Eine Wachsnachbildung der Gebärmutter im fünften Schwangerschaftsmonat
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Universität Tübingen Geglückte Geburten nach Gebärmuttertransplantation

BRISANT | 23.05.2019 | 17:15 Uhr

In Deutschland sind erstmals zwei Kinder geboren worden, die in einer transplantierten Gebärmutter herangewachsen sind. Die Babys kamen im März und im Mai per Kaiserschnitt im Universitätsklinikum Tübingen zur Welt.

Eine Wachsnachbildung der Gebärmutter im fünften Schwangerschaftsmonat
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Beiden Frauen wurde Gebärmutter ihrer Mütter eingepflanzt

2016 war dort deutschlandweit zum ersten Mal einer Frau eine Gebärmutter transplantiert worden. Diese Frau ist nun Mutter geworden. Weltweit wurden bislang 17 Kinder nach einer Uterustransplantation geboren. Für Deutschland ist das ein Novum. Die beiden 25 und 26 Jahre alten Frauen, die nun nach einer Uterustransplantation Mütter wurden, kamen ohne Scheide und Gebärmutter, aber mit Eierstöcken auf die Welt. Die Fehlbildung nennt sich Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom. Beiden Frauen wurde die Gebärmutter ihrer jeweiligen Mütter eingepflanzt.

Operationssaal der Uni Tübingen mit Ärzten während Gebärmutter-Transplantation
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In einem Fall wurde im Oktober 2016 einer damals 23-Jährigen deutschlandweit zum ersten Mal eine Gebärmutter transplantiert. Mitte vergangenen Jahres wurde der jungen Frau eine eigene, zuvor mit den Spermien ihres Manns im Reagenzglas befruchtete Eizelle eingesetzt. Im Mai brachte sie einen gesunden Jungen zur Welt.

"Wunderbares Ereignis" für Tübinger Ärzteteam

Die Tübinger Experten sprachen von einem "wunderbaren Ereignis". Es sei gelungen, "zwei Kindern zu helfen, das Licht der Welt zu erblicken, die sonst nie geboren worden wären", sagte Diethelm Wallwiener, ärztlicher Direktor an der Tübinger Universitäts-Frauenklinik. Nach Angaben von Sara Bruckner, einer der federführenden Ärztinnen, kommen in Deutschland jedes Jahr 60 bis 80 Mädchen mit dieser seltenen genitalen Fehlbildung zur Welt. Sie haben zwar normale Eierstöcke, aber keine Scheide und keine Gebärmutter. Die Scheide kann operativ angelegt werden, in Tübingen wurde zudem bislang in drei Fällen erfolgreich ein Uterus transplantiert.

Sara Brucker, Ärztliche Direktorin des Forschungsinstituts für Frauengesundheit der Universität Tübingen.
Prof. Dr. med. Sara Brucker, Ärztliche Direktorin des Forschungsinstituts für Frauengesundheit der Universität Tübingen Bildrechte: dpa

Ethisch sinnvolle OP oder nicht?

Aus ethischer Sicht halten die Experten eine Gebärmuttertransplantation für gerechtfertigt. Für betroffene Frauen könne eine Kinderlosigkeit großes psychisches Leid bedeuten. Die Transplantation sei hierzulande "die einzige Chance auf ein biologisch eigenes Kind".

Sara Brucker, Ärztliche Direktorin des Forschungsinstituts für Frauengesundheit der Universität Tübingen.
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Die Transplantation ist ein Eingriff, den man diskutieren kann. Es ist kein lebensnotwendiges Organ wie ein Herz, aber Kinderwunsch und Mutter zu werden, ist ganz natürlich. Und da in Deutschland die Leihmutterschaft nicht möglich ist, da bleibt uns nur die Transplantation.

Allerdings finde sich nicht für jede Frau eine passende Lebendspenderin, schränkte Brucker ein. Die sogenannte absolute uterine Infertilität aufgrund des angeborenen Fehlens, einer Fehlbildung oder des Verlusts der Gebärmutter zum Beispiel durch eine Krebserkrankung, betrifft drei bis fünf Prozent aller Frauen und galt bis vor kurzem als praktisch unheilbar. Die einzigen Möglichkeiten für diese Frauen, Mütter zu werden oder genetisch eigene Kinder zu bekommen, waren die Adoption oder die Leihmutterschaft, die allerdings in Deutschland verboten ist.

Ein Schild mit der Aufschrift «Universitäts Klinikum Tübingen».
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Prof. Sigrid Graumann von der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe ist Mitglied im Deutschen Ethikrat und bleibt kritisch:

Ich halte es für problematisch, mit medizinischen Möglichkeiten alles zu tun, um Kinderwünsche zu erfüllen. Weil es sich eben nicht um lebensbedrohliche Krankheiten handelt und weil immer dann, wenn Dritte geschädigt werden - und es kann in dem Fall die Spenderin der Gebärmutter sein, das kann aber auch das Kind, das dabei entsteht, sein - da sollten wir doch deutlich zurückhaltender sein.

