Polizisten laufen vor Demonstranten
Bildrechte: Harry Härtel

Fakten statt Gerüchte Todesopfer und rechter Aufmarsch in Chemnitz - das ist bisher bekannt

BRISANT | 27.08.2018 | 17:15 Uhr

Drei Männer werden bei einem Streit schwer verletzt, einer stirbt. Schnell kursieren Gerüchte, dass es vor dem Streit um die sexuelle Belästung einer Frau gegangen sein soll. Allein: Die Polizei kann all diese Gerüchte nicht bestätigen.

Polizisten laufen vor Demonstranten
Bildrechte: Harry Härtel

Was ist in der Nacht zum Sonntag in Chemnitz passiert?

Am frühen Sonntagmorgen gegen 3:15 Uhr stritten sich in der Brückenstraße mehrere Menschen unterschiedlicher Nationlitäten. Der Streit eskalierte. Am Ende kamen drei Männer im Alter von 33, 35 und 38 Jahren schwer verletzt ins Krankenhaus. Der 35-Jährige starb in Folge der schweren Verletzungen. Nach dem Streit waren mehrere Personen geflüchtet. Die Polizei nahm zwei Männer fest.

Wer sind die Opfer?

Alle drei haben die deutsche Staatszugehörigkeit. Mehr Details gibt die Polizei aktuell nicht bekannt.

Was weiß man über die beiden Festgenommenen?

Gegen die beiden Männer im Alter von 22 und 23 Jahren, die vorläufig festgenommen wurden, hat die Staatsanwaltschaft Chemnitz Haftbefehle erlassen. Es handelt sich um einen 22-jährigen Iraker und einen 23-jährigen Syrer. Sie sollen am Sonntagfrüh an der Brückenstraße in Chemnitz nach einer verbalen Auseinandersetzung "ohne rechtfertigenden Grund" mehrfach mit einem Messer auf den 35-jährigen eingestochen haben. Die Ermittlungen zu Tatmotiv, Ablauf der Tat und zur Tatwaffe dauern an. Das Messer war nach der Tat hinter der MDR-Bühne in der Innenstadt gefunden worden.

In Chemnitz und sozialen Netzwerken kursieren Gerüchte, wonach einer der beiden Verletzten auch im Krankenhaus verstorben sein soll.

Die Gerüchte kann die Polizei nicht bestätigen: "Entgegen anderslautender Gerüchte gibt es nach dem Zwischenfall in Chemnitz keinen zweiten Todesfall", teilte die Polizei am Montag mit.

Was ist dran an weiteren Gerüchten, wonach eine sexuelle Belästigung dem Streit der Männer vorausgegenagen sein soll?

Die bisherigen Ermittlungen der Polizei haben bisher keinen Anlass gegeben, dass eine sexuelle Belästigung einer Frau im Vorfeld der Auseinandersetzung eine Rolle gespielt habe oder dass sich eine Hilfesituation dargestellt habe. Über den gesamten gestrigen Sonntag versuchte die Polizei den Gerüchten entgegen zu treten. "Bitte beteiligt euch nicht an Spekulationen!", twitterte die Polizei.

Rückblick Hunderte ziehen nach Messerattacke durch Chemnitz

Nach einem tödlichen Messerangriff in Chemnitz mobilisieren rechte Gruppen in sozialen Netzwerken für eine Spontan-Demo. Die Polizei musste Einsatzkräfte zur Unterstützung aus Leipzig und Dresden anfordern.

