Ein Wochenende für die Ewigkeit 50 Jahre Woodstock-Festival

BRISANT | 15.08.2019 | 17:15 Uhr

Zwischen Vietnam-Krieg und Bürgerrechtsbewegung treffen sich 1969 rund 400.000 Menschen auf einem Feld bei New York und feiern drei Tage lang friedlich zu Weltklasse-Musik. Das Woodstock-Festival prägt eine ganze Generation. Was ist 50 Jahre später davon geblieben?

Woodstock Festival-Gelände
Blick auf das Woodstock Festival-Gelände. (Archiv) Bildrechte: Barry Z. Levine

Woodstock war gar nicht in Woodstock

Tibetanische Gebetsflaggen, bunt gebatikte T-Shirts und Hunde-Anzüge, Peace-Zeichen als aufblasbare Pool-Schwimmhilfen und über all dem ein Geruch nach Räucherstäbchen: Die Tinker Street, das Zentrum des kleinen Städtchens Woodstock etwa zwei Autostunden nördlich von New York, wirkt wie ein kommerzialisierter Gedenkschrein an das gleichnamige Festival, das am Donnerstag (15.08.) vor genau 50 Jahren begann.

Dabei war Woodstock nicht in Woodstock. Der kleine Ort mit rund 6.000 Einwohnern in den Catskills, einem New Yorker Naherholungsgebiet, war zwar Namensgeber und spiritueller Pate des legendären Festivals, die Musikparty selbst aber fand rund eine Autostunde südwestlich im noch etwas kleineren Örtchen Bethel statt. Auch in Bethel finden sich hin und wieder Schilder mit Peace-Zeichen und weißen Tauben in den Vorgärten und vereinzelt Stände mit Batik-T-Shirts, der Kommerz aber wird in Woodstock abgefeiert.

Ein buntes Peace-Zeichen hangt an einer Wand
Ein buntes Peace-Zeichen an einer Hauswand. (Archiv) Bildrechte: dpa

Gigantischer Aufwand für die Organisatoren

Der Gedenkschrein in Bethel dagegen ist eine große abschüssige Wiese mit der natürlichen Topographie eines Auditoriums am Rande des Örtchens. Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Woodstock-Mit-Organisator Michael Lang genau hier stand, gemeinsam mit Max Yasgur, Milchbauer und damaliger Besitzer der Wiese. Mehrere potenzielle Austragungsorte für das Festival in der weitläufigen Gegend um Woodstock herum hatten da gerade schlagzeilenträchtig und teils per Gericht abgesagt.

Vier Wochen waren es da noch bis zum geplanten Festivalauftakt, Bands und Bühne waren organisiert und bezahlt, mehr als 100.000 Tickets verkauft und Lang verzweifelt. Etwa 70.000 Dollar zahlt Lang dem Bauern und fängt dann hektisch mit seinem Team an, die Wiese innerhalb von nur vier Wochen in ein Festivalgelände umzubauen.

Politische Botschaften und alternative Musik

Organisator Lang hatte schon einige Konzerte und kleinere Festivals organisiert, als er 1968 nach Woodstock zog. Das Land um ihn herum wird damals immer wieder von Schockwellen durchzogen, positiven wie negativen: Der Krieg in Vietnam, die Bürgerrechtsbewegung und der Widerstand gegen die Trennung von weißen und schwarzen Menschen, die Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy 1963 und Bürgerrechtler Martin Luther King fünf Jahre später, die Frauenbewegung, die erste Mondlandung, die Flower-Power-Hippie-Bewegung.

In allererster Linie aber geht es den Organisatoren um die Musik: Nicht irgendwelche Bands sollen spielen, sondern die Besten der Besten, hauptsächlich, aber nicht nur, aus der alternativen Kultur, abseits des Mainstream: Joan Baez, Canned Heat, Janis Joplin, Grateful Dead, Jefferson Airplane, Joe Cocker, Crosby, Stills & Nash und Jimi Hendrix - sie kommen alle und prägen mit ihren Auftritten den Musikgeschmack einer ganzen Generation bis heute.

Diese Bands haben das Woodstock-Spektakel verpasst

Mit viel Matsch, Love, Peace und Rock'n'Roll ist das Musikfestival in Woodstock zur Legende geworden. Doch es gab auch einige Top-Bands, die den Meilenstein der Musikgeschichte verpassten.

