Wie geht es weiter? Nach Attentat von Hanau: Liebe für alle, Hass für keinen

Wie lebt es sich in einer Stadt, in der neun Mitbürgerinnen und Mitbürger aufgrund ihrer muslimischen Wurzeln erschossen wurden? BRISANT hat sich in Hanau umgehört und Melissa Kaynak getroffen. Die 26-Jährige wohnt in unmittelbarer Nähe eines der Tatorte - und fürchtete zunächst, dass ihr Bruder unter den Todesopfern sein könnte. Wie sicher fühlt sich die junge Frau mit muslimischen Wurzeln jetzt in ihrer Geburts- und Heimatstadt - und was hat sich seit der Bluttat für sie verändert?

Hanau: Blumen und Kerzen sind am Marktplatz aufgestellt worden. Bei einem mutmaßlich rassistischen Anschlag hatte ein 43-jähriger Deutscher im hessischen Hanau mehrere Menschen und sich selbst erschossen
Blumen und Kerzen auf dem Marktplatz von Hanau Bildrechte: dpa

Kerzen und Blumen an den beiden Tatorten, auch auf dem Marktplatz von Hanau ein Lichtermeer. Der zweite Tag nach dem Attentat des 43-jährigen Tobias R., der in zwei Shisha-Bars wild um sich schoss, neun Menschen mit Migrationshintergrund tötete, sechs weitere verletzte, schließlich seine Mutter erschoss und dann sich selbst richtete. Bereits am Abend nach der unfassbaren Tat haben sich bundesweit Tausende Menschen zu Mahnwachen, Gedenkminuten und Kundgebungen zusammengefunden. Natürlich auch in Hanau selbst. Wie lebt es sich in einer Stadt, die eine solche Katastrophe erleben musste?

Direkt nach der Bluttat vor Ort: Melissa Kaynak

Hanau ist eine bunte Stadt, viele Einwohner haben einen sogenannten Migrationshintergrund. "Fremde" sind sie für Oberbürgermeisters Claus Kaminsky (SPD) deswegen nicht, sondern Mitbürgerinnen und Mitbürger - so wie jeder andere Hanauer auch. Ähnlich denkt auch Melissa Kaynak, die in Hanau als Erzieherin und Sozialarbeiterin Jugendliche betreut. Die 26-Jährige lebt in unmittelbarer Nachbarschaft von einem der Tatorte, kam kurz nach den Schüssen nach Hause. Ihr 20-jähriger Bruder ist regelmäßig zu Gast in einer der betroffenen Shisha-Bars. Auch an besagtem Abend?

Ein junge Frau wird auf einer Straße interviewt.
Wohnt in direkter Nachbarschaft eines der Tatorte und hat außerdem muslimische Wurzeln: Melissa Kaynak aus Hanau Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Liebe für alle, Hass für keinen

Die junge Frau kümmert sich zunächst um Besucher der Bar, die die Bluttat miterleben mussten, betet für den Bruder. Der meldet sich wenig später auf ihrem Smartphone. Melissa ist zunächst erleichtert. Doch der Fakt, dass sich der Angriff von Tobias R. gezielt gegen Ausländer bzw. Muslime gerichtet hat - und das direkt vor ihrer Haustür -, lässt die Sozialarbeiterin nicht los. Der anti-muslimische Rassismus wird immer größer, das ist Melissa nicht neu. Doch mit Schießerei und Mord - damit hätte die 26-Jährige nie gerechnet. Angst und Hoffnungslosigkeit erfüllen die Mittzwanzigerin, dennoch versucht sie, für ihre Mitmenschen stark zu sein - und positiv nach vorn zu blicken. Aber die Angst wird sie noch eine ganze Weile begleiten.

Ich bin sehr gläubig, bete jetzt noch mehr. [...] Wir sollten zusammen stark sein und gegen solche Terroristen gemeinsam etwas bewegen. Wir alle sind Menschen und Nachbarn, wir sollten zusammenhalten. Wir sollten einen gemeinsamen Nenner finden, wie wir diese Welt mit Liebe und Frieden gemeinsam gestalten können. [...] Liebe für alle, Hass für keinen - das wünsche ich mir für die Menschen.

Melissa Kaynak BRISANT

Hanau: Blumen sind am Marktplatz neben einem Zettel mit den Aufschriften "Wir sind #HANAUgegenRassismus", "HEPIMIZ BIRIZ" (Türkisch für "Wir sind alle eins") und #MenschistMensch abgelegt worden. Bei einem mutmaßlich rassistischen Anschlag hatte ein 43-jähriger Deutscher im hessischen Hanau mehrere Menschen und sich selbst erschossen
Gemeinsam gegen Rassismus - das wünscht sich auch Melissa Kaynak aus Hanau. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 21. Februar 2020 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2020, 20:46 Uhr

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