Heinsberg-Studie Neue Streeck-Studie: Bereits 1,8 Mio. Deutsche mit Coronavirus infiziert?

Virologe Hendrik Streeck, der mit einer Forschungsgruppe die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus in Gangelt im Kreis Heinsberg untersucht hat, kann seine Grundvermutung bestätigen: Die Dunkelziffer der mit dem Coronavirus infizierten Menschen ist deutlich höher als die bestätigten Infektionszahlen. Auf ganz Deutschland gerechnet würde das etwa 1,8 Millionen Corona-Infektionen bedeuten. Wie kommt es zu dieser hohen Zahl - und was ist dran?

Professor Hendrik Streeck, Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn, steht in einem Labor seines Institutes.
Professor Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik in Bonn, in einem Labor seines Instituts. Bildrechte: dpa

163.175 bestätigte Corona-Fälle vs. 1,8 Millionen Infizierte

In Deutschland könnte es eine Dunkelziffer von rund 1,8 Millionen mit dem neuartigen Coronavirus infizierten Menschen geben. Das wären zehnmal mehr Infizierte als die Gesamtzahl der offiziell gemeldeten Fälle. Eine Schlussfolgerung der Wissenschaftler des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, die jetzt die endgültigen Ergebnisse der vielbeachteten Heinsberg-Studie veröffentlicht haben.

Ein Forschungsteam rund um den Bonner Virologen Hendrik Streeck hatte untersucht, wie sich das neuartige Coronavirus in der Gemeinde Gangelt, die in dem schwer betroffenen Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen als Infektionsherd gilt, ausgebreitet hat. Dort war es nach einer Karnevalssitzung zu einer frühen und massenhaften Ausbreitung des Erregers in Deutschland gekommen. Die Ergebnisse der Studie können jetzt dazu genutzt werden, Modellrechnungen zum Ausbreitungsverhalten des Virus weiter zu verbessern.

Heinsberg: Blick auf das Ortschild.
Der Landkreis Heinsberg ist nach einer Karnevalssitzung in Gangelt besonders schwer vom neuartigen Coronavirus betroffen. Bildrechte: dpa

Wie kommt es zur Dunkelziffer von 1,8 Millionen Infizierten?

Die endgültigen Ergebnisse der Studie bestätigten, dass die Sterblichkeit in Gangelt bei 0,37 Prozent lag. Mit ihr könne auch für andere Orte abgeschätzt werden, wie viele Menschen dort insgesamt infiziert seien. Der Abgleich dieser Zahl mit der der offiziell gemeldeten Infizierten führe zur Dunkelziffer. Diese sei in Gangelt rund fünffach höher als die offiziell gemeldete Zahl der positiv getesteten Personen. Auf Basis von fast 6.700 Corona-Todesfällen in Deutschland ergäbe sich so eine geschätzte Dunkelziffer von rund 1,8 Millionen Infizierten, rechnen die Forscher vor.

Hygiene- und Abstandsregeln sind wichtig!

In Gangelt hatten sich der Studie zufolge rund 15 Prozent der Einwohner bei dem Virus-Ausbruch infiziert. Insgesamt 22 Prozent der Infizierten hätten keine Symptome gezeigt. "Dass offenbar jede fünfte Infektion ohne wahrnehmbare Krankheitssymptome verläuft, legt nahe, dass man Infizierte, die das Virus ausscheiden und damit andere anstecken können, nicht sicher auf der Basis erkennbarer Krankheitserscheinungen identifizieren kann", erklärte Martin Exner, Leiter des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit und Co-Autor der Studie. Dies bestätige die Wichtigkeit der allgemeinen Abstands- und Hygieneregeln.

Ein Schild 'Bekanntmachung. Aufgrund einer Corona-Virus-Infektion bleiben die Kindergärten und Schulen im Kreis Heinsberg am Mittwoch, den 26. Februar 2020, geschlossen. Gemeinde Gangelt. Der Bürgermeister.'
In Gangelt und Heinsberg waren die Schulen und Kindergärten bereits Ende Februar geschlossen worden. Bildrechte: dpa

Kritik an Schlussfolgerungen von Virologe Hendrik Streeck

Bei der Heinsberg-Studie wurden von den Forschern 919 Studienteilnehmer aus 405 Haushalten in Gangelt befragt und getestet. Andere Wissenschaftler hatten an den Anfang April veröffentlichten vorläufigen Ergebnissen der Untersuchung Kritik geäußert, etwa an deren Präsentation und den getroffenen Schlussfolgerungen.

Streeck hatte damals verlauten lassen, dass erste Untersuchungsergebnisse darauf hinweisen würden, dass mit einer Rücknahme der strengen Auflagen begonnen werden könne, wenn die Bürger die empfohlenen Hygienemaßnahmen weiter einhielten. Bereits rund 15 Prozent der Einwohner Gangelts seien nach der Infektion mit dem Virus immun.

WHO: Kein Beweis, dass Antikörper vor neuerlicher Infektion schützen

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in der Zwischenzeit erklärt, dass es gegenwärtig keinen Beweis dafür gäbe, dass Menschen, die sich von Covid-19 erholt und Antikörper gebildet hätten, vor einer zweiten Infektion geschützt seien. Entsprechend zurückhaltend präsentierten die Bonner Forscher dieses Mal ihre finalen Ergebnisse.

Die Bewertung der Erkenntnisse und die Schlussfolgerungen für konkrete Entscheidungen obliegen der Gesellschaft und der Politik.

Hendrik Streeck Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik in Bonn

Quelle: Reuters

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 04. Mai 2020 | 17:15 Uhr

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