Besorgniserregender Trend Zunehmende Gewalt gegen Lehrer an deutschen Schulen

Die körperliche und psychische Gewalt gegen Lehrer an deutschen Schulen hat deutlich zugenommen. 61 Prozent der Schulleiter berichten von entsprechenden Vorfällen in den vergangenen fünf Jahren, wie eine Erhebung im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung ergeben hat. Im Vorjahr waren es noch 48 Prozent gewesen. Betroffen sollen Lehrkräfte aller Schulformen sein.

Eine Schülerin während des Unterrichts ihr Klappmesser
Viele deutsche Schulen sind in den vergangenen Jahren mit körperlicher und psychischer Gewalt gegen Lehrer konfrontiert worden. Tendenz steigend. Bildrechte: dpa

Immer wieder werden Lehrer Opfer von Gewalt in den Klassenzimmern. Dass dieser "Trend" zuletzt zugenommen hat, das bestätigt eine Forsa-Umfrage, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegeben hat. Im Rahmen der Untersuchung sind im Januar und Februar 2020 insgesamt 1.302 Schulleiterinnen und Schulleiter aus ganz Deutschland befragt worden.

Körperliche Angriffe an jeder dritten Schule

Die Ergebnisse der Umfrage sind erschütternd: An jeder dritten Schule (34%) soll es in den vergangenen fünf Jahren zu Fällen gekommen sein, in denen Lehrer körperlich angegriffen worden sind. Bei der gleichen Befragung im Jahr 2018 sagten noch 26 Prozent der Schulleiter, dass es in der Vergangenheit zu keinen körperlichen Angriffen auf Lehrer gekommen sei.

Schüler im Klassenzimmer bewerfen die Lehrerin mit Papierbällen
Vor allem Grundschulkinder neigen zu körperlicher Gewalt gegen Lehrer. Bildrechte: imago/imagebroker

Zunahme auch von psychischer Gewalt: Drohungen, Beschimpfungen, Mobbing

Deutlich mehr Schulen berichteten im Vergleich zu 2018 auch von Beschimpfungen, Drohungen, Beleidigungen, Belästigungen oder Mobbing gegen Lehrkräfte. 61 Prozent der befragten SchulleiterInnen gaben an, dass es in den vergangenen Jahren entsprechende Fälle gegeben habe. 2018 waren das noch 48 Prozent - und damit weniger als die Hälfte.

Eine Steigung gibt es auch in Sachen psychischer Gewalt im Netz. Gaben vor zwei Jahren noch 20 Prozent der Schulleitungen an, dass es entsprechende Vorfälle gegeben hätte, berichten nun 32 Prozent davon.

Eine deutliche Schwäche der Studie: Nicht abgefragt worden ist, wie häufig es zu besagten Übergegriffen pro Jahr an einer Schule gekommen ist, sondern lediglich, ob es zu Gewalt-Vorfällen kam.

Kill all teachers - Hasserfüllte Schülerin zeigt deutlich ihre Meinung
Die psychische Gewalt gegen Lehrer hat auch im Internet zugenommen. Bildrechte: imago/imagebroker/theissen

Alle Schulformen von Gewalt betroffen

Von der zunehmenden Gwaltbereitschaft der Schüler sind Lehrer aller Schulformen betroffen. Dennoch gibt es Unterschiede. Laut Umfrage sind 73 Prozent der Lehrer an weiterführenden Schulen von direkter psychischer Gewalt betroffen, an Gymnasien sind es mit 61 Prozent etwas weniger.

Körperliche Gewalt richte sich dagegen am häufigsten gegen Grundschullehrer, von denen 40 Prozent darüber berichten. Die Ursache dafür sieht der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann darin, dass jüngere Kinder ihre Emotionen noch nicht so gut kontrollieren können. Bedenklich sei die Zahl dennoch.

Schulen können betroffene Lehrer nur unzureichend unterstützen

Nur gut die Hälfte der befragten Schulleitungen fühlt sich in der Lage, ihre Lehrkräfte nach einem Vorfall ausreichend zu unterstützen. Das entspricht einem Minus von 31 Prozentpunkten im Vergleich zur Erhebung von vor zwei Jahren.

Neben nicht kooperierenden Eltern und uneinsichtigen Schülern seien hieran auch die Schulministerien schuld. Abhilfe schaffen könnten multiprofessionelle Teams aus pädagogischen und psychologischen Fachkräften. Zudem sei die Meldung von Gewaltvorfällen zu bürokratisch gestaltet.

Lehrerin schreibt Klassenregeln an die Tafel
Den Schulen bleiben letztendlich nur sozialpädagogische Mittel, um der steigenden Gewaltbereitschaft der Schüler zu begegnen. Bildrechte: imago/photothek

Wie können sich Lehrer und Schulen gegen gewalttätige Schüler wehren?

Sich gegen gewaltbereite Schüler zu wehren, ist für Lehrer und Schulen kaum möglich. Fehlen für sozialpädagogische Projekte die Mittel - oder greifen sie nicht - bleibt die Sanktionierung. Doch sogenannte schulische Strafen sind in den Schulgesetzen eigentlich als Erziehungs- oder Ordnungsmaßnahmen gedacht. Gestattet sind in diesem Zusammenhang

  • mündliche oder schriftliche Ermahnungen,
  • ein Eintrag ins Klassenbuch,
  • Nachsitzen bis zu zwei/vier Unterrichtsstunden (vier nur durch Schulleiter),
  • die Beauftragung mit Aufgaben, die geeignet sind, die Schülerin oder den Schüler das Fehlverhalten erkennen zu lassen (Strafarbeit),
  • der strenge Verweis durch den Schulleiter,
  • die Androhung des zeitweiligen Ausschlusses vom Unterricht,
  • der Unterrichtsausschluss (bis zum Ende der Stunde, des Tages, bis zu fünf Tagen, bis zu sechs Tagen, bis zu vier Wochen),
  • der Ausschluss von besonderen Klassen- oder Schulveranstaltungen,
  • eine Androhung des Schulausschlusses,
  • ein Schulausschluss,
  • das Nachholen schuldhaft versäumten Unterrichts,
  • die zeitweise Wegnahme von Gegenständen oder
  • die Überweisung in eine Parallelklasse.

Quellen: AFP, KNA, dpa, lehrerfreund.de

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 24. September 2020 | 17:15 Uhr

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