In diesen Transportboxen werden Organe sicher zum Empfänger gebracht.
In diesen Transportboxen werden Organe sicher zum Empfänger gebracht. Bildrechte: IMAGO

Leben auf der Warteliste Organspende: Das ändert die Widerspruchslösung!

BRISANT | 08.11.2018 | 17:15 Uhr

In Deutschland gibt es so wenige Organspenden wie seit 20 Jahren nicht mehr. Nur rund 800 Menschen haben im vergangenen Jahr gespendet. Mehr als 10.000 Patienten warten auf ein neues Herz, eine neue Lunge oder eine Niere - oft vergeblich. Die sogenannte Widerspruchslösung soll Abhilfe schaffen. Dann gilt jeder automatisch als Organspender, wenn er nicht widerspricht. Was halten Sie davon?

In diesen Transportboxen werden Organe sicher zum Empfänger gebracht.
In diesen Transportboxen werden Organe sicher zum Empfänger gebracht. Bildrechte: IMAGO

Gesundheitsminister Jens Spahn hat vorgeschlagen, die so genannte Widerspruchslösung in Deutschland einzuführen. Danach gilt jeder automatisch als Organspender, wenn er nicht widerspricht. Zudem müssen auch noch die Angehörigen gefragt werden.

Sich mit der Organspende auseinanderzusetzen, muss für uns alle zur Selbstverständlichkeit werden. Das sind wir den mehr als 10.000 Menschen schuldig, die voller Hoffnung auf ein Organ warten. Jeder sollte daher für sich eine Entscheidung treffen und diese auf dem Organspendeausweis dokumentieren.

Jens Spahn

Alle wollen es, die wenigsten tun es

Damit will der Gesundheitsminister die Organspende zum Normalfall statt zum Ausnahmefall machen. Ein Gesetz soll es aber erstmal nicht geben. Jens Spahn will das Thema erstmal nur diskutieren und auf ein Problem aufmerksam machen. Nach einer aktuellen Umfrage sehen 84 Prozent der Befragten die Organspende positiv. Den dafür nötigen Ausweis haben aber erst 36 Prozent – obwohl die Krankenkassen ihre Mitglieder zu dem Thema anschreiben.

Grafik zum Thema um wieviel die Zahl der Organspender seit 2010 zurückgegangen ist.
Bildrechte: Lars Weise/MDR SACHSEN-ANHALT

Skandale erschüttern das Vertrauen

Ein Grund für die mangelnde Spendenbereitschaft der Deutschen ist der Skandal von 2012. Damals war herausgekommen, dass Kliniken Wartezeiten für die Transplantation manipuliert hatten. Auch die Sorge vieler Menschen, für eine Organspende zu früh tot erklärt zu werden, konnten Medizin und Politik nicht komplett ausräumen. Zudem fehlen in vielen Kliniken die für die Organspende nötigen Voraussetzungen, kritisieren Mediziner immer wieder: Es fehlt Personal, um Spender ausfindig zu machen oder den Hirntod potentieller Spender festzustellen. Das will Gesundheitsminister Jens Spahn aber auch angehen.

Mediziner: Situation in Deutschland nicht hinnehmbar

Was sagen Mediziner, zu deren Arbeitsalltag Organspenden gehören? Prof. Dr. Paolo Fornara ist Chefarzt der Transplantationsabteilung an der Uniklinik Halle. Er hat in diesem Jahr bereits mehr als 40 Nieren transplantiert. Der Mediziner findet es nicht hinnehmbar, dass Patienten in Deutschland sechs, sieben und mehr Jahre auf eine Spenderniere warten müssen.

Der Durchschnitt in Europa – ohne Deutschland – liegt bei etwa 25 Spendern pro eine Million Einwohner. Deutschland hat neun Spender pro Million Einwohner. Im internationalen Vergleich belegt Deutschland im Transplantverbund den letzten Platz. Der Transplantverbund ist das europäische Vergabesystem aus rund der Hälfte aller europäischen Länder.