Aufmarsch Chemnitzer Ultras nach einem Facebookaufruf
Etwa 800 Menschen versammelten sich am Sonntagnachmittag rings um das Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz. Die Versammlung war nicht angemeldet und wurde von rechten Hooligans über soziale Netzwerke organisiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Aufmarsch Chemnitzer Ultras nach einem Facebookaufruf
Etwa 800 Menschen versammelten sich am Sonntagnachmittag rings um das Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz. Die Versammlung war nicht angemeldet und wurde von rechten Hooligans über soziale Netzwerke organisiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Aufmarsch Chemnitzer Ultras nach einem Facebookaufruf
Polizisten im Gespräch mit Demo-Teilnehmern. Stadt und Ordnungsbehörden wollten mit den zuständigen Verantwortlichen sprechen, aber die Ansammlung lief unkontrolliert los. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Aufmarsch Chemnitzer Ultras nach einem Facebookaufruf
Bis kurz vor 18 Uhr löste sich der Großteil der Versammlung auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Demonstranten
An der Stelle der Messerstecherei, an der ein 35-jähriger Deutscher schwer verletzt wurde, versammelten sich viele Menschen. Der Mann war am frühen Morgen im Krankenhaus an den Folgen gestorben. Bildrechte: Harry Härtel
Polizisten vor Demonstranten
Mehr als 800 Teilnehmer einer Spontan-Demo standen Einsatzkräften gegenüber, die teilweise eilig angefordert waren. Beamte aus Leipzig und Dresden waren von Fußballspielen Chemnitz abgezogen worden. Bildrechte: Harry Härtel
Polizisten laufen neben Demonstranten
Polizisten laufen neben Demonstranten her, die sich unangemeldet und unkontrolliert in der Innenstadt bewegten. Bildrechte: Harry Härtel
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Was passierte im Verlaufe des Sonntags in der Chemnitzer Innenstadt?

Seit dem Vormittag gab es Aufrufe in sozialen Medien zu Versammlungen. Die Stadtverwaltung und die Organisatoren des Stadtfestes entschieden, das Volksfest vorzeitig abzubrechen und nannten als Grund, Pietät und Anteilnahme mit den Angehörigen. Ab 16 Uhr sollten keine Buden und Fahrgeschäfte mehr offen sein. Später gaben die Verantwortlichen bekannt, dass sie aus Sicherheitsgründen so entschieden hatten, um Panik zu vermeiden und die Volksfestbesucher zu schützen.

Gegen 15 Uhr fanden sich reichlich 100 Menschen an einem Infostand der AfD ein. Die Versammlung an der Brückenstraße/Ecke Straße der Nationen verlief laut Polizei störungsfrei.
Gegen 16:30 Uhr versammelten sich mehrere hundert Personen in der Nähe des Karl-Marx-Monuments. Nach Schätzungen der Polizei waren es etwa 800 Menschen. Polizei und Vertreter der Stadt wollten mit Verantwortlichen ins Gespräch kommen, denn die Versammlung war nicht angemeldet worden. Laut Polizei lief die Gruppe "einfach los und bog unvermittelt in die Innenstadt ab, die Teilnehmer waren nicht kooperationsbereit".

Nach und nach löste sich die Verammlung auf. Gegen 17:45 Uhr waren noch 150 Teilnehmer im Umfeld des Karl-Marx-Denkmals anzutreffen.

Wie war die Polizei aufgestellt?

Zum Zeitpunkt des Bekanntwerdens der unerlaubten Versammlung waren relativ wenige Einsatzkräfte in Chemnitz. Laut Polizeisprecherin Jana Ulbricht war in Chemnitz keine Hundertschaft anwesend, nur etwa 50-80 Polizisten. "Wir haben uns um weitere Einsatzkräfte bemüht und haben Beamte aus Leipzig und Dresden von Fußballspielen abgezogen und umgruppiert", erklärte Ulbricht. Die Polizisten waren bis Sonntag Abend im Stadtgebiet unterwegs.

Warum waren so wenige Einsatzkräfte da?

"Die Planung der Polizei war auf ein Stadtfest mit Familienfest am Sonntag ausgelegt. Nachdem die Facebookaufrufe zur Versammlung bekannt wurden, versuchte die Polizei Einsatzkräfte zu gewinnen", sagte Polizeisprecherin Ulbrich.

Augenzeugen und Reporter berichten von Hetzjagden auf Migranten, in sozialen Medien wird von Übergriffen berichtet. Was ist da dran?

Die Polizei prüft Straftaten, die während der Demo der etwa 800 Teilnehmer in der Innenstadt begangen worden sein sollen. Unter anderem wurden Glasflaschen auf Einsatzkräfte geworfen. "Weitere Anzeigen zu Beschädigungen oder Körperverletzungen lagen am Sonntagabend vor", hieß es von der Polizei. Sie bearbeitet vier Anzeigen: Zwei Anzeigen wegen Körperverletzung, eine wegen Bedrohung und eine Anzeige wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 27. August 2018 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2018, 20:39 Uhr

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