"Nicht mehr viel Spielraum" Werden die Intensivbetten in Deutschland knapp?

Immer mehr Menschen infizieren sich mit dem Corona-Virus. Experten erwarten einen neuen Höchststand an Intensivpatienten. Doch nicht nur das: Beim Pflegepersonal drohen ebenfalls Engpässe.

Mediziner behandeln einen Patienten auf der Intensivstation
Die Intensivbetten in deutschen Krankenhäusern sind zunehmend mit Covid-19-Patienten belegt. Bildrechte: dpa

Es ist die Frage, die in diesen Tagen Experten und Entscheider umtreibt: Hält das Gesundheitssystem der zweiten Corona-Welle stand? Immer mehr Menschen in Deutschland infizieren sich mit dem Virus. Intensivmediziner sehen die Entwicklung mit Sorge. Gerald Gaß, der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, rechnet mit einem neuen Höchststand an Intensivpatienten in Deutschland während der Corona-Pandemie. "In zwei bis drei Wochen werden wir die Höchstzahl der Intensivpatienten aus dem April übertreffen. Das können wir gar nicht mehr verhindern", sagte er der "Bild". "Wer bei uns in drei Wochen ins Krankenhaus eingeliefert wird, ist heute schon infiziert."

"Nicht mehr viel Spielraum"

Bereits jetzt sei in einigen Bundesländern nicht mehr viel Spielraum, warnt Uwe Janssens, der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Dies liege auch daran, "dass viele Kliniken immer noch ihr Routineprogramm durchführen, Magen-Bypässe, Gelenk-Operationen". Für viele drohe sonst der Ruin, so Janssens, solange es nicht wie im April Freihaltepauschalen gebe. "Damals war die Situation übrigens viel weniger dramatisch als das, was jetzt auf uns zukommt."

Berlin hat nur noch 14 Prozent freie Intensivbetten, Bremen 17 Prozent.

Uwe Janssens | Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)

Stichwort: DIVI-Intensivregister

Das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin ( DIVI ) wurde während der ersten Pandemiewelle im Frühjahr gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) aufgebaut. Seit April liefert es täglich Daten zu den freien und belegten Intensivbetten der etwa 1.300 Akutkrankenhäuser in Deutschland.

Für die Kliniken gilt eine Meldepflicht. Täglich müssen sie bis 12:00 Uhr ihre Bettenkapazitäten an das Intensivregister melden. Ansonsten drohen finanzielle Abschläge. Erfasst wird unter anderem die Zahl der belegten Intensivbetten und der insgesamt belegbaren Betten - unabhängig von der Diagnose. Außerdem müssen die Kliniken melden, wie viele Corona-Infizierte aktuell intensivmedizinisch behandelt beziehungsweise invasiv beatmet werden und wie viele freie Beatmungsplätze es gibt. Allerdings ist es fraglich, ob auch alle Kapazitäten im Ernstfall wegen des Mangels an Fachpersonal genutzt werden können.

Weiteres Nadelöhr: das Pflegepersonal

Angesichts massiv ansteigender Infektionszahlen wächst zudem die Sorge, dass Deutschlands Krankenhäuser nicht mehr alle schwerstkranken Corona-Patienten versorgen könnten. Denn was nützen freie Intensivbetten, wenn das Pflegepersonal fehlt? Experten warnen vor einer Katastrophe. "Die Situation ist erschreckend und alarmierend: Schon bald kann es zu einem Kollaps in vielen der 1.900 Krankenhäuser in Deutschland kommen", sagte der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans der "Bild am Sonntag". Er befürchtet ein Zusammenbrechen des Gesundheitssystems. Gerade jetzt, wo in der zweiten Corona-Welle jeder Intensiv- und Beatmungsplatz dringend benötigt werde, würden Kliniken aus der Versorgung fallen, Stationen geschlossen und Notaufnahmen abgemeldet. "Grund ist fehlendes oder erkranktes Pflegepersonal", so Hans.

"Beatmungsgeräte pflegen keine Patienten"

Bislang hatten sich Politik und Öffentlichkeit auf das Intensivbettenregister der DIVI verlassen. Ende vergangener Woche waren demnach noch mehr als 7.500 Intensivbetten verfügbar. Doch Christian Karagiannidis, Sprecher des Registers, warnte in der "Welt am Sonntag", dass viele Krankenhäuser Betten als verfügbar anmelden würden, die zwar frei wären, aufgrund des Personalmangels aber nicht genutzt werden könnten. Das stieß auf heftige Kritik: "Beatmungsgeräte pflegen keine Patienten", sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Das Register brauche mehr Aussagekraft.

Wir wiegen uns bei der Zahl der freien Intensivbetten in falscher Sicherheit.

Christian Karagiannidis | Sprecher des Intensivbettenregisters der DIVI

Ein Unsicherheitsfaktor sei zudem, wie viele Pflegekräfte ausfielen, weil sie selbst an Covid-19 erkrankten. Gerald Gaß, der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft kündigte an, auch Pflegepersonal aus nicht-intensivmedizinischen Bereichen auf den Intensivstationen einzusetzen. "Das ist natürlich nicht optimal, aber in einer solchen Ausnahmesituation zu rechtfertigen", so Gaß.

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 02. November 2020 | 17:15 Uhr

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