The Rolling Stones
The Rolling Stones Für den Stones-Frontman Mick Jagger lief der Sommer '69 nicht gut: Er ließ sich das Hippie-Festival entgehen, das eine Generation prägte, und ging stattdessen nach Australien, um einen Film zu drehen, an den sich heute niemand mehr erinnert. Bildrechte: Universal Music
The Rolling Stones
The Rolling Stones Für den Stones-Frontman Mick Jagger lief der Sommer '69 nicht gut: Er ließ sich das Hippie-Festival entgehen, das eine Generation prägte, und ging stattdessen nach Australien, um einen Film zu drehen, an den sich heute niemand mehr erinnert. Bildrechte: Universal Music
The Beatles
The Beatles Im Spätsommer 1969 hatten die "Fab Four" gerade das Fotoshooting für das inzwischen legendäre Album-Cover "Abbey Road" auf einem Zebrastreifen vor ihrem Londoner Studio hinter sich. Den Atlantik zu überqueren und in Woodstock etwa ihren jüngsten Hit "Come Together" zu spielen, war die Band allerdings nicht bereit. Manche machten in der Vergangenheit John Lennons Frau Yoko Ono für das Nichterscheinen verantwortlich, doch Bitoun zufolge ist diese Theorie nicht wasserdicht. Bildrechte: IMAGO
Bob Dylan
Bob Dylan Dylan, mittlerweile Literaturnobelpreisträger, war schon damals eine Ikone. Er verpasste Woodstock, obwohl er nicht weit vom Festivalgelände nördlich von New York City wohnte. Man erzählt sich, dass er so genervt war von ständigen Besuchen von Hippies, dass er den Auftritt ablehnte und an diesem August-Wochenende 1969 nach England reiste. Bildrechte: IMAGO
The Doors
The Doors Die Doors spielten nicht in Woodstock, "weil wir dumm waren und abgelehnt haben", wie Gitarrist Robby Krieger unumwunden zugab. "Wir dachten, es wäre eine zweitklassige Wiederholung des Monterey Pop Festivals", sagte Krieger mit Blick auf das Musik-Fest 1967 in Kalifornien. Bildrechte: Warner Music
Led Zeppelin
Led Zeppelin Die britischen Rock-Idole zogen in diesem Sommer den Strand dem Matsch von Woodstock vor, und am Woodstock-Wochenende spielten sie vor begeisterten Zuschauern in Ashbury Park an der Atlantikküste von New Jersey. Peter Grant, Led Zeppelins damaliger Manager, wird in dem Buch "Led Zeppelin: the Concert File" mit den Worten zitiert: "Ich habe Nein gesagt zu Woodstock, weil wir dort nur eine weitere Band auf der Liste gewesen wären." Bildrechte: Atlantic Records
Joni Mitchell
Joni Mitchell Von der Singer-Songwriterin Joni Mitchell stammt zwar der Song "Woodstock", doch gespielt hat die Kanadierin dort nicht. Sie komponierte die Ballade, die das Festival idealisiert, erst 1970. Eigentlich war sie für den Festivalsonntag eingeplant, musste aber absagen, weil ihr Manager David Geffen sie am Montag für einen Fernsehauftritt in New York City gebucht hatte und befürchtete, dass sie es nicht rechtzeitig schaffen würde. Bildrechte: imago/ZUMA Press
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Eine halbe Million Menschen feiern sechzig Stunden

Monatelange Planung geht dem Festival voraus, trotzdem wird es chaotisch: Der Sommer 1969 ist so regnerisch wie schon lange nicht mehr, immer wieder ziehen heftige Gewitter über das Gelände hinweg, die Wiese mit allem elektrischen Bühnen-Equipment wird zu einem matschigen Sumpf. Die Tickets hatten ursprünglich sechs Dollar pro Tag gekostet, aber als die ersten Besucher die wenigen halb fertigen Zäune in der matschigen Wiese einfach überrennen, entscheiden die Organisatoren spontan, keinen Eintritt mehr zu verlangen. So viele junge Menschen machen sich auf den Weg nach Bethel, dass die Route zum Dauerstau wird.

Rund 60 Stunden lang feiern schließlich knapp eine halbe Million Menschen zusammen auf der Wiese von Bauer Yasgur, rutschen durch den Matsch, baden nackt in umliegenden Flüssen und Seen, singen und schwelgen zur Musik, schlafen wenig und nehmen viele Drogen. Die Menschen liegen sich in den Armen, propagieren freie Liebe und unbeschwerten Sex. Von den Organisatoren sorgfältig geplante Film- und Fotoaufnahmen des Festivals gehen um die Welt. Alles läuft friedlich ab: Drei Tage lang wird keine einzige Schlägerei oder irgendein anderer Gewaltakt gemeldet.

Woodstock Festivalbesucher 1969
Woodstock Festivalbesucher im Jahr 1969 Bildrechte: IMAGO

Jimi Hendrix sorgt für "Woodstock-Gefühl"

Schließlich spielt am Montagmorgen Jimi Hendrix zum Schluss seine ganz eigene Version der amerikanischen Nationalhymne. Der Geist von Woodstock aber hält nur kurz. Ein Jahr danach sterben Hendrix und Joplin, 1974 auch Bauer Yasgur. 1994 und 1999 versuchen die Organisatoren mit neuen Woodstock-Festivals zu Jubiläen nachzulegen, aber es ist nicht mehr dasselbe. Auch zum 50. Jubiläum wollte Lang eine Neuauflage anbieten, hatte schon Stars wie Miley Cyrus und Jay-Z dafür gewinnen können, doch dann häuften sich die organisatorischen Probleme und das geplante "Woodstock 50"-Festival musste nur rund zwei Wochen vor dem geplanten Datum abgesagt werden.

Dabei brauche es das Woodstock-Gefühl doch heute dringender als je zuvor, sagt Mit-Organisator Lang. "Viele der Probleme, über die wir uns damals Sorgen gemacht haben und die wir lösen wollten, sind zurück. Wir dachten, wir hätten unsere Lektion gelernt - aber die Vergangenheit hat uns eingeholt und wir müssten dringend zurückschauen und darüber nachdenken."

Jimi Hendrix nahm mit seiner Band am Festival teil.
Jimi Hendrix nahm mit seiner Band am Festival teil. (Archiv) Bildrechte: Barry Z. Levine

red/dpa/afp

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 15. August 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. August 2019, 18:26 Uhr

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