Großbritannien, Südafrika, Brasilien, Indien Coronavirus-Mutationen: Das sollten Sie wissen

Varianten des Coronavirus sind weiter auf dem Vormarsch - auch Deutschland ist betroffen. BRISANT erklärt, was über die Mutanten bekannt ist, warum sie so gefährlich sind und was das für die Corona-Schutzimpfung bedeutet.

Symbolbild, Coronavirus mit 3D-Rendering nachgestellt
Das Coronavirus mutiert schnell. Bildrechte: imago images/imagebroker

Viren mutieren ständig, da ist das Coronavirus keine Ausnahme. Aus allen Regionen der Erde werden Corona-Mutanten gemeldet. So wie jüngst die Variante B.1.617 in Indien. Das Land wird derzeit mit voller Wucht von einer neuen Corona-Welle getroffen. Deutschland hat aus diesem Grund einen Einreisestopp für Indien verhängt. Hierzulande dominiert die sogenannte britische Corona-Mutation B.1.1.7. Was das bedeutet, klären wir in den wichtigsten Fragen und Antworten zu Coronavirus-Mutationen.

Was wissen wir über die neuen Varianten?

Neue Mutationen tauchten bereits im vergangenen Jahr öfter mal in verschiedenen Ländern auf, in Brasilien, Australien, den USA. Gehäuft breiteten sie sich aber in Großbritannien und Südafrika aus - und zwar als Zwillinge! Die beiden Varianten haben fast dieselbe Veränderung an der Außenhülle. Sie werden unterschieden über ihre Namen, die aus Nummern bestehen: B.1.1.7 für die englische Mutation und B.1.351 für die Variante aus Südafrika. Aus Brasilien wird ein dritter Stamm gemeldet: P.1.

In Großbritannien hat B.1.1.7 den Alt-Stamm des Coronavirus verdrängt, auch in Deutschland ist die britische Mutation schon längst die dominante Variante. Mehr als 90 Prozent der Corona-Infektionen gehen von Variante B.1.1.7. aus. Von der in Südafrika aufgetauchten Mutante B.1.351 sind ebenfalls mehrere Fälle in Deutschland erfasst worden. Von der brasilianischen P.1. hingegen nur Einzelfälle, das gilt auch für die indische Variante B.1.617. Aber: Die Tendenz ist steigend.

Indische Virus-Mutation B.1.617
Auch die indische Virus-Variante B.1.617 wurde schon in Deutschland nachgewiesen. Bildrechte: imago images/Christian Ohde

Die brasilianische und indische Mutation in Deutschland

Die im Dezember in Brasilien aufgetretene Mutante P.1 ist bereits in Japan und hierzulande entdeckt worden. Auch P.1 soll genau wie seine "Cousins" ansteckender, aber nicht tödlicher sein. Beunruhigend sind allerdings erste Erkenntnisse von Virologen. Die besagen, dass P.1 resistent gegen Corona-Antikörper sein könnte. Ursache ist eine weitere Mutation im Erbgut, genannt E484K.

Denn in der brasilianischen Stadt Manaus, in der Dreiviertel der Bevölkerung bereits eine Infektion durchgemacht haben und daher eine Herdenimmunität gegeben sein müsste, gab es einen Ausbruch. Genesene, ehemals Infizierte konnten sich mit dieser Form des Coronavirus ein zweites Mal infizieren.

Die Variante B.1.617 aus Indien vereint zwei Mutationen in sich. Auch sie ist ansteckender als der Ur-Stamm. Ob sie auch gefährlicher ist, ist gegenwärtig noch unklar. Nach Robert-Koch-Institut könnte es aber sein, dass der Impfschutz geringer sein könnte. Verlässliche Daten fehlen noch, da die Mutationen in den Aminosäuren erst analysiert werden müssen.

Sind die Mutationen harmloser oder gefährlicher?

Bis zu 70 Prozent ansteckender als die Urform sollen die neuen Varianten sein. Und bis zu 64 Prozent tödlicher. Um 0,4 bis 0,7 erhöht sich der sogenannte R-Wert, haben Londoner Forscher für B.1.1.7 errechnet. Der R-Wert bemisst, wie schnell sich die Infektion ausbreitet.

Bricht Covid-19 aus, nimmt die Krankheit auch bei der Mutante keinen schwereren Verlauf. Weil sich aber mehr Menschen viel schneller mit dem Virus anstecken können, verbreiten sie es auch schneller, so dass "vulnerable Gruppen", also die Alten, Kranken und Schwachen mit der neuen Virusvariante statistisch leichter infiziert werden. Und gerade für ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen ist Covid-19 potentiell gefährlich. Es ist also mit mehr Todesfällen zu rechnen.

Angaben zufolge haben sich in Südafrika mehr jüngere Menschen mit der neuen, landeseigenen Virusvariante angesteckt, die auch häufiger unter einem schweren Krankheitsverlauf litten.

