Covid-19 Das ist zu möglichen Spätfolgen einer Corona-Infektion bekannt

Über Auswirkungen und akute Symptome einer Infektion mit dem Coronavirus ist inzwischen viel bekannt. Doch wie sieht es mit den Spätfolgen einer Covid-19-Erkrankung aus? Die Forschung ist hier noch am Anfang, erste Erkenntnisse gibt es dennoch.

Ein Mann liegt an einem Beatmungsgerät von Dräger.
Die Forschung hat erste Erkenntnisse zu Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung. (archiv) Bildrechte: --/Drägerwerk/dpa

"Genesen" steht in vielen deutschen Corona-Statistiken in den Fallzahl-Tabellen. Doch bedeutet das auch "wieder fit"? Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) hat jedenfalls Zweifel daran. Bilder aus dem Computertomographen würden zeigen, dass viele Patienten mehr oder weniger starke Lungenschäden aufwiesen, heißt es. Die Uniklinik Augsburg veröffentlichte vor kurzem Bilder nach Obduktionen. Die Lungen mancher Corona-Opfer sahen erschreckend aus - löchrig wie ein Schwamm. Die Augsburger Ärzte kamen zu dem Schluss, dass diese Schäden nicht durch die Beatmung, sondern am ehesten direkt durch das Virus entstanden waren. MDR und NDR berichten in dem Zusammenhang von einer aktuellen Studie aus Italien mit 143 Patienten. Sie alle waren wegen einer Corona-Infektion im Krankenhaus. Nach der Genesung klagte mehr als die Hälte von ihnen über Atemnot und Müdigkeit.

Untersuchung in Berlin: Lunge besonders betroffen

"Es wird vermutet, dass es Spätfolgen geben kann", bestätigt Torsten Blum, Oberarzt in der Berliner Lungenklinik Heckeshorn die Erkenntnisse. "Insbesondere im Bereich der Lunge." Dabei gehe es nicht allein um Covid-Patienten, die lange Zeit an Beatmungsgeräten lagen. "Da wissen wir, dass es Narben im Bereich der Lunge geben kann." Wesentliche Fragen beträfen insbesondere die leichteren Fälle. Menschen, die nicht ins Krankenhaus mussten. "Möglicherweise kann dieses neue Coronavirus auch bei ihnen länger anhaltende oder gar dauerhafte Folgeschäden in der Lunge auslösen", sagt Blum. Konkret heißt das: Luftnot - vor allem bei Anstrengung. Mehr als 40 Menschen mit Covid-19 wurden in Blums Berliner Lungenfachklinik bisher stationär behandelt. Das Virus ist neu. "Wir hatten am Anfang noch gar kein klinisches Gefühl für die Patienten", sagt der Arzt. "Und ich habe immer noch großen Respekt vor dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2." Denn für ihn ist die Lunge nicht alles.

Auf zwei Monitoren sind am Klinikum Stuttgart Computertomographieaufnahmen der Lunge eines Covid-19-Patienten zu sehen.
Covid-19 könnte langanhaltende Folgeschäden in der Lunge auslösen. (archiv) Bildrechte: dpa

Offenbar Spätfolgen von Schlaganfall bis Psychose möglich

"Dieses Virus kann zum Beispiel auch Herzmuskel, Darm, Niere, Gefäßinnenhäute und das Nervensystem schädigen", zählt er auf. Wie häufig und in welchem Ausmaß? Große Fragezeichen. Eine britische Studie beschrieb Ende Juni im Fachblatt "The Lancet Psychiatry" 153 Schicksale - ohne Anspruch auf Repräsentativität. Alle Patienten entwickelten als schwere Fälle in Kliniken im Zusammenhang mit Covid-19 Komplikationen. Darunter waren Schlaganfälle, aber auch Hirnfunktionsstörungen, Gehirnhautentzündungen und sogar Psychosen. Auch Haarverlust könnte nach Angaben einer Trichologie-Klinik im englischen Milton Keynes eine Spätfolge der Infektion mit dem Coronavirus sein. Forscher im chinesischen Wuhan, wo die Pandemie ihren Anfang genommen hatte, befassten sich schon im Frühjahr mit neurologischen Symptomen einer Corona-Infektion. Dazu zählten Schwindel, Riech- und Geschmacksstörungen. Bei einem Drittel der für diese Studie untersuchten Patienten konnten solche Symptome nachgewiesen werden.

