgang mit der Pandemie.

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, spricht während einer Pressekonferenz.
NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. (Archiv) Bildrechte: dpa

Kultusminister für Schulöffnungen ab 15. Februar

Ähnliches hört man auch von den Kultusministern der Länder. Sie sprachen sich bei weiter sinkenden Corona-Zahlen dafür aus, dass die Schulen in Deutschland ab der kommenden Woche schrittweise wieder aufmachen. Einen entsprechenden Beschluss fassten sie in einer Schaltkonferenz, den die Kultusministerkonferenz (KMK) am Dienstag veröffentlichte. "Die negativen Folgen von Schulschließungen für die Bildungsbiografien und die soziale Teilhabe von Kindern und Jugendlichen müssen begrenzt werden", heißt es in dem Papier.

Verwiesen wird darin auf die gesunkenen Corona-Zahlen. "Sollte dieser Trend anhalten, sprechen sich die Kultusministerinnen und Kultusminister nachdrücklich dafür aus, dass über die Abschlussklassen hinaus auch die unteren Jahrgänge, beginnend ab dem 15.02.2021, in den eingeschränkten Regelbetrieb gemäß den Vorschriften des jeweiligen Landes, zum Beispiel in den Wechsel- oder Präsenzunterricht gehen dürfen", heißt es weiter.

In einem Klassenzimmer stehen die Stühle auf den Tischen.
Die KMK plädiert für die schrittweise Öffnung von Schulen und Kitas. (Archiv) Bildrechte: dpa

Sachsen prescht mit eingeschränktem Regelbetrieb vor

Den 15.02.2021 hat sich Sachsen offenbar zum Stichtag gesetzt, denn ab dann will das Bundesland Grundschulen und Kitas in einem eingeschränkten Betrieb wieder öffnen. Für Grundschüler soll die Schulbesuchspflicht jedoch vorerst aufgehoben werden, kündigte Kultusminister Christian Piwarz am Dienstag (09.02.) nach der Kabinettssitzung in Dresden an. Eltern könnten so selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder zur Schule schicken. Im Interesse der Kinder und auch der Familien habe man sich zu diesem Schritt entschlossen. Die Hygiene-Maßnahmen würden weiter hochgehalten. Die Regelung soll sachsenweit gelten - auch für jene Landkreise, in denen die Sieben-Tage-Inzidenz derzeit noch bei mehr als 100 liegt.

Eingeschränkter Regelbetrieb für Grundschulen und Kitas bedeutet die strikte Trennung von Gruppen und Klassen mit festen Bezugspersonen. "Die Kinder sollen auch außerhalb der Gruppen- und Klassenräume auf dem Gelände der Einrichtung nicht aufeinander treffen", heißt es. Eine entsprechende Regelung gab es bereits beim Lockdown im Frühjahr 2020.

Tipps fürs Homeschooling

  • Stundenplan für den Unterricht zu Hause: Versuchen Sie, mit den Kindern eine Lernroutine zu vereinbaren - ähnlich wie einem Stundenplan im Schulalltag.
  • Regelmäßige Pausen: Zunächst sind kürzere Lernzeiten ratsam, die dann schrittweise verlängert werden. Dazwischen immer an ausreichend Pausen denken. Nur so bleibt die Konzentration hoch. Auch ein Wechsel von Online- und Offline-Lerninhalten kann in dem Zusammenhang helfen.
  • Geduld: Auch wenn nicht alles auf Anhieb klappt, sollte man geduldig bleiben. Die Situation ist für alle eine Herausforderung.
  • Probleme ansprechen: Fragen und Probleme sollten vom Kind in einer sicheren Umgebung offen und ehrlich angesprochen werden können. Gute Kommunikation ist wichtig.
  • Sicher im Internet unterwegs: Online-Lernplattformen bieten viele Vorteile, bergen aber auch Risiken. Deshalb haben Sie immer ein Auge darauf, was Privatsphäre und Sicherheit der Kinder betrifft.
  • Kontakt mit Lehrkräften: Es ist wichtig, nicht mit dem Homeschooling allein gelassen zu werden. Deshalb ist der regelmäßige kontakt zur Schule und zu anderen Eltern wichtig. So kann man sich gegenseitig unterstützen und übersteht die Zeit gemeinsam.

(ten/dpa)

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 09. Februar 2021 | 17:15 Uhr

Das könnte sie auch interessieren