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Vierte Impfung ja oder nein? Experten sind unterschiedlicher Meinung. (Archiv) Bildrechte: IMAGO/Lobeca

Zweiter Booster für unter 60-JährigeVierte Corona-Impfung: Ja oder Nein? Das sagen Experten

Stand: 01. September 2022, 17:38 Uhr

Wer derzeit über eine zweite Booster-Dosis der Corona-Impfung nachdenkt, kann schnell den Durchblick verlieren: Die Ratschläge aus Politik, Behörden und von der Ständigen Impfkommission (Stiko) unterscheiden sich. Und was ist mit den angepassten Impfstoffen? Sollte man vielleicht darauf warten? Ein Überblick.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach empfiehlt ihn, aber brauchen gesunde Erwachsene wirklich einen zweiten Corona-Booster? Manche Experten raten davon ab. Welche Argumente gibt es für die vierte Dosis und was spricht dagegen?

Wer empfiehlt die Impfung und wer nicht?

Die für Impfempfehlungen in Deutschland zuständige Stiko hält eine zweite Auffrischimpfung bisher nur für Teile der Bevölkerung für sinnvoll: etwa für Menschen ab 70 Jahren, Patienten mit unterdrücktem Immunsystem, Pflegeheimbewohner und Personal medizinischer Einrichtungen. Weitere Fachleute stärkten der Stiko in den vergangenen Monaten bei dieser Frage den Rücken.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hingegen drängt immer wieder auf mehr Viertimpfungen und brachte diese zuletzt für alle Erwachsenen ins Spiel. Dann sind da noch zwei EU-Behörden: ECDC und EMA riefen die Mitgliedsstaaten auf, zweite Booster schon ab 60 Jahren anzubieten. Stiko-Chef Thomas Mertens hatte daraufhin angekündigt, das Gremium werde sich "relativ bald" zu einer möglichen Erweiterung der bestehenden Empfehlung äußern.

Wie wird die Impfempfehlung für unter 60-Jährige begründet?

Dazu Lauterbach: Wolle man den Sommer ohne Risiko einer Erkrankung genießen, würde er die zweite Auffrischimpfung - "in Absprache natürlich mit dem Hausarzt" - auch Jüngeren empfehlen, so Lauterbach kürzlich im "Spiegel". Mit der zweiten Booster-Impfung habe man "eine ganz andere Sicherheit". Er argumentiert mit einem für ein paar Monate deutlich verringerten Infektionsrisiko und deutlich geringeren Long-Covid-Risiko.

Später konkretisierte Lauterbach seine Empfehlung für Menschen, die "ganz viele Kontakte" hätten. Als Beispiele nannte er Personen, die in einer Bar oder in einer Werkhalle arbeiten. Diese sollten mit ihrem Hausarzt über einen möglichen zweiten Booster sprechen.

Bundesgesundheitsminister Lauterbach spricht sich für die vierte Impfung aus - für Menschen, die "ganz viele Kontakte" hätten. (Archiv) Bildrechte: dpa

Was sagen Kritiker dazu?

Der Virologe Mertens sagte der "Welt am Sonntag", er kenne keine Daten, die den Ratschlag von Lauterbach rechtfertigten. "Ich halte es für schlecht, medizinische Empfehlungen unter dem Motto 'viel hilft viel' auszusprechen". Die EU-Behörden ECDC und EMA hielten fest, dass es derzeit keine klaren epidemiologischen Beweise gebe, die die Gabe zweiter Booster bei immungesunden Menschen unter 60 Jahren stützen - es sei denn, Patienten hätten gesundheitliche Schwachstellen.

Welche Argumente haben Experten noch?

Aus Sicht mehrerer Immunologen reichen für gesunde Erwachsene unter 60 die bisher von der Stiko empfohlenen drei Corona-Impfungen aus, um ein stabiles immunologisches Gedächtnis aufzubauen. Es biete in der Regel zumindest Schutz vor schwerer Erkrankung, Krankenhaus und Tod.

