Schlachthaus und Wohnblock Corona-Hotspots - Warum es dort zu Ausbrüchen kommt

Kirchengemeinden in Frankfurt und Bremerhaven, ein Restaurant und zwei Wohnblöcke in Niedersachsen, Schlachtereibetriebe in Nordrhein-Westfalen. An all diesen Orten gab es in letzter Zeit explosionsartige Ausbreitungen des Coronavirus. Wir erklären, warum.

In einem Schlachthaus werden Keulen in Fabrikhalle auf dem Fliessband weiter zerteilt.
Einer der Corona-Hotspots: Die Fleischzerlegung. Bildrechte: IMAGO

7.000 Menschen sind im Kreis Gütersloh in Quarantäne, weil sich im Fleischverarbeitungsbetrieb "Tönnies" mehrere hundert Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert haben. Alle Schulen und Kitas sind bis zu den Sommerferien dicht. Es ist der größte Corona-Ausbruch seit der Lockerung der Maßnahmen.

Haben Gastarbeiter des Betriebs das Virus vom Heimaturlaub in Bulgarien oder Rumänien mitgebracht? Das vermutet zumindest der Leiter des Pandemiestabs bei Tönnies. Doch bereits im Mai kam es in der Großschlachterei "Westfleisch" in Coesfeld zu einem massiven Corona-Ausbruch - und zu dem Zeitpunkt waren die EU-Grenzen noch geschlossen. 200 Mitarbeiter waren damals infiziert.

Virus fühlt sich im Kühlhaus wohl

Das Coronavirus scheint sich gerade in feucht-kalter Umgebung wohl zu fühlen - das Fleisch wird im Schlachthaus bei Temperaturen zwischen fünf und zehn Grad verarbeitet. Wenn dann der Mindestabstand von 1,5 Metern sowohl in der Umkleide als auch am Arbeitsplatz oder der Kantine nicht eingehalten wird, bilden sich Aerosole.

Diese Wolken winzigster Tröpfchen, die mit der Atemluft ausgestoßen werden, können sich mehrere Minuten lang in der Luft halten. Das Coronavirus ist in den Aerosolen zwar nachgewiesen, noch ist aber unklar, wie hoch die Virus-Konzentration sein muss, damit sich ein Mensch ansteckt.

Virologe Christian Drosten vertritt die Ansicht, dass Aerosole genauso ansteckend sein können wie die herkömmliche und bekanntere Tröpfcheninfektion. Innerhalb kurzer Zeit kann sich so das Virus explosionsartig verbreiten und viele Anwesende infizieren.

Studien zeigen außerdem, dass die Coronavirus-Konzentration innerhalb von Gebäuden meist höher ist als im Freien. An der frischen Luft verflüchtigen sich Aerosole wesentlich schneller. Häufiges Lüften ist deshalb unerlässlich und möglicherweise sogar wichtiger als regelmäßig Flächen zu desinfizieren.

Rindfleisch wird in einem Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies verpackt
Schön kühl - das mag das Coronavirus. Bildrechte: dpa

Menschenunwürdige Wohnverhältnisse und Arbeitsbedingungen

Die Politik hingegen sieht die Versäumnisse ganz klar bei den Betrieben. Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil fordern "anständige und menschenwürdige Arbeitsbedingungen". Auch die Unterbringung der Leiharbeiter in winzigen Wohnungen, teilweise "Schrottimmobilien" mit hygienisch fragwürdigen Verhältnissen steuere ihren Teil zur Virusverbreitung bei.

Kein Abstand begünstigt Ausbruch

Mangelnder Abstand zueinander, Küsschen links und rechts, dazu lange Gespräche auf dem Flur und beengte Wohnverhältnisse - das scheinen auch die Gründe für die anderen Ausbrüche in Wohnblöcken, Restaurants und Kirchen gewesen zu sein.

Bei einer geschlossenen Feier eines Restaurants im niedersächsischen Leer Mitte Mai hatten sich mehrere Dutzend Menschen mit dem Coronavirus angesteckt - der Vater des Wirts ist gestorben. Zeitweise mussten mehr als 200 Menschen in Quarantäne. Drei Gäste sollen schon zuvor Symptome auf Covid-19 gehabt haben, aber dennoch ohne Mundschutz an der Feier teilgenommen haben.

Das Restaurant 'Alte Scheune'
Das Restaurant "Alte Scheune" in Moormerland ist geschlossen. Bildrechte: dpa

Auch in einer freikirchlichen evangelischen Pfingtsgemeinde in Bremerhaven und einer freien baptistischen Gemeinde in Frankfurt hatten sich insgesamt mehr als 300 Menschen infiziert, einer starb. In Bremerhaven wurde das Virus vermutlich bei sozialen Kontakten der kinderreichen Gemeindemitglieder untereinander übertragen. In Frankfurt hingegen haben die Gläubigen ihren Mund-Nase-Schutz beim Gottesdienst nicht getragen und aus vollem Hals mitgesungen - ein Paradies für Aerosole.

Nachdem es binnen 14 Tagen in zwei Göttinger Hochhäusern zu zwei Ausbrüchen gekommen ist, wurde ein Wohnkomplex komplett abgeriegelt. Er gilt als sozialer Brennpunkt. Mindestens 850 Menschen sollen in 400 Appartements auf 17 bis 39 Quadratmeter leben. Die Flure sind eng, im Innenhof finden Partys statt.

Wo immer viele Menschen in geschlossenen Räumem dicht gedrängt aufeinandertreffen, kann sich das Coroanvirus verbreiten. Wissenschaftler raten dazu, diese Orte besonders zu überwachen. Dazu zählen auch Clubs, Schulen, Gefängnisse und Krankenhäuser.

Berlin: Der zurückgebaute Wohnblock Havemannstraße 3-5 (vorn) nach der Übergabe der Schlüssel für die erste neue Wohnung im Gebiet "Ahrensfelder Terrassen" in Berlin-Marzahn am 09.08.2004
Wohnblock (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 19. Juni 2020 | 17:15 Uhr

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