Junge Frau mit Rucksack und Kopfhörern
Bildrechte: imago/Westend61

Studie veröffentlicht Ohren auf! - Lebensgefahr durch Kopfhörer im Straßenverkehr

BRISANT | 09.08.2019 | 17:15 Uhr

Sie sind oft Accessoires von Fußgängern und Radfahrern im Straßenverkehr: Kopfhörer. So schön das Musikhören unterwegs ist - es kann im Straßenverkehr Lebensgefahr bedeuten.

Junge Frau mit Rucksack und Kopfhörern
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An dieser Straßenbahnhaltestelle in Dortmund ist es passiert. Ein schrecklicher Moment der Unaufmerksamkeit hat Fynn Röhrls Leben komplett verändert. Er trug Kopfhörer, seine Lieblingsmusik lief, die Bahn rollte an.

Fynn Röhrl steht neben einer Straßenbahn
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Ich habe halt nach unten gekuckt und habe nichts von der Außenwelt mitbekommen. Und auch nicht, wie die Bahn geklingelt hat. Und bin dann einfach über die Gleise gegangen, ohne darauf zu achten, ob die Bahn kommt oder nicht. Und dann lag ich irgendwann da ein bisschen weiter weg dann lag ich da.

Fynn Röhrl Unfallopfer

Portrait von Fynn Röhrl - Mann mit blonden Haaren
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Hirnblutungen, Schürfwunden, auf einem Auge erblindet

Er musste vier Wochen ins Krankenhaus. Fynn hatte Hirnblutungen und starke Schürfwunden. Auf einem Auge ist er jetzt blind und hat jeden Tag Kopfschmerzen.

Die Bahn hat mich nur an der Seite getroffen ein wenig, wäre ich ein bisschen früher gewesen, dann hätte mich die Bahn voll getroffen und hätte mich dann überfahren, weil die nicht so schnell an halten hätte können. Deshalb: Glück im Unglück.

Fynn Röhrl

Fußgänger - 43 Prozent tippen beim Gehen auf ihrem Handy
43 Prozent aller Fußgänger tippen beim Gehen auf ihrem Handy. Bildrechte: WDR/Das Erste

Musik im Straßenverkehr - Unfallrisiko steigt um das Vierfache

Laut einer Verkehrsstudie der Allianz tippen 43 Prozent der Befragten beim Gehen auf Ihrem Handy. Fast jeder Zweite nutzt das Smartphone, um zu fotografieren. 28 Prozent hören Musik und zwei Drittel telefonieren beim Gehen. "Die Nutzung elektronischer Geräte erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen Fußgänger, einen Unfall zu erleiden", sagt Jochen Haug, Schadensvorstand der Allianz Versicherungs-AG. Speziell beim Musikhören steige das Risiko um mehr als das Vierfache, beim Tippen um das Doppelte.

Fußgänger - 28 Prozent hören während des Gehens Musik
28 Prozent der Fußgänger hören während des Gehens Musik. Ihr Unfallrisiko steigt um das Vierfache. Bildrechte: WDR/Das Erste

Risikogruppe Kinder und Jugendliche

Manfred Derks von der Polizei Kleve sieht in seiner täglichen Arbeit vor allem eine Risikogruppe - Jugendliche.

Die sind natürlich eng mit dem Handy verbunden. Dadurch kommt es ja zu enormen Ablenkungen draußen im Straßenverkehr. Die bis hin zu Verkehrsunfällen führen können. Und auch wenn es abgedroschen klingt: Ein Radfahrer hat keine Knautschzone.

Manfred Derks Polizei Kleve

So auch im Frühjahr in Wesel. Ein tödlicher Unfall. Ein junger Mann wird an einem Bahnübergang von einem ICE erfasst. Laut Zeugen trägt er Kopfhörer. Solche Unfälle nehmen laut zu. Fußgänger überhören überlebenswichtige Signale.

