Grund zur Sorge? Die Sommerwelle ist da - Was bedeutet der starke Anstieg der Corona-Infektionszahlen?

Dass im Herbst die Corona-Inzidenzen wahrscheinlich wieder steigen, legen mehr als zwei Jahre Pandemie-Erfahrung nahe. Doch schon jetzt gehen die Zahlen deutlich hoch. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach wird deshalb deutlich: "Die Sommerwelle ist Realität."

Corona Virus in den SAnd geschrieben
Lange waren sich Experten uneinig, doch nun scheint klar, dass die Corona-Somemrwelle über Deutschland schwappt. (Archiv) Bildrechte: PantherMedia / Waldemar Thaut

In der Corona-Krise zeichnet sich nach Einschätzung von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach dieses Mal auch über den Sommer eine angespanntere Lage ab. "Die angekündigte Sommerwelle ist leider Realität geworden", sagte der SPD-Politiker am Mittwoch (15.06.). "Weil die aktuelle Virusvariante sehr leicht übertragbar ist und weil fast alle Vorsichtsmaßnahmen ausgelaufen sind, verpufft in diesem Jahr der Sommereffekt in der Pandemie", so Lauterbach weiter.

Der Sommer hatte 2020 und 2021 jeweils für ein Aufatmen in der Corona-Pandemie gesorgt. Doch dieses Jahr verunsichert das zuletzt sich wieder verschärfende Infektionsgeschehen viele. Die Inzidenzen klettern, das Robert Koch-Institut (RKI) warnt vor wachsendem Infektionsdruck. Ist die Sorge berechtigt? So blicken Experten aus Wissenschaft und Medizin auf den dritten Corona-Sommer:

Karl Lauterbach
Bundesgesundheitsminister Lauterbach sagt deutlich: "Die Sommerwelle ist Realität." Bildrechte: dpa

Warum steigen die Zahlen so stark an?

Die trotz milder Temperaturen zunehmenden Zahlen - die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz machte am Mittwoch einen Sprung auf 472,4 im Vergleich zu 331,8 vor zwei Tagen und 238,1 vor einer Woche - haben laut Experten mehrere Gründe.

Zum einen ist da der Omikron-Subtyp BA.5, der zuletzt in Deutschland stetig zulegt. "Die Untervariante BA.5 ist noch ansteckungsfähiger als alle Varianten zuvor, kann sich also auch unter den für das Virus widrigen Bedingungen im Sommer verbreiten", erklärt Epidemiologe Timo Ulrichs. Zudem könne BA.5 nach derzeitigem Kenntnisstand dem Immunsystem entwischen, selbst wenn es schon Kontakt zu Omikron-Varianten hatte, so Ulrichs. Auch vollständig Geimpfte seien nicht vor einer Infektion gefeit.

Die Untervariante BA.5 ist noch ansteckungsfähiger als alle Varianten zuvor.

Timo Ullrichs

Nach Wellen in Ländern wie Portugal rechnen auch hierzulande viele Fachleute damit, dass das hochansteckende BA.5 bald dominant werden dürfte. Hinzu kommt ein allgemein verändertes Verhalten vieler Menschen.

Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen verweist auf höhere Mobilität und mehr Kontakte - und das bei gefallenen Corona-Beschränkungen und deutlich geringerem Schutzverhalten wie Maskentragen.

Corona Sommerwelle
Auch der Wegfall von Schutzmaßnahmen, wie das Tragen von Masken, trägt zum Anstieg der Infektionszahlen bei. (Archiv) Bildrechte: IMAGO / YAY Images

Wie wird die Sommerwelle ablaufen?

Immunologe Carsten Watzl ist sicher: Einstellige Inzidenzen wie etwa im letzten Sommer wird es dieses Jahr nicht geben. "Die Inzidenzen werden - wie aktuell zu sehen - bei einigen Hundert liegen. Dafür ist Omikron zu ansteckend." Er geht davon aus, dass sich rund die Hälfte der Bevölkerung noch nicht mit Omikron infiziert hat. "Da die Impfung nicht so gut vor der reinen Ansteckung schützt, hat das Virus also noch ausreichend Potenzial, Menschen zu infizieren."

Ob BA.5 Inzidenzen von über 1.000 verursachen werde, sei aktuell aber noch schwer abzuschätzen. Die Möglichkeit bestehe aber, so Watzl.

Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI), steht in einem Labor.
Carsten Watzl sieht hohe Inzidenzen auf Deutschland zukommen. Bildrechte: dpa

Lässt sich die Sommerwelle noch bremsen?

Nur mit raschen, strikten Maßnahmen, sagen die Experten. "Aus meiner Sicht ist es kaum möglich, außer mit sehr drastischen Maßnahmen aktuell steuernd einzugreifen", befindet Zeeb. Insbesondere die Risikogruppen wie ältere Menschen sollten deshalb aktiv zur Booster-Impfung aufgerufen werden, um ihren Schutz zu optimieren. Konkret sieht Ulrichs in der Wiedereinführung von Schutz-Maßnahmen wie dem flächendeckenden Maskentragen die einzige Möglichkeit, den aktuellen Trend zu bremsen.

Eine Impfung mit einem Vakzin, das an Omikron angepasst ist, stellen die Impfstoff-Hersteller erst für den Spätsommer bzw. Herbst in Aussicht - für die aktuell anlaufende Sommerwelle also zu spät.

Ist der Infektionsanstieg ein Grund zur Sorge?

Auch wenn die Zahlen Wachsamkeit erfordern, einen Grund zur Panik sehen die Fachleute nicht. Intensivmediziner Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf spricht aktuell sogar nur von einem "moderaten" Anstieg der Infektionszahlen. "Es muss in der aktuellen Lage darum gehen, Erkrankung und nicht so sehr die reine Infektion zu verhindern. Daher ist eine Sommerwelle zunächst auch erst mal nicht besorgniserregend", sagt Watzl. Dennoch gelte es, besonders vulnerable Menschen weiterhin konsequent zu schützen.

Zeeb sagt, es werde zwar absehbar mehr Infektionen geben, da aber BA.5 nach aktuellem Kenntnisstand klinisch ähnlich verlaufe wie vorherige Omikron-Varianten, dürfte es meist bei milden Verläufen bleiben. Dennoch sind sich die Experten einig. In Bezug auf Masken und Impfschutz sei "ein bisschen mehr Vorsicht" hilfreich.


(BRISANT/dpa/afp)

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 15. Juni 2022 | 17:15 Uhr

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