Prof. Dr. Dr. Sigrid Graumann Mitglied im Deutschen Ethikrat / Evang. Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe

Schweden Vorreiter bei OP-Methode

Schweden ist Vorreiter bei dieser neuen Operationsmethode. In dem skandinavischen Land wurde im Jahr 2014 weltweit zum ersten Mal ein Kind nach der Transplantation einer Gebärmutter geboren. Der Uterus stammte von einer lebenden Spenderin. Seitdem gab es weitere Fälle, längst nicht immer sind die Transplantationen jedoch erfolgreich. Ende 2017 brachte in Brasilien eine Frau erstmals ein Kind zur Welt, nachdem ihr die Gebärmutter einer Verstorbenen eingepflanzt worden war.

Gebärmuttertransplantation - Wissenswertes & Fakten im Überblick

Sie leiden unter einem seltenen genetischen Defekt und können auf normalem Weg nie Mütter werden: In Deutschland werden jedes Jahr dutzende Mädchen ohne Gebärmutter geboren.

Welche Krankheit liegt in den konkreten Fällen zugrunde?

In der Fachsprache heißt das Krankheitsbild absolute uterine Infertilität aufgrund des angeborenen Fehlens, einer Fehlbildung oder des Verlusts der Gebärmutter zum Beispiel durch eine Krebserkrankung. Das betrifft drei bis fünf Prozent aller Frauen und galt bis vor kurzem als praktisch unheilbar. In dem konkreten Fall der zwei 25 und 26 Jahre alten Frauen, die im März und im Mai nach einer Uterustransplantation in Tübingen gesunde Kinder zur Welt brachten, handelt es sich um das Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom. Die Frauen kamen mit Eierstöcken zur Welt, aber ohne Gebärmutter und ohne Scheide, die das äußere Genital mit dem Uterus verbindet.

Wieviele Frauen sind in Deutschland betroffen?

In Deutschland kommt eines von 4.500 weiblichen Neugeborenen mit einer solch seltenen genitalen Fehlbildung auf die Welt - pro Jahr sind das 60 bis 80 Mädchen. Bemerkt wird dies meist erst in der Pubertät, wenn die Menstruation ausbleibt.

Wie können die Ärzte helfen?

In einem ersten Schritt wird den Patientinnen eine Scheide angelegt. In Tübingen wurden so 560 Frauen behandelt. Ein zweiter Schritt wäre eine Gebärmuttertransplantation. Davon wurden in Tübingen bislang drei durchgeführt. Zwei der Frauen brachten nun Kinder zur Welt - darunter eine 26-Jährige, der im Oktober 2016 deutschlandweit erstmalig ein Uterus transplantiert wurde. In beiden Fällen waren die Spenderinnen die eigenen Mütter.

Wie läuft die Operation ab?

Bei dem höchst aufwändigen, bis zu zwölf Stunden dauernden Eingriff, wird der Spenderin das Organ mitsamt der Blutgefäße und Bänder, die die Gebärmutter im Bauch der Frau verankern, entnommen. Das Organ wird dann durchgespült, um Blutreste zu entfernen und ein Verkleben der Gefäße zu verhindern. Beim Einpflanzen der Gebärmutter müssen Blutgefäße und Bänder wieder angeschlossen werden. Geht alles gut, bekommt die Frau nach wenigen Wochen erstmals ihre Periode.

Wie geht es weiter?

Damit das Organ nicht abgestoßen wird, muss die Frau spezielle Medikamente nehmen: Immunsuppressiva. Etwa ein Jahr nach der Transplantation werden zuvor im Reagenzglas gezeugte Embryonen eingesetzt. Das Kind wird dann per Kaiserschnitt auf die Welt geholt. Frauen können auf diese Weise durchaus zwei Kinder bekommen, bevor die Gebärmutter wieder entfernt werden muss.

Wieviele Kinder kamen so auf die Welt?

Angesichts der Zahl der Betroffenen handelt es sich um wenige Fälle. Bislang wurden weltweit 17 Kinder nach einer Gebärmuttertransplantation geboren - das erste im Jahr 2014 in Schweden. Dort hat eine Mutter bereits zwei Kinder nach einer Gebärmuttertransplantation zur Welt gebracht. In fast allen Fällen stammte der Uterus von einer lebenden Spenderin. Ende 2017 brachte in Brasilien eine Frau erstmals ein Kind zur Welt, nachdem ihr die Gebärmutter einer Verstorbenen eingepflanzt worden war.

Wie gehen Ärzte mit ethischen Bedenken um?

Frauen ohne Gebärmutter bleibt zur Erfüllung ihres Kinderwunschs nur Adoption oder Leihmutterschaft, wobei letzteres in Deutschland verboten ist. Die in Tübingen federführende Ärztin Sara Brucker verweist darauf, dass die Kinderlosigkeit für die Frauen großes psychisches Leid bedeutet. Die Gebärmuttertransplantation sei hierzulande "die einzige Chance auf ein biologisch eigenes Kind", sagt Brucker. Von rund 240 in Tübingen gescreenten Frauen ohne Gebärmutter kamen letztlich allerdings nur fünf Prozent für eine Transplantation in Frage.

Quellen: afp/dpa/ARD-Recherchen

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 23. Mai 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2019, 11:47 Uhr

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