Coronavirus Das müssen Sie über die Delta-Variante wissen

Die in Großbritannien entdeckte Variante Alpha hat in Deutschland für die dritte Corona-Welle gesorgt. Bringt die nochmals ansteckendere Delta-Mutante nun Welle Nummer vier? Und was hat der Schulstart damit zu tun? Hier gibt es Antworten auf wichtige Fragen zur Delta-Variante.

Auf einem Deutschlandumriss steht ein Corona Modell
Die Delta-Variante ist auch in Deutschland auf dem Vormarsch. (Archiv) Bildrechte: dpa

Die Corona-Lage in Deutschland wirkt so entspannt wie lange nicht. Aber trügt der Schein? Die in Indien entdeckte Virusvariante Delta legt anteilsmäßig in Deutschland deutlich zu. Manche fürchten: Was passiert erst, wenn die Schulen nach den Ferien wieder öffnen? "Delta ist so ernst wie es nur geht", schreibt der US-Epidemiologe Eric Feigl-Ding auf Twitter. Dazu Fragen und Antworten.

Wie entwickelt sich die Delta-Variante in Deutschland?

Noch vor knapp einem Monat hatten Berichte des Robert Koch-Instituts (RKI) mit Auswertungen von Stichproben keine merkliche Zunahme des Anteils von Delta erkennen lassen. Das hat sich in den vergangenen Wochen allerdings geändert: RKI-Daten zeigen eine Verdoppelung des Delta-Anteils im Wochentakt. Damit stellt sich ein Tempo ein, das von Virologen befürchtet wurde.

Die absolute Zahl an wöchentlichen Delta-Fällen hat laut RKI seit der 21. Meldewoche stetig zugenommen. Insgesamt ist die Sieben-Tage-Inzidenz im Land aber weiter rückläufig und sehr niedrig. Das liegt vor allem am deutlichen Rückgang der Ansteckungen, die von der noch dominanten Alpha-Variante verursacht werden. Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, sieht in der Entwicklung keinen Grund zur Panik, hält Wachsamkeit aber für angebracht.

Warum ist die Variante gefährlicher?

Delta vereint nach allem, was bisher bekannt ist, eine deutlich erhöhte Ansteckungsfähigkeit und eine größere Immunflucht, also die Eigenschaft, den Schutz nach Impfung oder durchgemachter Infektion zu umgehen. Die Botschaft aus der Fachwelt ist aber: Wer vollständig geimpft ist, ist auch bei Delta vor schwerer Erkrankung geschützt. Mit nur einer von zwei Dosen sei der Effekt jedoch eher gering.

Nach bisherigen Daten ist Delta die ansteckendste bisher bekannte Corona-Variante: Während für das ursprüngliche Coronavirus angenommen wurde, dass ein Infizierter, wenn keinerlei Corona-Maßnahmen getroffen werden, im Mittel rund drei bis vier andere Menschen ansteckt, waren es für die in Großbritannien entdeckte Variante Alpha bereits rund fünf Ansteckungen. Bei Delta kommen offenbar weitere 40 bis 60 Prozent hinzu. Der Virologe Christian Drosten berichtete von Hinweisen auf noch einmal deutlich erhöhte Viruslasten im Rachen von Delta-Infizierten im Vergleich zu Alpha.

2ter Covid-19 Eintrag in einem Impfpass bei medizienischem Personal mit Serumflasche.
Bildrechte: imago images/Martin Wagner

Noch ansteckender - was bedeutet das im Alltag?

Zu Beginn der Pandemie gab es Erzählungen, dass Tests von Menschen, die sich länger mit Infizierten in einem Raum aufhielten, negativ blieben. Als Alpha vor rund einem halben Jahr in Deutschland ankam, hieß es aus einem Gesundheitsamt über Ausbrüche: Hat es einer, haben es alle. Bei Delta scheinen die Ansteckungen noch leichter zu passieren. In Indien wurde Anfang Mai gar empfohlen, auch zu Hause eine Maske zu tragen. Aufmerksamkeit lenkt Epidemiologe Feigl-Ding bei Twitter auf einen Bericht, demzufolge ein großer Delta-Ausbruch in Australien auf ein Einkaufszentrum zurückgeführt worden sei: Menschen sollen sich dort ohne engen, direkten Kontakt zu einem Infizierten angesteckt haben.

Angesteckt quasi im Vorbeigehen - ist das möglich?

Das RKI teilte auf Anfrage mit, dass solche Berichte generell schwer zu bewerten seien. Es sei ein zentrales Merkmal von Übertragungen über Aerosole (in der Luft schwebende Mini-Tröpfchen), dass sie unbemerkt geschehen und daher eine Zuordnung zu einem bestimmten Kontakt schwierig sei. Flüchtige Kontakte seien auch generell schwer zu erfassen. Das RKI sagt aber auch: "Die hohen Ansteckungsraten in Haushalten und bei Ausbrüchen durch Delta weisen darauf hin, dass Delta noch leichter übertragbar ist als Alpha, auch ohne engen Kontakt."