Absoluten, langanhaltenden Schutz vor Infektion bringe jedoch auch die vierte Dosis für diese Gruppe nicht. Wer zum Beispiel vor dem Urlaub keine Ansteckung mehr riskieren wolle, solle sich etwa durch Maske, Abstand und Kontaktreduktion schützen, rät Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Auch Epidemiologe Hajo Zeeb geht von einem allenfalls geringen Vorteil der zweiten Booster-Impfung für unter 60-Jährige aus, insbesondere wenn Menschen auch noch zwischenzeitlich erkrankt waren.

Zweiter Booster für unter 60-Jährige ja oder nein?

Auch wenn es unbefriedigend ist: Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich diese Frage nicht pauschal beantworten. Es hängt auch davon ab, wie gut das Immunsystem des Einzelnen auf die ersten drei Impfungen reagiert hat. Der Immunologe Andreas Thiel von der Berliner Charité sagt, für "manche wenige" Menschen unter 60 könnte die vierte Impfung essenziell sein - allerdings könne man die nicht einfach erkennen.

Für die meisten in dieser Altersgruppe sei eine vierte Dosis dagegen nicht wirklich essenziell. "Jeder muss diese Frage für sich selbst beantworten." Allerdings kann der eigene Hausarzt bei der Entscheidung helfen. Gesetzlich zuständig für Impfempfehlungen ist die Stiko und viele Ärzte richten sich nach ihren Ratschlägen. Allerdings dürfen Mediziner auch ohne Stiko-Empfehlung einen zweiten Booster verabreichen.

Der Hausarzt ist in Sachen Corona der beste Ansprechpartner. (Symboldbild) Bildrechte: dpa

Wie steht es um den Impfstatus in Deutschland?

Abgesehen von der Frage nach mehr Viertimpfungen: Schon gemessen an den bisherigen Stiko-Empfehlungen klaffen einige Impflücken. Das Robert Koch-Institut gab in einem Bericht vom Juli an, dass noch etwa 1,3 Millionen Menschen ab 60 Jahren und rund 7,9 Millionen Erwachsene unter 60 ihren Impfschutz mit mindestens einer Impfung auffrischen müssten. Noch gar keine Impfung erhalten hätten rund 1,9 Millionen Menschen ab 60 und rund 7,3 Millionen Erwachsene unter 60 Jahre.

Warten auf angepasste Impfstoffe?

Nach Angaben des Gesundheitsministers stehen Impfstoffe, die an die Omikron-Variante angepasst sind, in den Startlöchern. Von Moderna gab es jüngst die Informationen, dass ihr Impfstoff "im August" bereit steht. Dann hänge es von den Zulassungsbehörden ab. Bei Biontech/Pfizer ist der Stand ähnlich. Die größte Bremse ist nach Ansicht der Impfstoffhersteller das Zulassungsverfahren. Angesichts des Wettrennens zwischen Virus und Impfstoffen gibt es sogar schon Vorschläge, das Zulassungsprozedere zu beschleunigen. Biontech-Chef Ugur Sahin ist dafür, wie er kürzlich der "Financial Times" sagte. Er sprach von vier Monaten Zeitvorteil durch ein Verfahren ohne zusätzliche klinische Studien.

Die für die Zulassung in Europa zuständige Arzneimittelbehörde EMA hat vor einigen Wochen signalisiert, dass man in Abhängigkeit von den eingereichten Daten möglicherweise zu einem ähnlichen Rahmen wie bei der Grippeimpfung kommen könnte. Dabei müssten vor der Zulassung der jährlich aktualisierten Vakzine keine klinischen Daten vorgelegt werden. Die Expertendiskussion darüber sei im Gange, heißt es.

Die Entscheidung, ob Dreifach-Geimpfte auf einen angepassten Impfstoff warten sollten oder nicht, kann aktuell nur jeder für sich selbst beantworten - im besten Fall nach Rücksprache mit dem Hausarzt. Richtlinien gibt es dazu nicht. Klar ist aber auch: Die Ansteckungsgefahr ist bei den aktuellen Corona-Zahlen sehr hoch. Und: "Die schon vorhandenen Impfstoffe schützen vor schwerer Erkrankung auch bei den bisherigen Omikron-Varianten", sagt der Präsident der Gesellschaft für Virologie, Ralf Bartenschlager.


(BRISANT/dpa)

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