85-facher Mord Patientenmörder Högel erneut zu lebenslanger Haft verurteilt

BRISANT | 06.06.2019 | 17:15 Uhr

Die Mordserie dürfte die größte der Nachkriegsgeschichte in Deutschland sein: Das Landgericht Oldenburg hat den Serienmörder und Ex-Krankenpfleger Niels Högel wegen 85-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Zugleich stellte die Kammer am Donnerstag (06.06.) die besondere Schwere der Schuld fest, was eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren in der Praxis so gut wie ausschließt.

Niels Högel
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43 Taten gestanden

"Herr Högel, das Verfahren und die Taten sprengen jegliche Grenzen und überschreiten jeglichen Rahmen", sagte Richter Sebastian Bührmann zu dem Angeklagten. Högel war wegen 100 Morden angeklagt. In 15 Fällen sprach ihn das Gericht somit frei. Högel selbst hatte 43 Taten gestanden.

1275 Jahre Haft in den USA

Mit dem Urteil ging nach rund sieben Monaten ein Prozess zu Ende, der im In- und Ausland viel Beachtung fand. "Ihre Schuld ist unumfassbar", sagte Bührmann. Die Hände würden einfach nicht zusammenkommen, so groß sei die Schuld. Zur Veranschaulichung verwies Bührmann auf das Rechtssystem in den USA, wo anders als in Deutschland Einzelstrafen addiert würden. Bei 85 Morden und 15 Jahren wären dies 1275 Jahre, so Bührmann. "Das gibt eine Ahnung von dem, was ich unfassbar nenne." Högel habe Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr getötet. Jeder einzelne Fall wurde vor Gericht behandelt.

Ich kam mir vor wie ein Buchhalter des Todes.

Richter Sebastian Bührmann

Ein Schild steht vor der Justizvollzugsanstalt in Oldenburg.
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"Tatsache ist: Manchmal reicht die schlimmste Fantasie nicht aus, um die Wahrheit zu beschreiben", so Bührmann weiter. Der menschliche Verstand müsse da kapitulieren. Es sei nicht gelungen, alle Antworten zu finden. "Ein Teil des Nebels, der über diesem Verfahren liegt, können wir nicht lichten. Das erfüllt uns selber auch mit einer gewissen Trauer."

Zuvor schon zu lebenslanger Haft verurteilt

Högel, der unter anderem wegen zweifachen Mordes an Patienten schon 2015 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, hatte seine Opfer zwischen 2000 und 2005 mit Medikamenten zu Tode gespritzt. Dabei brachte er in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst in Niedersachsen Patienten mit verschiedenen Substanzen in lebensbedrohliche Lagen, um bei der notwendigen Reanimierung Lob von seinen Kollegen zu bekommen. Viele Patienten überlebten das nicht. Aufgrund von vorangegangenen Verurteilungen sitzt Högel bereits seit 2009 im Gefängnis.

Högel ist schuldfähig

Ein Gutachter hatte dem Ex-Pfleger Schuldfähigkeit attestiert, zugleich aber auffällige Persönlichkeitsstörungen festgestellt. Högel zeige Anzeichen von Störungen, diese seien aber nicht so ausgeprägt wie bei psychisch Kranken. Högel fehle es an Scham, Schuld, Reue und Empathie, hatte der psychiatrische Gutachter Henning Saß Ende April gesagt.

Entschuldigung des Mörders

Am Mittwoch hatte sich Högel in seinem letzten Wort bei den Angehörigen seiner Opfer entschuldigt. Er sprach von Reue und Scham. Es sei ihm während des Prozesses klar geworden, wie viel unendliches Leid er durch seine "schrecklichen Taten" verursacht habe.

Fragen und Antworten zum Urteil

Was bedeutet lebenslange Haft? Durchschnittlich läuft eine lebenslange Strafe auf etwa 20 Jahre Haft hinaus. Die Spanne ist allerdings groß: In seltenen Fällen kommen Verurteilte noch vor Ablauf von 15 Jahren frei, dies nur im Fall von Begnadigungen. In anderen Fällen reicht die Haft bis ans Lebensende, wie etwa beim Serienmörder Heinrich Pommerenke, der bis zu seinem Tod im Jahr 2008 rund 49 Jahre hinter Gittern verbrachte. Eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung wurde ihm wegen des hohen Sicherheitsrisikos, das von ihm ausging, verwehrt.

Wie wirkt sich die besondere Schwere der Schuld aus? Stellt das Strafgericht bei einem Täter die besondere Schwere der Schuld fest, etwa weil ein Mord besonders grausam war oder sexuelle Neigungen eine Rolle spielten, ist eine Strafaussetzung zur Bewährung in der Regel frühestens nach 17 Jahren möglich. Das Gericht legt dann nach Ablauf der 15-Jahresfrist fest, wie viele Jahre seiner Strafe der Verurteilte noch wegen seiner Schuld verbüßen muss. Eine feste Obergrenze gibt es dabei nicht.

Was bedeutet Sicherungsverwahrung? Sicherungsverwahrung ist keine Strafe. Sie wird im Urteil verhängt oder ihre Anordnung vorbehalten, wenn die Gesellschaft etwa vor hochgefährlichen Sexualstraftätern auch nach deren Haftverbüßung geschützt werden soll. Diese Täter müssen in Einrichtungen untergebracht werden, die sich deutlich von regulären Gefängnissen unterscheiden. Auch Sicherungsverwahrte müssen zudem Hoffnung auf Freiheit haben können. Die Fortdauer der Verwahrung muss deshalb jährlich überprüft werden. Nach zehn Jahren ist die Sicherungsverwahrung zu beenden, sofern nicht weitere erhebliche Straftaten drohen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 06. Juni 2019 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2019, 18:30 Uhr

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