"Aufstand der Letzten Generation" Erneute Blockade der A 100: Was fordern die Klimaaktivisten?

Seit Wochen blockieren sie deutschlandweit Straßen, Autobahnen und Autobahnauffahrten, tragen Banner mit dem Slogan "Essen retten - Leben retten": Klimaaktivisten vom "Aufstand der letzten Generation". Was wollen die Aktivistinnen und Aktivisten mit ihren Aktionen bezwecken - und was hat Lebensmittelverschwendung überhaupt mit der Klimakrise zu tun? Ein Überblick.

Aktivisten der Gruppe «Aufstand der letzten Generation» blockieren die Stadtautobahn 100 (A100) unweit der Beusselstraße
Blockade der Stadtautobahn A 100 in Berlin durch Klimaaktivisten der Initiative "Aufstand der letzten Generation". Bildrechte: dpa

"Fridays for Future" und "Extinction Rebellion" sind zwei Bewegungen, die sich für ein Umdenken in der Klimapolitik stark machen. Ein Ziel, das auch die Klimaaktivisten von "Aufstand der letzten Generation" verfolgen, damit jedoch bislang für deutlich weniger Schlagzeilen gesorgt haben. Zumindest bis jetzt.

Die Initiative sieht sich ihrer Selbstdarstellung im Netz zufolge als "letzte Generation, die die unumkehrbare Vernichtung unserer Lebensgrundlagen und damit unserer Zivilisation stoppen kann".

Seit einigen Wochen blockieren die "neuen" Klimaaktivisten immer wieder Straßen, Autobahnauffahrten und Autobahnen in Berlin, Hamburg und Stuttgart. "Essen retten - Leben retten" steht auf ihren Bannern. Wer motorisiert ist, für den gibt es kein Durchkommen mehr - auch nicht für Feuerwehr, Polizei oder Krankenwagen. Wo normalerweise Autos über den Asphalt rollen, werden Lebensmittelabfälle verteilt. Und damit sie nicht allzu schnell "entfernt" werden können, kleben sich einige Protestierende an der Fahrbahn fest. Aktionen, mit denen die Initiative ihren Forderungen Nachdruck verleihen will - und bei Autofahrern für großen Unmut sorgt.

Was genau wollen die Aktivistinnen und Aktivisten mit ihrem Protest bezwecken - und was hat Lebensmittelverschwendung überhaupt mit der Klimakrise zu tun?

Klimaaktivisten der Gruppe "€žAufstand der letzten Generation" sitzen auf der Fahrbahn der Autobahn A100 vor der Ausfahrt Beusselstrasse, um gegen Lebensmittelverschwendung zu protestieren.
Die Aktivisten machen sich für ein Essen-Retten-Gesetz nach dem Vorbild Frankreichs stark. Bildrechte: dpa

"Aufstand der letzten Generation" - das fordern die Umweltaktivisten

Durch die Straßenblockaden will die Initiative "Aufstand der letzten Generation" mit aller Macht ihre Forderungen durchsetzen. Die erste lautet: "Unser Essen retten!". Mit einem Essen-Retten-Gesetz nach dem Vorbild Frankreichs soll die neue Bundesregierung große Supermärkte dazu verpflichten, noch genießbares Essen zu spenden, fordern die Aktivisten. Das soll gegen den Welthunger helfen und obendrein den CO2-Ausstoß reduzieren.

"Unser Leben retten!" lautet die zweite Forderung des "Aufstands der letzten Generation". Innerhalb der ersten 100 Tage ihrer Amtszeit solle die neue Bundesregierung Maßnahmen beschließen, die eine Agrarwende bis zum Jahr 2030 möglich machen. Es sei Aufgabe der Regierung, die Ernährung der deutschen Bevölkerung zu sichern und Erdüberhitzung und Artensterben einzudämmen, formulieren die Aktivisten auf ihrer Internet-Seite.

«Geklebt» steht auf dem Zettel einer Aktivistin der Gruppe «Aufstand der letzten Generation» auf der Stadtautobahn 100 (A100).
Ein Aktivist der Initiative "Aufstand der letzten Generation" hat sich auf der Berliner Stadtautobahn A 100 festgeklebt. Bildrechte: dpa

Was hat Lebensmittelverschwendung mit dem Klimawandel zu tun?

Dass es einen Zusammenhang zwischen Lebensmittelverschwendung und Klimawandel gibt, damit hat "Aufstand der letzten Generation" prinzipiell Recht. Zehn Prozent aller Treibhausgasemissionen weltweit gehen auf das Konto von Lebensmittelverschwendung, teilt der WWF im Juli 2021 mit. Das ist das Ergebnis der Studie "Driven To Waste", zu Deutsch: "in den Müll getrieben". Laut Studie werden 1,2 Milliarden Tonnen Lebensmittel jährlich weltweit bereits im landwirtschaftlichen Stadium verschwendet.

Diese 1,2 Milliarden Tonnen sind mehr als die insgesamt 931 Millionen Tonnen, die im Lebensmitteleinzelhandel, der Gastronomie und zu Hause alljährlich weltweit in den Müll wandern. Ein Vorgehen, das große Mengen an Geld und Ressourcen verschwendet, die an anderer Stelle fehlen. Energie und Wasser werden in großem Stil und ganz ohne Nutzen vergeudet.

Da Energieproduktion in der Regel zu Treibhausgasemissionen führt, lässt sich ein direkter Zusammenhang zwischen Lebensmittelverschwendung und Klimawandel herstellen. Und: Mehr als ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen soll durch die Lebensmittelproduktion (insbesondere von Fleisch) verursacht werden, zehn Prozent durch Lebensmittelverschwendung. Und von diesen zehn Prozent nur ein vergleichsweise geringer Anteil durch den Lebensmitteleinzelhandel. Weshalb dennoch genau der zur Zielscheibe von "Aufstand der letzten Generation" wird, ist fragwürdig.

Ein Stand im Bremer Viertel an dem Aktivisten der Klimagerechtigkeitsbewegung vor der Mülltonne gerettete Lebensmittel verteilen.
Eine Aktion von "Aufstand der letzten Generation" in Bremen: Aus Containern gerettete Lebensmittel werden verschenkt. Bildrechte: imago images/Stefan Schmidbauer

Lebensmittelverschwendung im privaten Haushalt

In Deutschland sind es einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) aus dem Jahr 2019 zufolge jährlich 12 Millionen Tonnen Lebensmittel, die im Müll landen. 52 Prozent davon gehen auf private Haushalte zurück. Der private Außer-Haus-Verzehr ist dabei noch gar nicht mitgezählt. Pro Kopf und Jahr sind das etwa 75 kg Lebensmittel, zu denen allerdings auch Nuss- und Obstschalen sowie Knochen zählen.

Zieht man letztere ab, bleiben in den eigenen vier Wänden zahlreiche Lebensmittel, die vorm Müll hätten bewahrt werden können. Ein "Löwenanteil", der in den Forderungen der Aktivisten von "Aufstand der Letzten Generation" nicht thematisiert wird. Dabei könnte gerade im Privaten vieles schnell und unkompliziert erreicht werden. Derweil ziehen die Aktivisten es vor, die Straßen zu blockieren und die Politik in die Verantwortung zu nehmen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 08. Februar 2022 | 17:15 Uhr

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