Ralf Bartenschlager, Präsident der Gesellschaft für Virologie, erklärte, man könne grundsätzlich sagen, dass "eine Ansteckung auch ohne direkten, engen Kontakt möglich ist". "Eine mögliche Übertragung im Rahmen eines 'Flüchtigkeitskontakts' ist zum Beispiel ein schlecht durchlüfteter Aufzug, in dem eine infizierte Person mit hoher Viruslast in der Ausatemluft gefahren ist." Hier könne sich eine Aerosol-Wolke sehr lange halten und eine Infektion stattfinden, ohne dass es zu einem direkten Kontakt gekommen ist.

Was bedeutet die Variante für Teil- und Ungeimpfte?

Fachleute befürchten, dass Delta gerade in diesen Gruppen Chancen nutzen dürfte. Viele Millionen Menschen sind noch nicht vollständig geimpft - das heißt, sie sind nicht oder nur teils vor Delta geschützt. Für Kinder unter 12 Jahren gibt es bislang keinen zugelassenen Impfstoff, für die 12- bis 18-Jährigen empfiehlt die Ständige Impfkommission in Deutschland die Immunisierung nur bei Vorerkrankung.

Forscher befürchten entsprechend, dass die Variante sich bei ungeimpften Schülerinnen und Schülern ausbreitet, wenn die Schulen zum Präsenzunterricht ohne Schutzmaßnahmen zurückkehren sollten. Das dürfte angesichts der derzeit häufigen Forderung, Schulen in der Pandemie offen zu halten, einen Konflikt bedeuten. In England, wo Delta die Fallzahlen wieder steigen lässt, wurden Schulausbrüche verzeichnet. Ebenso in Israel, wo die Maskenpflicht für Schüler in zwei Ortschaften wieder verhängt wurde, nachdem sie wenige Tage zuvor aufgehoben worden war.

Könnte man Infektionen bei Kindern und Jugendlichen im Herbst nicht tolerieren, wenn sie meist ohnehin nicht schwer erkranken?

Laut dem Modell eines Teams um Kai Nagel von der TU Berlin scheint das keine gute Idee zu sein. Wie die Wissenschaftler in einem aktuellen Bericht schreiben, würden sich demnach bei Schulöffnungen ohne Schutzmaßnahmen sehr viele Schülerinnen und Schüler anstecken, "was schlussendlich auch zu einem Anstieg der Krankenhauszahlen führen würde". Dies sei darauf zurückzuführen, dass nicht alle Erwachsenen sich impfen lassen wollen oder können. In England zeigt sich laut Drosten, dass das Virus nicht nur an Schulen umgeht, auch in der Gastronomie habe es mittlerweile Ausbrüche gegeben.

Gegen das Laufenlassen des Virus spricht auch der Schutz von Kindern und Jugendlichen selbst: Sie sind nicht völlig vor Spätfolgen gefeit. Würde es in den jungen Altersgruppen zu wesentlich höheren Inzidenzen kommen als bisher, gäbe es auch mehr schwere Krankheitsfälle - trotz des eigentlich sehr geringen Anteils an solchen Verläufen.

Wie verändert die steigende Impfquote bei Erwachsenen die Lage an Schulen und Kitas?

Das ist noch schwer abzuschätzen. Es gibt zumindest die Hoffnung, dass Kinder und Jugendliche durch ein geimpftes Umfeld etwas abgeschirmt werden können.

Das RKI erklärte zum künftigen Umgang mit Schul- und Kita-Ausbrüchen, in Bezug auf Delta würden die verfügbaren Daten, etwa zur Übertragbarkeit und Wirksamkeit der Impfungen "natürlich kontinuierlich überprüft und Empfehlungen gegebenenfalls angepasst, wie im Frühjahr auch schon bei Alpha geschehen".

Auch geimpften Lehrkräften und Eltern droht nach Kontakten etwa zu infizierten Kindern Quarantäne: Bei mit Varianten Infizierten empfehle man "grundsätzlich immer Quarantäne für geimpfte und genesene Kontaktpersonen", heißt es vom RKI.

Was bedeutet Delta für die Corona-Maßnahmen?

Jetzt nachlässig zu werden, wäre nicht gut. Bartenschlager betont: Auch gegen die Delta-Variante seien die Regeln zum Abstandhalten, Hygiene, Alltag mit Maske, Nutzung der Corona-Warn-App und Lüften wirksam und böten einen Schutz vor Ansteckung. "Man muss sie aber noch konsequenter einhalten, da diese Variante noch leichter übertragen wird." Auch Kontakteinschränkungen könnten wieder nötig werden. Außerdem gelten schnelles Impfen und vor allen Dingen vollständiges Impfen als wichtig.

(BRISANT/dpa/rki)

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 29. Juni 2021 | 17:15 Uhr

Das könnte sie auch interessieren