Begründete Sorge? Corona-Impfung für Kinder ab fünf: Offene Fragen vor der Zulassung

In den USA sind bereits mehr als zwei Millionen Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren gegen das Coronavirus geimpft worden. Auch in Israel wird das Präparat von Biontech/Pfizer seit dieser Woche verimpft. In Europa könnte es ebenfalls bald losgehen, doch vor allem Eltern haben noch viele Fragen zur Impfung ihrer Jüngsten.

Corona Impung für Kinder
Die Zulassung eines Corona-Impfstoffs für Kinder ab fünf steht in Europa kurz bevor. (Archiv) Bildrechte: Colourbox.de

Viele Eltern warten in der zuspitzenden Corona-Lage auf die Entscheidung der europäischen Arzneimittelbehörde EMA über die Zulassung des Biontech/Pfizer- Impfstoffs für Kinder von fünf bis elf Jahren. Bislang steht für diese Altersgruppe kein Impfstoff zur Verfügung, aber die EMA-Entscheidung wird in den kommenden Tagen erwartet. Was bislang zu möglichen Risiken und zum Nutzen solch einer Impfung für jüngere Kinder bekannt ist, hat BRISANT zusammengetragen.

Wie ist die Studienlage?

Eine im "New England Journal of Medicine" veröffentlichte Evaluation beurteilt die Studie von Biontech/Pfizer zum Impfstoff für Kinder im Alter ab fünf Jahren. In Phase eins war zunächst die Dosis bestimmt worden: Bei Erwachsenen sind es 30 Mikrogramm, für Kinder unter 12 Jahren entschied man sich nach Abschluss der Testreihe für 10 Mikrogramm. Die Studienphasen zwei und drei umfassten 2.268 Kinder zwischen elf und fünf Jahren. Zwei Drittel von ihnen bekam je zwei Dosen des Impfstoffs, ein Drittel ein Placebo. Die Immunantwort wurde einen Monat nach der zweiten Dosis gemessen.

Die Autoren sehen "ein günstiges Sicherheitsprofil", es seien "keine schweren impfbedingten Nebenwirkungen beobachtet worden". Beobachtet wurden nur "milde und vorübergehende Reaktionen" wie Fieber, Schmerzen am Einstich, Müdigkeit oder Kopfschmerzen. Die Impfung sei sicher und effektiv, lautet das Fazit. Drei der geimpften Kinder erkrankten in der Beobachtungszeit an Covid-19, in der Kontrollgruppe waren es 16. Die Forscher beziffern die Wirksamkeit des Impfstoffs auf 90,7 Prozent. Die einzigen drei schwereren Schäden im Beobachtungszeitraum hatten nach Ansicht der Autoren keinen Zusammenhang zur Impfung - in einem Fall war es ein gebrochener Arm. Herzmuskelentzündungen, wie sie nach breiterer Impfung von über Zwölfjährigen vereinzelt vorkamen, wurden in dieser - recht kleinen - Probandengruppe nicht festgestellt.

Für die etwas älteren Kinder, von 12 bis 15 Jahren, bestätigen neue Daten die hohe Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffs: Sieben Tage bis zwei Monate nach der zweiten Dosis liege der Schutz vor einer Infektion mit dem Coronavirus zwischen 95 und 100 Prozent, teilten die Unternehmen Biontech/Pfizer am Montag (22.11.) mit. Ernsthafte Sicherheitsbedenken habe es in der sechsmonatigen Nachbeobachtungszeit nicht gegeben.

Arzt füllt Spritze mit COVID-19-Impfstoff für Jungen im Hintergrund in einer Klinik
Nach Angaben von Biontech/Pfizer seine keine schweren impfbedingten Nebenwirkungen beobachtet worden. (Themenbild) Bildrechte: imago images/Westend61

Reichen die Daten aus, um die Impfung zu beurteilen?

"Eine Zulassung ist etwas völlig anderes als eine Impf-Empfehlung", sagt Fred Zepp, Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko). Um den Impfstoff für Kinder unter 12 Jahren zuzulassen, reichten die Daten wahrscheinlich aus: Dafür müsse zunächst nachgewiesen werden, dass die Impfung eine schützende Antikörperantwort auslöst und dass sie bei den Probanden keine akuten unerwünschten Nebeneffekte hatte.

