Käufliche Liebe in Corona-Zeiten Sollte Prostitution verboten werden?

Sie gilt als das älteste Gewerbe der Welt. In Zeiten der Corona-Pandemie streng verboten, steht die Prostitution in Deutschland jetzt generell auf dem Prüfstand. In einem Brief an die Ministerpräsidenten der Länder fordern 16 Palarmentarier des Bundestags ihre Abschaffung. Eine gute Idee? Und wie kann man sie umsetzen?

Prostitution
In Corona-Zeiten strengstens untersagt: Sollte Prostitution auch künftig verboten werden? Bildrechte: imago images/Hans Lucas

Corona als Chance: Abschaffung von Prostitution

Angesichts der coronabedingten Schließung von Prostitutionsstätten fordert eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten von Union und SPD ein Sexkaufverbot und Ausstiegsprogramme für Prostituierte. Der in der Corona-Krise verhängte Shutdown für Prostitution dürfe nicht gelockert werden, fordern die Abgeordneten in einem Brief an die Regierungschefs der Länder.

Die Politiker befürchten Infektionsherde, die eine erneute Corona-Welle verursachen könnten. Dass sexuelle Handlungen nicht mit Social Distancing vereinbar sind, liegt auf der Hand. Ebenso, dass kaum ein Freier seine Kontaktdaten im Bordell hinterlegen würde, um eventuelle Infektionsketten transparent zu machen. Doch das ist nicht der einzige Grund, der die Abgeordneten antreibt.

Politiker sehen Prostitution als Zwangsprostitution

Offiziell gibt es in Deutschland 33.000 behördlich registrierte und damit legal arbeitende Prostituierte. Doch die Dunkelziffer ist deutlich höher. Insgesamt sollen bis zu 400.000 Menschen vom Verkauf ihrer Körper leben. Aus Sicht der Politiker in den meisten Fällen eine menschenunwürdige, zerstörerische und frauenfeindliche Tätigkeit, zu der die (zumeist) Frauen gezwungen würden.

Die derzeitige Schließung der Prostitutionsstätten bestätige, dass diese Frauen keine eigene Existenz hätten: keine Anmeldung, keine Wohnung und keine Krankenversicherung - und damit ihren Zuhältern ausgeliefert seien.

Josefa Nereus 3 min
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Mi 20.05.2020 18:41Uhr 03:01 min

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Das nordische Modell - eine Perspektive?

Den Ministerpräsidenten legt die Gruppe die Einführung von Ausstiegshilfen nach dem sogenannten nordischen Modell nahe. Das entkriminalisiert die Prostituierten, holt sie aus der Illegalität - und bietet ihnen alternative Perspektiven.

Für den deutschen Fall wären das Sprachkurse für die - überwiegend aus Osteuropa stammenden - Sex-Arbeiterinnen, eine Wohnung, Gesundheitsversorgung und Traumatherapien. Kriminalisiert werden dagegen diejenigen, die die Frauen für sich arbeiten lassen - und diejenigen, die sie kaufen.

Politik nutzt Corona-Krise, um Prostitution zu verbieten

Ein Modell, an das Johanna Weber, Sprecherin des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V., nicht glaubt. Sie denkt, dass die Corona-Krise seitens der Politik ausgenutzt wird, um sich eines (lästigen) Themas zu entledigen. Zwar räumt Weber ein, dass es durchaus Frauen gebe, für die Prostitution zum Erwerb des Lebensunterhalts alternativlos sei, doch genau diesen Frauen sei durch ein nordisches bzw. schwedisches Modell nicht zu helfen.

Johanna Weber 5 min
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Johanna Weber, Sprecherin des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. Politik nutzt Corona-Krise aus, um Prostitution abzuschaffen

Politik nutzt Corona-Krise aus, um Prostitution abzuschaffen

Mi 20.05.2020 18:43Uhr 04:53 min

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Darüber hinaus sei Prostitution auch in Corona-Zeiten machbar. Hygienemaßnahmen würden auch im "normalen Alltag" umgesetzt. Zwar seien derzeit nicht alle Sexualpraktiken möglich, doch mit Abstand und Mundschutz könnten sowohl die Prostituierten als auch ihre Kunden das Gewerbe am Leben erhalten.

Kann Prostitution freiwillig sein und Spaß machen?

Das Bild einer selbstbewussten Domina, die sich ihre Kunden selbst aussucht, kann das durchaus suggerieren. Doch die Realität sieht oft anders aus. Viele Frauen prostituieren sich nicht freiwillig, sondern weil sie keine andere Chance sehen, nicht nur für sich, sondern auch für andere finanziell sorgen müssen.

Und: Selbst im legalen Bordellbetrieb darf sich kaum eine Prostituierte ihren Freier aussuchen. Auch in Sachen Liebesspiel geht es darum, SEINE Wünsche zu erfüllen. Die Sexualität der Frau spielt dabei keine Rolle.

rau in Stiefeln und Minirock am Straßenstrich neben einem Auto
Die meisten Frauen arbeiten nicht als Prostituierte, weil es ihnen Spaß macht, sondern weil sie keine andere Chance haben. Bildrechte: imago images/Michael Eichhammer

Wieviel Prostitution braucht eine Gesellschaft?

Laut "Terre des Femmes": keine! Denn die Notwendigkeit von Prostitution, um unerwünschte sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen zu verhindern, fußt auf der Annahme, dass Männer einen stärkeren Sexualtrieb als Frauen haben. Doch genau das ist weder wissenschaftlich belegt noch moralisch vertretbar. Denn das würde bedeuten, einzelne Prostituierte zu "opfern", damit andere Frauen unversehrt bleiben können.

Sexualtherapeutin Dr. Carla Pohlink bringt eine andere Sichtweise ins Spiel. Sie lehnt ein Prostitutions-Verbot zum jetzigen Zeitpunkt ab. Nach wie vor gebe es viele Männer, die sich über ihre Sexualität definieren und mangels "passender" Partnerin Prostitution in Anspruch nehmen würden. Der Bedarf sei also da. Dürfe der nicht legal befriedigt werden, würde das Elend illegaler Sexarbeiterinnen weiter befördert. Sinnvoll und notwendig sei es, zunächst ein Umdenken in Sachen Männer-Frauen-Intimität bei der nachwachsenden Generation herbeizuführen, damit käuflicher Sex gar nicht mehr notwendig ist.

Dr. Carla Pohlink 3 min
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Quellen: dpa, frauenrechte.de

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 20. Mai 2020 | 17:15 Uhr

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