Neue Studie Heuschnupfen-Zeit: Mehr Corona-Fälle durch Pollenflug?

Einer neuen Studie zufolge können sich mehr Menschen mit dem Coronavirus infizieren, wenn viele Pollen durch die Luft fliegen. Dabei spielt es keine Rolle, ob Betroffene Heuschnupfen haben oder nicht. Prof. Claudia Traidl-Hoffmann, Umweltmedizinerin und eine der Forschenden der Studie, steht BRISANT Rede und Antwort.

Eine Frau putzt sich neben Birkenpollen die Nase
Mehr Pollen, mehr Corona? Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie aus Deutschland. Bildrechte: imago/McPHOTO

Schon der Gedanke an Hasel, Erle, Esche oder Birke treibt so manch Heuschnupfen-Geplagtem die Tränen in die Augen. Doch der Pollenflug könnte sogar zur Gefahr werden - und zwar für alle Menschen.

Fliegt besonders viel Blütenstaub in der Luft umher, gibt es mehr Coronainfektionen. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Team unter der Leitung von Forschenden der Technischen Universität München und des Helmholtz Zentrums München.

Mehr Pollen, mehr Corona?

Zu diesem Ergebnis kam die Studie: Die Infektionsrate mit dem Coronavirus stieg an Orten ohne Lockdown im Schnitt um vier Prozent, wenn sich die Zahl der Pollen in der Luft um 100 pro Kubikmeter erhöhte. In manchen Städten kamen im Untersuchungszeitraum bis zu 500 Pollen auf einen Kubikmeter - was zu einem Anstieg der Infektionsraten um mehr als 20 Prozent führte.

Das Team hat dafür die Wetterdaten und Informationen zum Pollenflug und Coronamaßnahmen mit den gemeldeten Infektionszahlen verglichen. Insgesamt betrachteten die Forschenden 130 Messstationen in 31 Ländern auf fünf verschiedenen Kontinenten.

Weidenkätzchen
Bluhende Weidenkätzchen - da freut sich der Allergiker. Bildrechte: IMAGO

Zur Heuschnupfenzeit steigt also das Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren und in der Folge an Covid-19 zu erkranken. Dabei ist es egal, ob man an einer Allergie gegen Pollen leidet oder nicht. Es kann jeden treffen. Es gibt aber bisher keine Hinweise darauf, dass Menschen mit Heuschnupfen schwerer an Covid-19 erkranken.

Umweltmedizinerin Prof. Claudia Traidl-Hoffmann von der Universität Augsburg ist eine der leitenden Forschenden der Studie und stand BRISANT Rede und Antwort.

Was genau machen die Pollen?

Pollen haben einen generellen Effekt auf das Immunsystem, abgesehen von einer Allergie. Sie schwächen die körpereigene Abwehr und fördern auch das Risiko für andere Atemwegserkrankungen.

Unsere Daten zeigen, dass Pollen das Immunsystem der Schleimhäute schwächen. Pollen blockieren ganz gezielt Botenstoffe, die normalerweise Viren abwehren.

Prof. Claudia Traidl-Hoffmann BRISANT

Wenn Pollen auf die Schleimhäute treffen, blockieren sie also ein spezifisches Schutzschild. Das soll eigentlich Viren abhalten. Sind weniger "Polizisten der Schleimhaut" vorhanden, hat ein Virus freie Bahn!

Die Idee hinter dieser Studie ist nicht neu. Schon in der Vergangenheit konnte gezeigt werden, dass Schnupfenviren vermehrt auftreten, wenn Pollen in der Luft fliegen. Für Influenzaviren konnte das jedoch nicht gezeigt werden. Offenbar haben nur diejenigen Viren leichtes Spiel, die die oberen Atemwege angreifen.

Prof. Claudia Traidl-Hoffmann
Prof. Claudia Traidl-Hoffmann Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Effekt ohne Lockdown klarer sichtbar

Pollen können die Anzahl der Coronainfektionen beeinflussen, aber:

Der Polleneffekt ist beim Lockdown weniger zu erkennen als wenn kein Lockdown ist.

Prof. Claudia Traidl-Hoffmann BRISANT

Pollen sind aber nur einer von mehreren Umweltfaktoren, die das Risiko einer Coronainfektion erhöhen. Luftfeuchte, Temperatur, UV-Strahlung, aber auch Ernährung sind weitere, die Einfluss nehmen können. Dazu läuft derzeit eine großangelegte Studie in Augsburg.

Wie kann ich mich schützen?

In den nächsten Wochen und Monaten sollte man die Pollenflugvorhersagen genau beachten. Und nicht unbedingt bei hohem Pollenflug draußen Sport treiben.

FFP2-Masken schützen nicht nur vor dem Coronavirus, sondern auch vor den fiesen Pollen. Auch draußen ist die Maske aus medizinischer Sicht daher doppelt sinnvoll.

Heuschnupfen oder schon Corona?

Heuschnupfen geht mit juckenden und tränenden Augen einher. Dazu kommt Schnupfen und Niesen. Eine Coronainfektion geht mit Fieber und Husten einher. Klassisches Symptom ist auch der Verlust des Geschmackssinns. Im Zweifel rät Traidl-Hoffmann zu einem Test.

Weitere Faktoren wichtig

Im Sommer fliegen zwar Gräserpollen, aber die Coronazahlen sanken im Sommer 2020. Offenbar sind Temperatur und UV-Strahlung "schützende Faktoren", die eine Entspannung gebracht haben.

Wir müssen auch Umweltfaktoren betrachten, die wiederum das persönliche Risiko erhöhen können, an einer Coronainfektion zu erkranken.

Prof. Claudia Traidl-Hoffmann BRISANT

Die zweite Corona-Welle traf Europa im pollenarmen Herbst und Winter. Zu dieser Jahreszeit halten sich die Menschen in geheizten Innenräumen auf - und dort spielt dann die Aerosol-Konzentration eine große Rolle bei der Infektion.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 26. März 2021 | 17:15 Uhr

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