"Was Sie in der Zulassungsstudie nicht sehen, sind Risiken, die seltener auftreten als es statistisch in einer so kleinen Gruppe zu erwarten ist." Bei der Zulassungsstudie haben nur rund 1.500 Kinder den Impfstoff erhalten. "Sehr seltene Nebenwirkungen kann man da nicht erkennen", so Zepp. Herzmuskelentzündungen zum Beispiel habe man bei jungen Männern erst nach breiterer Anwendung des Impfstoffs entdeckt.

Der Stiko geht es auch darum, Daten zu seltenen Impfkomplikationen aus anderen Ländern zu bekommen. In den USA etwa werden kleinere Kinder bereits seit November mit dem geringer dosierten Vakzin geimpft, nach Regierungsangaben haben bisher rund 2,6 Millionen Fünf- bis Elfjährige die erste Spritze bekommen.

Was sagen Kinderärzte zur Impfung?

"Wir plädieren dafür, zunächst abzuwarten, was die Stiko sagt", sagt der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske. "Es wäre nicht ratsam, dass die Politik die Impfung empfiehlt, solange es keine Empfehlung des Gremiums gibt, das die Politik berät." Natürlich stiegen die Infektionszahlen und damit der Druck, mit allen Mitteln gegenzusteuern. "Aber die Politik sollte nicht schon wieder unnötig Druck auf Eltern und Kinder machen." Maske rechnet mit einer generellen Stiko-Entscheidung erst im nächsten Jahr. Noch in diesem Jahr könnte eine Empfehlung kommen für Kinder mit Vorerkrankungen und schwer kranken Angehörigen. Nach Angaben von Stiko-Mitglied Zepp könnte das sogar noch im November 2021 der Fall sein.

Eine Kinderärztin untersucht ein Mädchen.
Kinderärzte warten auf die Corona-Impfempfehlung der Stiko. (Themenbild) Bildrechte: imago/Westend61

Was denken die Eltern?

Es gibt eine Reihe von Eltern, die ihre Kinder dringend impfen wollen - notfalls auch ohne vorherige Zulassung des Impfstoffs für die jüngere Altersgruppe. Dafür gibt es mehrere Gründe: etwa eigene Vorerkrankungen oder Vorerkrankungen des Kindes, Sorge vor den möglichen Folgen einer Corona-Infektion oder der Wunsch, den Kindern ein weitgehend normales Schul- und Sozialleben zu ermöglichen. Manche Eltern suchen im privaten Umfeld nach Ärzten, die bereit sind ihre Kinder ohne Zulassung und Empfehlung zu impfen.

Daneben gibt es auch Eltern, die eine Impfung für ihre Kinder grundsätzlich ablehnen. Etwa, weil sie mögliche Risiken der Impfung scheuen oder eine Covid-Erkrankung bei Kindern als harmlos erachten.

Was spricht für das Impfen jüngerer Kinder?

Die Autoren der Studie im "New England Journal of Medicine" argumentieren mit einem direkten und einem indirekten Nutzen: Eine Impfung schütze Kinder vor einem - wenn auch seltenen - schweren Verlauf oder Spätfolgen einer Covid-Erkrankung. Indem man sie schütze, schütze man auch Menschen in ihrem Umfeld, die ein Risiko für einen schwereren Krankheitsverlauf hätten. Ungeimpft könne diese Altersgruppe Überträger werden auch für neu entstehende Varianten des Virus.

Nach Angaben von Stiko-Mitglied Zeppe dürfe man aber nicht vergessen: "Ein großer Teil unseres Problems sind ungeimpfte Erwachsene. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wieder eine Stellvertreter-Diskussion zum Nachteil von Kindern haben", so Zepp. Die wichtigste Maßnahme zur Überwindung der Pandemie bleibt unverändert möglichst viele, am besten alle Erwachsenen durch Impfung zu schützen."

(BRISANT/dpa/afp/rki)

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 24. November 2021 | 17:15 Uhr

Das könnte sie auch interessieren