Zahl der Toten erhöht sich - ein mathematisches Beispiel

Welche Folgen hätte eine bereits eine 50 Prozent ansteckendere Variante? Das errechnete Adam Kucharski, ein englischer Medizinprofessor. Bei 10.000 aktiven Infizierten muss man innerhalb eines Monats mit 129 Toten rechnen (bei einem R-Wert von 1,1, einer Inkubationszeit von sechs Tagen und einer Todesrate von 0,8 Prozent). Eine 50 Prozent ansteckendere Variante würde die Zahl der Toten innerhalb eines Monats auf 978 erhöhen.
Zum Vergleich: Wäre die neue Variante 50 Prozent tödlicher, würde die Zahl der Toten binnen eines Monats von 129 auf "nur" 193 steigen.

Welche Veränderungen haben die mutierten Coronaviren?

Die Virusvarianten haben Veränderungen an ihrer stacheligen Außenhülle. Ihre charakteristischen "Greifarme" - das "Spike-Protein" - sind größer, so dass es sich leichter an Körperzellen heften kann. Unterschieden werden sie über die komplizierten Namen N501Y.V1. für die englische Variante und N501Y.V2 für die Variante aus Südafrika. Auch die brasilianische Variante weist die Mutation N501Y auf. Unfassbar: Die Mutationen sind unabhängig voneinander entstanden! Das Coronavirus lernt also sehr schnell.

Die Illustration zeigt das COVID-19-Virus. Die aus der Zelle herausragenden Strukturen sind die "Spikes" (Zacken) der Krone (Corona).
Die aus der Zelle herausragenden Strukturen sind die "Spikes" (Zacken) der Krone (Corona). Bildrechte: dpa

Warum mutiert das Coronavirus überhaupt?

Sich fortlaufend zu verändern liegt in der Natur eines Virus. Es braucht zum Überleben einen Wirt und ist daher interessiert daran, möglichst viele Wirte in kurzer Zeit zu besiedeln. Daher verändert es sein Ergbut. Experten bezweifeln, dass eine Mutation jemals gefährlicher wird als der Ausgangsstamm. Denn eine solche Entwicklung würde für das Virus selbst den Tod bedeuten. Warum sollte es seinen Wirt töten wollen? Es will sich nur ausbreiten und überleben.

Die Wissenschaft hat bei Sars-CoV-2 bislang bereits rund 300.000 Mutationen nachgewiesen, sagt der französische Gen-Forscher Axel Kahn. Die WHO zählt 12.000. Die bislang bekannteste war "Cluster-5". Sie gilt als ausgestorben.

Cluster-5-Virus

Bereits im September meldeten niederländische und dänische Nerzfarmen einen Ausbruch mit einer mutierten Variante des Coronavirus, dem "Cluster-5-Virus". Er war vom Nerz auf den Menschen übergesprungen, nachdem zunächst Menschen SARS-CoV-2 auf die Pelztiere übertragen hatten. Das Coronavirus kann sich daher sowohl im tierischen als auch im menschlichen Körper rasch anpassen.
Cluster-5 hat sich jedoch für eine Verbreitung unter Nerzen, nicht aber unter Menschen gebildet, weshalb Forscher davon ausgehen, dass diese Variante bereits ausgestorben ist. Alle Nerze wurden getötet und verbrannt. Zwölf Menschen hatten sich infiziert.

Coronavirus-Modell mit Impfspritze
Der zugelassene Impfstoff wirkt auch gegen Corona-Mutationen. Bildrechte: imago images / Christian Ohde

Wirken die Impfstoffe gegen die Mutation?

Die Hersteller sagen ja! Der Biontech-Impfstoff verwendet nach eigener Aussage 1.270 verschiedene Aminosäuren des Coronavirus. Und nur 17 Aminosäuren sind mutiert. Allerdings bemerkten Forscher bei der südafrikanische und brasilianische Variante neben den veränderten Greifarmen eine weitere Mutation im Erbgut, genannt E484K. Sie scheint der Knackpunkt bei der Immunabwehr zu sein.

Ein Forscherteam aus Johannesburg konnte im Labor nachweisen, dass menschliche Antikörper das Coronavirus nicht mehr gut erkennen und daher ein Eindringen in die menschlichen Zellen nicht verhindern können. Offenbar sind die Greifarme des Virus nicht nur vergrößert, sondern auch etwas "verbogen".

Dies muss allerdings nicht zwangsläufig bedeuten, dass die zugelassenen Impfstoffe nicht mehr wirken. Nur die körpereigenen Antikörper konnten das mutierte Virus nicht erkennen. Daher könnten sich Menschen erneut infizieren, die bereits an Covid-19 erkrankt waren.

Eine Studie aus New York hat die Wirkung des Moderna- und des Biontech/Pfizer-Impfstoffes auf die neuen Varianten untersucht. Ergebnis: Beide Impfstoffe funktionieren einwandfrei. Ihr Prinzip: Sie aktivieren Antikörper gegen verschiedene Regionen des Spike-Proteins. Es sollten also immer noch genug Angriffspunkte übrig sein.

Kann man sich vor dem mutierten Virus schützen?

Mit den AHA-C-L-Regeln. Hygienekonzepte wie das Desinfizieren von Oberflächen, Handdesinfektion, Masken-tragen und Abstand halten sind weiterhin wichtig für den Schutz vor einer Infektion mit SARS-COV-2 - auch bei Mutationsvarianten.

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 08. Mai 2021 | 17:10 Uhr

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