Innerhalb weniger Wochen Gelsenkirchen: Drei Babys ohne Hand geboren

BRISANT | 13.09.2019 | 17:15 Uhr

Für die Eltern eine Horrorvorstellung und auch aus Sicht der Klinik-Ärzte ungewöhnlich: Im Gelsenkirchener Sankt-Marien-Hospital sind in kurzer Zeit drei Babys mit der gleichen Fehlbildung an den Händen geboren worden.

Eine Fehlgebildete Hand eines Kindes.
Kind mit fehlgebildeter Hand. Im ostfranzösischen Département Ain wurden in den vergangenen Jahren mehrere Kinder geboren, denen ein Arm oder eine Hand fehlt. Ähnliche Fälle sind jetzt in Gelsenkirchen aufgetreten. Bildrechte: dpa

Ungewöhnliche Häufung: Im Sankt Marien-Hospital in Gelsenkirchen sind zwischen Juni und Anfang September drei Kinder mit der gleichen Fehlbildung auf die Welt gekommen. Bei den Kindern sind die Hände nicht vollständig ausgebildet. Bei zwei Kindern war die linke, bei einem die rechte Hand betroffen, so der Kliniksprecher.

Ärzte: "Auffällig kurzer Zeitraum"

"Das mehrfache Auftreten jetzt mag eine zufällige Häufung sein. Wir finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig", heißt es in einer Mitteilung des Krankenhauses. Fehlbildungen dieser Art habe man in der Klinik viele Jahre nicht gesehen. Hebammenvertreterinnen hatten auf die Fälle aufmerksam gemacht.

Kontakt zu Experten der Charité

Statistisch würden etwa ein bis zwei Prozent aller Neugeborenen mit einer Fehlbildung unterschiedlicher Ausprägung geboren, erläuterten die Gelsenkirchener Mediziner. Erklären können sie die Vorfälle nicht. Eine Gemeinsamkeit zwischen den Eltern bestehe nicht. Die Ärzte haben Kontakt zu Experten der Berliner Charité aufgenommen.

Mögliche Erklärungen

Der entscheidende Entwicklungszeitraum liege sehr früh in der Schwangerschaft, zwischen dem 24. und 36. Entwicklungstag nach der Befruchtung der Eizelle, wie das Sankt Marien-Hospital Buer schreibt. Extremitätenfehlbildungen könnten während der Schwangerschaft unter anderem durch Infektionen auftreten, seien insgesamt aber selten. Eine ebenfalls mögliche Ursache sei das Abschnüren von Extremitäten durch Amnionbänder oder Nabelschnurumschlingungen während der Schwangerschaft im Mutterleib, was zu einer verminderten Weiterentwicklung der betroffenen Extremität führe.

Eine Mutter mit ihren Sohn, der eine Fehlbildung an der Hand hat.
Im südfranzösischen Département Ain wurden innerhalb von fünf Jahren insgesamt acht Kinder geboren, denen bei der Geburt entweder ein Arm oder eine Hand fehlte. Bildrechte: dpa

Mehrere ähnliche Fälle in Frankreich

Zwischen 2009 und 2014 hatte es ähnliche Fälle in Frankreich gegeben. In verschiedenen ländlichen Regionen wurden mehrere Kinder ohne Arme oder Hände geboren. Ein genetischer Defekt der Eltern konnte ausgeschlossen werden. Auch kam es bei den betroffenen Müttern zu keinerlei Komplikationen in der Schwangerschaft. Die Leiterin des französischen Registers für vorgeburtliche Fehlbildung der Region Lyon wertete die, wie sie sagte, äußerst seltenen Fehlbildungen im Deutschlandfunk als klares Zeichen von äußeren Einflüssen auf den Fötus. Ähnliche Fehlbildungen seien auch bei Tieren in den betroffenen Regionen beobachtet worden.

Umweltschützer geben Pestiziden Schuld

In Frankreich wird vermutet, dass die Mütter während der Schwangerschaft etwas Schädliches gegessen oder eingeatmet haben. Einige Umweltschützer vermuteten Pestizide als mögliche Ursache, weil die Mütter in der Nähe von Feldern gewohnt haben.

Erinnerungen an Contergan-Fälle 

Die Fehlbildungen erinnern an die Contergan-Fälle aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Bis zu 12.000 Babys weltweit wurden damals mit schweren Fehlbildungen geboren, nachdem Mütter während der Schwangerschaft das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan eingenommen hatten.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 13. September 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2019, 19:03 Uhr

Das könnte Sie auch interessieren