Lebensretter Crossover-Nierenspende? Deshalb ist die Überkreuz-Lebendspende in Deutschland nicht erlaubt

2021 wurden in Deutschland 3.508 Organe transplantiert – die meisten davon Nieren. Auch Jasmin wartet auf eine Spenderniere. Das Problem: Ihre Eltern kommen als Spender nicht infrage. Ein letzter Ausweg wäre eine Überkreuz-Spende in Spanien. Denn in Deutschland ist der Organtausch nicht erlaubt.

Eine Dialyse-Patientin sitzt an einem herkömmlichen Dialysegerät im Universitätsklinikum Carl Gustav Carus und erhält eine Blutreinigung.
Letzte Rettung Crossover-Spende: In Deutschland ein Tabu, in anderen Ländern bereits Gang und Gäbe. Bildrechte: dpa

Etwa 8.700 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Die meisten von ihnen warten auf eine Spenderniere – so auch die zwölfjährige Jasmine. Sie kam ohne Nieren auf die Welt. Dreimal die Woche muss ihr Blut künstlich in der Dialyse gereinigt werden.

Letzte Rettung Überkreuz-Lebendspende

Schon seit Jahren hofft Jasmine auf eine neue Niere. Ihre Eltern kommen als Spender nicht infrage und in Deutschland gibt es nicht genug Spenderorgane. Anders in Spanien: Dort sind sogenannte Überkreuz-Lebendspenden möglich. Eine solche Transplantation wäre ein möglicher Ausweg für Jasmine, doch der Eingriff ist sehr kostspielig und in Deutschland nicht erlaubt. Die Krankenkasse lehnt die Zahlung der Kosten von rund 93.000 Euro für die OP deshalb ab. Hinzu kommen noch Unterkunft und Medikamente, die noch nicht mit ein berechnet wurden.

Fans des 1. FC Magdeburg starten Spendenaktion

Um ihr die OP dennoch ermöglichen zu können, haben sich ein Fanprojekt und der Fanshop des 1. FC Magdeburg eingeschaltet und Spendenaktionen gestartet. Jasmin ist selbst von klein auf treue Anhängerin des blau-weißen Fußballklubs. Eine große Summe konnte bereits gesammelt werden, aktuell fehlen noch etwa 23.000 Euro.

Das ist eine Überkreuz-Lebendspende

Aus Gründen der Kompatibilität ist es nicht immer möglich, dass jemand einer nahestehenden Person zu Lebzeiten eine Niere spenden kann. Hier setzt die sogenannte "Überkreuz-Lebendspende" oder "Crossover-Spende" an: Organe können bei diesem Verfahren "über Kreuz" passenden Empfängern zugeteilt werden.

Heißt: Wenn zwei Patienten einen spendenwilligen Angehörigen haben, der aber nicht kompatibel ist, wird ein anderes Paar in derselben Situation gesucht. Die Hoffnung ist, dass hier dann die biologischen Voraussetzungen für eine gegenseitige Spende gegeben sind.

Crossover-Spende: Eine Software errechnet die perfekten Kombinationen

Um so vielen Paaren wie möglich die Chance auf eine Überkreuz-Spende bieten zu können, muss ein umfangreiches Spenderregister aufgebaut werden. Es bedeutet einen hohen logistischen Aufwand, alle erforderlichen Daten zu erheben und abzugleichen.

Paare, die an einem Crossover-Programm teilnehmen wollen, werden in eine Warteliste übertragen. Eine eigens dafür entwickelte Software ermittelt dann passende Kombinationen basierend auf den Blutgruppen, der Gewebetypisierungen und anderen Parametern, die für den Transplantationserfolg wichtig sind. 

Wird ein "Match" gefunden, folgen Labortests, um die Verträglichkeit der Gewebe zu überprüfen. Zeigen die Tests Inkompatibilitäten, so wird neu kalkuliert. 

Spenderpaare bleiben zunächst anonym

Die Empfänger sowie die Spender im Überkreuz-Lebendspende-Programm bleiben anonym. Somit soll einer unnötigen Belastung vorgebeugt werden. Die Anonymität kann jedoch aufgehoben werden, wenn alle Transplantationen durchgeführt und alle involvierten Personen damit einverstanden sind.

Das Personal eines Operationssaals führt eine Transplantation durch, nachdem es einem lebenden Spender eine Niere entnommen hat, in einem Operationssaal des Universitätsspitals Genf (HUG). In der Schweiz will eine Volksinitiative die Zwangszustimmung für Organspender einführen.
8.700 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Viele suchen in anderen Ländern nach möglichen rettenden Optionen. Bildrechte: dpa

Crossover-Spenden sind in Deutschland illegal

In den Niederlanden, Österreich, der Schweiz, Spanien und den USA sind Überkreuz-Spenden bereits seit einigen Jahren etabliert. Dementsprechend hoch ist auch die Spendenbreitschaft: Spanien zählt zu den Ländern mit den meisten Organspendern in ganz Europa. 

Doch das deutsche Transplantationsgesetz schiebt der Überkreuzspende hierzulande einen Riegel vor. Lediglich Verwandte ersten und zweiten Grades oder andere Personen, die dem Empfänger in besonderer Verbundenheit nahe stehen, dürfen spenden.

Das bedeutet: Lebendspenden sind einzig und allein dann möglich, wenn zwischen Spender und Empfänger eine tiefe persönliche Bindung besteht. Infrage kommen somit fast ausschließlich enge Angehörige wie Familie und Freunde. So soll verhindert werden, dass Organe verkauft statt gespendet werden.

Wie das Gesetz genau ausgelegt wird, ist allerdings Ländersache. In Nordrhein-Westfalen reicht es beispielsweise aus, wenn sich Spender und Patient ein paarmal vor dem Eingriff treffen und glaubhaft machen können, dass eine vertrauensvolle Bindung entstanden ist.

Crossover-Spenden bald auch in Deutschland?


Immer mehr Patienten, Angehörige und Mediziner fordern, dass Crossover-Spenden auch in Deutschland etabliert werden. Denn von den über 80.000 dialysepflichtigen Patienten in Deutschland – nur ein Zehntel von ihnen wird auf der Warteliste für eine Spenderniere geführt – haben viele Angehörige, die bereit wären, dem Patienten eine eigene Niere zu spenden. Experten hoffen, dass so auch die Spendenbereitschaft wieder steigen könnte. Diese ist zuletzt in Deutschland drastisch gesunken.


Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 23. September 2022 | 17:15 Uhr

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