Prof. Dr. Paolo Fornara | Uniklinik Halle

Ein Schritt in die richtige Richtung

Aus seiner Sicht ist die vom Gesundheitsminister angedachte Widerspruchslösung ein Schritt in die richtige Richtung. Wichtig sei aber auch, Krankenhäuser besser für Organspenden zu bezahlen. Nur so könnten sie das dafür geschulte Personal und die aufwendige Technik finanzieren. Das sieht Dr. Harald Seidel ähnlich. Er kümmert sich am Uniklinikum in Halle um Dialysepatienten. Der Mediziner setzt sich ebenfalls für die Widerspruchslösung ein. Die zwinge Menschen, sich aktiv mit einem für sie unangenehmen Thema auseinanderzusetzen: Was soll nach meinem Tod mit meinem Körper und meinen Organen passieren?

Ich sage es mal sehr hart: Es ist natürlich nicht so, dass ein Krankenhaus am Tod eines Menschen verdienen soll. Aber, wenn man eine Organentnahme macht, bedeutet das einen großen technischen und personellen Aufwand. Man braucht die teuersten Einrichtungen die es gibt, einen Platz auf der Intensivstation, Operationskapazitäten. Und dann braucht man wenigstens eine Pauschale, die diese Grundkosten für das Krankenhaus deckt.

Dr. Harald Seidel | Uniklinik Halle

So regeln andere Länder Organspenden

Videoreportage: Organspende - Mein Leben auf der Warteliste. 9 min
Videoreportage: Organspende - Mein Leben auf der Warteliste. Bildrechte: MDR JUMP

Die Organspende ist innerhalb Europas unterschiedlich geregelt. Die deutsche Regelung wird als "Entscheidungslösung" bezeichnet. Organe dürfen nur entnommen werden, wenn vorher zugestimmt wurde. Dafür erhalten Krankenversicherte regelmäßig Infomaterial und Spenderausweisvordrucke von ihren Kassen.

Bei der "Erweiterten Zustimmungslösung" in Dänemark, Großbritannien, der Schweiz oder den Niederlanden muss der Spender zu Lebzeiten ausdrücklich erklärt haben, dass er als Spender zur Verfügung steht. Die Angehörigen können allerdings auch bei Nichtvorhandensein dieser Erklärung ihre Zustimmung zur Spende erteilen.

In anderen Ländern wie Frankreich, Italien, Tschechien, Polen, Österreich und Spanien gilt die "Widerspruchslösung". Hier wird jeder Verstorbene automatisch als Spender angesehen, es sei denn, er hat zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen. In einigen Ländern haben die Angehörigen das Recht, einer Organentnahme bei der verstorbenen Person zu widersprechen, sollte keine Entscheidung der verstorbenen Person vorliegen. Diese "Widerspruchsregelung mit Einspruchsrecht" gilt beispielsweise in Belgien, Finnland, Norwegen und Kroatien.

Das sollten Urlauber wissen

Grundsätzlich gilt beim Umgang mit der Organspende immer die gesetzliche Regelung des Landes, in dem man sich gerade aufhält. Touristen könnten also im Ausland ungewollt zu Spendern werden.

Eine Hand hält einen Organspendeausweis.
Bildrechte: IMAGO

Erfahrungsgemäß werden immer noch einmal die Angehörigen nach dem vermuteten Willen des Verstorbenen gefragt. Daher ist es hilfreich, einen ausgefüllten Organspendeausweis bei sich zu tragen – am besten auch in der Sprache des jeweiligen Aufenthaltslandes.

Birgit Blome | Deutsche Stiftung Organtransplantation

Wie wird der Hirntod festgestellt? Viele befürchten, ihnen könnten Organe entnommen werden, obwohl ihr Leben doch noch nicht ganz zu Ende ist. Dazu sagte Prof. Manfred Wirth von der Klinik für Urologie am Dresdner Uni-Klinikum im MDR: "Es wird niemandem ein Organ entfernt, wenn er nicht sicher hirntot ist. Dazu gibt es in Deutschland ganz genaue Kriterien." Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer muss ein möglicher Spender unabhängig voneinander durch zwei erfahrene Ärzte untersucht werden. Beide dürfen weder an der Entnahme noch an der Weitergabe der Organe beteiligt sein. Die Mediziner müssen feststellen, dass die Funktionen von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm unumkehrbar ausgefallen sind. Herz- und Kreislauffunktionen des Patienten werden dabei künstlich aufrechterhalten.

Organspende: Erkunden Sie hier, welche Organe transplaniert werden können!

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 08. November 2018 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2018, 11:38 Uhr

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