Jörg Scania Unfallanalytiker DEKRA
Bildrechte: WDR/Das Erste

Kinder sind bis zum Grundschulalter nicht in der Lage, den Verkehr vollkommen zu verstehen und zu überblicken. Und wenn die dann noch zusätzlich abgelenkt werden, ist das sicherlich nicht hilfreich.

Jörg Scania Unfallanalytiker DEKRA

Fynn Röhrl: "Trage keine Kopfhörer mehr"

Fynn Röhrl trägt jetzt keine Kopfhörer mehr im Straßenverkehr, auch wenn es ja eigentlich erlaubt ist. Nämlich solange „das Gehör nicht beeinträchtigt wird." Fynn Röhrl hat aus seinem Unfall etwas gelernt: "Keine Kopfhörer mehr zu tragen. Dadurch lerne ich, das Leben bewusster wahrzunehmen. Man bekommt wieder alles mit. Ich genieße das Leben jetzt viel intensiver als davor und und schätze es mehr, zu leben. Und genieße es, die Sachen zu machen, die ich machen kann." Vor sechs Jahren veränderten Kopfhörer Fynns Leben. Heute möchte er, dass auch andere aus seinem Schicksal etwas lernen.


Kopfhörer - gefährliche Accessoires

Kopfhörer sind für Fußgänger im Straßenverkehr gefährliche Accessoires. Die Hersteller arbeiten aktiv daran, unter den Kopfhörern absolute Stille zu erzeugen: Umgebungsgeräusche sollen komplett verschwinden.

Ein Junge geht mit einem Kopfhörer auf den Ohren und einem I-Phone in der Hand über eine Straße.
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Kurz erklärt Kopfhörer-Typen: In-Ear, On-Ear, Geräuschunterdrückung

  • In Ear-Kopfhörer werden in den Gehörgang eingesetzt. Abhängig vom Typ lassen sie eine Umgebungswarnehmung eher zu als andere Arten von Lautsprechern. Headsets von Mobiltelefonen verwenden häufig diese Art von Kopfhörern.

Kopfhörer liegen auf einem Buch
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  • On-Ear-Kopfhörer werden auch Muschelkopfhörer genannt. Sie werden auf die Ohrmuschel gelegt. Zwei Arten dieser Kopfhörer gibt es: Die, die auf der Ohrmuschel aufliegen und jene, die die Ohrmuschel komplett umschließen. Dadurch ist das Ohr bereits von der Umgegung abgeschirmt.

Mädchen mit Kopfhörern
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  • Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung nutzen eine Technik, die Außengeräusche komplett auslöschen können. Mittels Antischall werden Umgebungsfrequenzen aktiv neutralisiert. Dieses Verfahren heißt auf Englisch "noise cancelling". Es funktioniert vor allem mit Kopfhörern, die über der Ohrmuschel liegen. Ursprünglich fand dieser Technik in Piloten-Headsets Verwendung.

Flugkapittän/Pilot Sebastian Schollbach aus Görlitz
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Kopfhörer im Straßenverkehr - Was ist erlaubt, was nicht?

Dabei ist das Tragen von Kopfhörern für Radfahrer und auch für Autofahrer nicht explizit verboten, sagt Verkehrsrechtsanwalt Henning Lange aus Halle: "Hier ist es eben so, dass keine Beeinträchtigung der akustischen Wahrnehmungsfähigkeit gestattet ist, laut Straßenverkehrsordnung. Hier droht, wenn man erwischt wird, auch ein Bußgeld." Doch auch wenn Radfahrer Kopfhörer tragen dürfen, kann es für sie teuer werden: Dann nämlich, wenn ihnen nach einem Unfall das Gericht eine Mitschuld bescheinigt, sagt Henning Lange. Das wurde schon 1987 im sogenannten Walkman-Urteil vom Oberlandesgericht Köln bestätigt. Für Fußgänger gilt diese Bestimmung in der Straßenverkehrsordnung übrigens nicht.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 09. August 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. August 2019, 18:47 Uhr

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