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Ukraine-KriegÖl, Gas und Kohle aus Russland: Welche Auswirkungen hätte ein Embargo auf unsere Heizölpreise?

Stand: 08. März 2022, 21:11 Uhr

Die Öl-, Gas- und Spritpreise scheinen nur noch eine Richtung zu kennen - die nach oben. Dennoch wird aufgrund des Ukraine-Kriegs über ein Embargo russischer Energielieferungen diskutiert. Auch von russischer Seite ist mittlerweile mit einer Einstellung der Gaslieferungen gedroht worden. Was würde ein Stopp der russischen Gas- und Öllieferungen für Deutschland bedeuten?

Fast zwei Wochen ist es her, dass Russland die Ukraine angegriffen und das Land in einen Krieg genötigt hat. Deutschland und die EU haben den Aggressor daraufhin mit zahlreichen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Sanktionen belegt.

Ein Embargo von russischem Öl und Gas wäre der nächste Schritt. Auch Russland hat mittlerweile damit gedroht, seine Gaslieferungen an Deutschland einzustellen. Was würde das für unsere Energieversorgung bedeuten?

Abhängigkeit von fossilen Energieimporten aus Russland

Jede zweite Wohnung in Deutschland wird mit Erdgas beheizt. Auch in der Industrie spielt Gas eine wichtige Rolle. Das Problem: Ein großer Teil davon kommt aus Russland und füllt die Kriegskasse des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Sollte der Westen die Lieferungen also stoppen? Die Bundesregierung zeigt sich bislang sehr zurückhaltend.

Fakt ist: Deutschland ist bei fossilen Energieimporten abhängig von Russland. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums liegt der Anteil russischer Importe an den fossilen Gasimporten nach Deutschland bei rund 55 Prozent, bei Rohöleinfuhren bei rund 35 Prozent und bei Kohle bei rund 50 Prozent.

Aktuell kommen rund 55 Prozent der deutschen Gasimporte aus Russland. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Versorgungsengpässe und explodierende Preise

Ein Lieferstopp hätte aus Sicht der Regierungskoalition einschneidende Folgen für Verbraucher und Unternehmen. Die Industrie warnt ebenfalls.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zufolge wird Deutschland zwar gut durch den aktuellen Winter kommen, für den kommenden aber müsse man Gasspeicher besser befüllen und Lieferungen diversifizieren. Und: Die Preise dafür würden steigen - und mit ihnen die Gefahr einer schweren Rezession. Für viele Mieter könnte schon die nächste Heizkostenabrechnung einen Schock bedeuten. Auch sehr hohe Benzinpreise seien nicht ausgeschlossen.

Wie kann die Energie aus Russland ersetzt werden?

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck plant den Aufbau einer nationalen Gas- und Kohlereserve. Mittel- und langfristig soll vor allem ein deutlich schnellerer Ausbau des Ökostroms aus Wind und Sonne die Abhängigkeit von russischen Energieimporten verringern. Das kann aber noch Jahre dauern.

Künftig soll der Ausbau des Ökostroms aus Wind und Sonne die Abhängigkeit von russischen Energieimporten verringern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Industrie und Wirtschaft gegen Energieembargo

Industriepräsident Siegfried Russwurm bezeichnet ein europäisches Energieembargo gegen Russland als ein Spiel mit dem Feuer. Die Energieimporte von heute auf morgen zu ersetzen, sei aus seiner Sicht nicht möglich.

Nur wenig optimistischer zeigt sich der Gaslieferant Uniper, der in Deutschland größte Importeur von russischem Erdgas. Eine kurzfristige und begrenzte Drosselung der Gasflüsse aus Russland könne man durch Gasspeicher kompensieren. Erhebliche Unterbrechungen würden die Stabilität des deutschen Gassystems allerdings gefährden.

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft kommt zu dem Schluss, dass ein gänzlicher Ausfall russischer Gasimporte zu Engpässen führen würde.

Der Branchenverband Zukunft Gas befürchtet bei einem Embargo schwere Schäden für die deutsche Wirtschaft. Denn Lastabschaltungen würden zuerst in der Industrie vorgenommen, um Haushalte und andere geschützte Kundengruppen mit Gas versorgen zu können.

Frieren müssen wir im kommenden Winter auch ohne russisches Öl und Gas nicht. Bildrechte: imago images/Shotshop

Auswirkungen des Krieges schlimmer als Stopp von Energielieferungen

Deutlicher optimistischer zeigt sich eine sogenannte Wirtschaftsweise. Zwar hält auch Veronika Grimm vom Sachverständigenrat Wirtschaft ein Verzicht auf russisches Gas für eine Herausforderung, aber dennoch als machbar.

Ihr Lösungsvorschlag: Man müsse kurzfristig alternatives Gas auf dem Weltmarkt beschaffen, vorerst die Kohlekraftwerke weiterlaufen lassen und den Verbrauch senken. Dadurch würde der kommende Winter herausfordernd, aber nicht kalt. Lange andauernde kriegerische Auseinandersetzungen in Europa hätten deutlich schwerwiegendere Folgen als der Stopp von Energielieferungen.

Eine Position, die Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung teilt. Auch sie prognostiziert, dass ein Stopp jeglicher Energielieferungen aus Russland ausgeglichen werden könnte - mit Importen aus anderen Ländern, erneuerbaren Energien und Energiesparen.

Jeder kann im Haus oder in der Wohnung die Temperatur um ein Grad runterdrehen, auch die Industrie hat enorme Einsparpotenziale.

Claudia Kemfert | Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

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Reuters/dpa/BRISANT

Dieses Thema im Programm:Das Erste | BRISANT | 08. März 2022 | 17:15 Uhr