Covid-19 eine Systemerkrankung?

Patienten in Deutschland, die zunächst nicht schwer erkrankt schienen, erlitten Herzinfarkte, Schlaganfälle, Lungenembolien oder Beinvenenthrombosen, berichtet Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie an der München Klinik Schwabing. Die Zahl der Betroffenen sei gering. Sie liege deutlich unter zehn Prozent der Patienten in der Klinik - und damit etwas unter einem Prozent aller registrierten Infizierten. Es bestehe aber das Risiko, dass es Spätfolgen gebe, urteilt auch Wendtner. "Ein Teil der Patienten wird langfristig Probleme entwickeln. Ich denke schon, dass wir hier sekundär durch Covid-19 auch neue Krankheitsbilder generieren." Das Coronavirus könne eben nicht nur die Lunge, sondern letztlich jede Zelle des Körpers befallen, ergänzt Christoph Spinner vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. "Unzweifelhaft ist Covid-19 eine Systemerkrankung."

Medizinisches Personal untersucht die Wunde nach dem Abnehmen der ECMO-Maschine, die zur Unterstützung der Lunge von einem Covid-19-Patienten im Lungenkrankenhaus Wuhan eingesetzt wurde
Experten bezeichnen Covid-19 als eine Systemerkrankung. (Archiv) Bildrechte: dpa

Spätfolgen am Herzen?

Die Annahme, dass eine Covid-19-Erkrankung das Herz langfristig schädigen kann, scheint sich indes zu bestätigen. Das vermuten auch Wissenschaftler der Universität Frankfurt nach einer Studie, die in der Fachzeitschrift "JAMA Cardiology" veröffentlicht wurde. Das Team hatte Magnetresonanzaufnahmen der Herzen von insgesamt 100 Patienten ausgewertet, die sich von einer Covid-19-Erkrankung erholten. Bei 78 Patienten waren entzündliche Veränderungen des Herzmuskels oder des Herzbeutels erkennbar - oft trotz eines sehr leichten Verlaufs der ursprünglichen Infektion und bei ansonsten gesunden und oft sportlichen Patienten. Was diese Veränderungen langfristig bedeuten, ist allerdings noch unklar. Die Forscher rechnen aber damit, dass zumindest bei einigen Patienten ein kleiner Herzschaden verbleibt. Bei 71 Prozent der untersuchten 100 Patienten war der Stoff Troponin im Körper erhöht - das ist ein Marker für Herzmuskelschäden.

Auch eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf ergab, dass Patienten nach einer Covid-19-Erkrankung möglicherweise an Spätfolgen am Herzen leiden. Studienleiter Dirk Westermann erklärt, dass die Möglichkeit besteht, dass der Erreger Herzzellen infiziert und sich darin vermehrt. Zudem sei das Coronavirus in der Lage, die Genaktivität infizierter Herzzellen zu verändern.

Die vom russischen Investmentfonds Russian Direct Investment Fund zur Verfügung gestellte Aufnahme zeigt eine Mitarbeiterin des Nikolai Gamaleya Nationalzentrums für Epidemiologie und Mikrobiologie, während sie ein Reagenzglas mit einem neuen Impfstoff gegen das Coronavirus in ihrer Hand hält.
Studien weltweit befassen sich mit den Spätfolgen einer Corona-Infektion. (Archiv) Bildrechte: dpa

Ausblick

Um zu weiteren Erkenntnissen zu gelangen, sind zukünftig Untersuchungen des Herzens und anderer Organe bei lebenden Covid-19-Patienten geplant. Denn darin sind sich Forschende auf der ganzen Welt einig: Die Corona-Langzeitfolgen sind noch nicht abzusehen und müssten dringend weiter untersucht werden - in groß angelegten, repräsentativen Studien.

(ten/dpa/mdr/ndr/dlf)

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 14. August 2020 | 17:15 Uhr

Das könnte sie auch interessieren