Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. versteckt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel.
Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. beim ersten Prozess wegen Mordes. Bildrechte: dpa

Fall Högel Ex-Krankenpfleger gesteht 100 Morde

BRISANT | 30.10.2018 | 17:15 Uhr

Es ist die größte Mordserie der Nachkriegszeit: Jahrelang soll ein früherer Krankenpfleger in deutschen Kliniken Patienten getötet haben. Wegen sechs Taten musste er sich bereits vor Gericht verantworten. Jetzt hat Högel vor Gericht 100 weitere Morde gestanden.

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. versteckt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel.
Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. beim ersten Prozess wegen Mordes. Bildrechte: dpa

Der wegen 100-fachen Mordes an Patienten angeklagte ehemalige Krankenpfleger Niels Högel hat zum Auftakt seines Prozesses die Taten gestanden. Auf die Frage, ob die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zuträfen, antwortete er vor dem Landgericht Oldenburg mit "ja".

Anklage-Verlesung dauert zwei Stunden

Nach einer Schweigeminute für die Opfer hatte der Prozess am Dienstag begonnen. Die Anklageschrift war angesichts der zahlreichen Tatvorwürfe so umfangreich, dass Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann zwei Stunden brauchte, um sie zu verlesen. Die Staatsanwaltschaft legt dem 41-Jährigen zur Last, 100 Menschen aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch getötet zu haben. Er habe aus Langeweile und, um seine Fähigkeiten bei der Reanimation zu demonstrieren, den Menschen Medikamente gespritzt. Dies habe er in dem Wissen getan, dass Patienten sterben könnten. Die Fälle sollen sich laut Anklage zwischen 2000 und 2005 an den Kliniken Delmenhorst und Oldenburg ereignet haben.

Zunächst sollten 99 Fälle verhandelt werden. Einen Tag vor dem Prozessbeginn wurde die Zahl jedoch auf 100 erhöht. Das Landgericht Oldenburg teilte am Montag mit, die Anklage zum 100. Fall werde mitverhandelt.

Taten mit Unterforderung begründet

Er habe sich bei seiner Arbeit unterfordert gefühlt und deshalb die Notfälle provoziert, begründete er die Taten in einem ersten Gerichtsverfahren. Er habe die Patienten dann wiederbelebt, um als heldenhafter Retter vor seinen Kollegen dazustehen. Das gelang ihm jedoch nicht immer. Auch an seiner früheren Arbeitsstelle am Klinikum Oldenburg soll er Patienten getötet haben.

Medienvertreter filmen den Angeklagten Krankenpfleger. Daneben seine Anwältin Ulrike Baumann.
Der ehemalige Krankenpfleger soll 100 Menschen getötet haben. Bildrechte: dpa

Eine Sonderkommission hatte mehrere hundert Patientenakten ausgewertet und über 100 Leichen exhumieren lassen.

Verfahren bis Mai 2019 erwartet

Das aktuelle Verfahren gegen den ehemaligen Krankenpfleger könnte sich wegen der vielen Fälle bis Mai 2019 hinziehen. Der Gerichtssaal wurde aus Platzgründen in die Weser-Ems-Halle verlegt. Insgesamt werden 126 Angehörige als Nebenkläger den Prozess vor der 5. Strafkammer des Oldenburger Landgerichts mitverfolgen.

Da auch ein emotional sehr berührender und aufrührender Prozess erwartet wird, hat das Gericht vorgesorgt: Die Nebenkläger werden während des Verfahrens einen eigenen Raum haben, in den sie sich zurückziehen können. Experten für Opferhilfe werden sie dort betreuen.

Bereits wegen Mordes verurteilt

In einem ersten Verfahren wurde Niels Högel Ende 2016 bereits wegen zweifachen Mordes und zweifachen Mordversuches zu lebenslanger Haft verurteilt. Da damals die besondere Schwere der Schuld festgestellt wurde, ist die vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ausgeschlossen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 30. Oktober 2018 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2018, 05:28 Uhr

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