Corona-Pandemie Werden die Deutschen übermütig? - Was bedeutet der Anstieg der R-Zahl?

Die sogenannte Reproduktionszahl ist der umstrittenste Wert der Corona-Pandemie. Derzeit liegt er in Deutschland bei 1,1. Was diese Zahl bedeutet und ob sie ein Alarmzeichen darstellt, klären wir hier!

Ein Arzt hält Corona-Tester in der Hand
Die Reproduktionszahl steigt - ein Grund zur Besorgnis? Bildrechte: imago images/CTK Photo

Was bedeutet die R-Zahl?

Die Reproduktionszahl ist die Anzahl der mit Corona infizierten Menschen, die durchschnittlich andere, noch gesunde Menschen anstecken. Dieser Wert lässt sich nur durch statistische Verfahren schätzen. Zudem basiert er auf Daten, die bis zu acht Tage alt sind.

Am Mittwoch, dem 6. Mai lag der Wert bei 0,65 - dem niedrigsten Wert seit Wochen. Am Samstagabend (9. Mai) meldete das Robert-Koch-Institut, dass die R-Zahl auf 1,1 gestiegen sei. Heißt: Ein mit dem Corona-Virus Infizierter steckt mehr als einen anderen an. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte immer davor gewarnt, dass die Zahl nicht über 1,0 liegen dürfe.

Geschäfte, Restaurants und Cafés machen wieder auf, das Wetter lädt zum Bummeln ein, die strikte Kontaktsperre ist ebenfalls gelockert. Werden die Deutschen nun zu übermütig?

Virologe Jonas Schmidt-Chanasit von der Uni Hamburg gibt Entwarnung. Wichtig sei der langfristige Trend. Wenn die R-Zahl über ein oder zwei Wochen bei deutlich über 1 liege, müsste man genauer hinschauen, sagte er der "Bild"-Zeitung. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) betont, dass man neben dem R-Wert immer auch die Zahl der Neuinfektionen und die Schwere der Erkrankungen berücksichtigen müsse.

Menschen im Café.
Bald wieder Realität: Menschen im Café. Bildrechte: imago images / Bildbyran

Wie wird die R-Zahl berechnet?

Virologen gehen davon aus, dass ein Mensch besonders innerhalb der ersten vier Tage seiner (noch bis dahin unentdeckten) Corona-Infektion andere Menschen anstecken kann. Aus diesem Grund wurde das bundesweite Kontaktverbot erlassen.

Wenn jeder Mensch im Durchschnitt zwei andere Menschen ansteckt, dann spricht man von R = 2. Die Anzahl der neuen Infektionen verdoppelt sich jeweils nach vier Tagen.

  • Wenn R größer als 1 ist, beitet sich das Virus aus
  • Wenn R bei genau 1 liegt, ist die Anzahl täglicher Neuinfektionen konstant
  • Wenn R kleiner als 1 ist, geht die Epidemie zurück

Die Schätzung für Anfang März ergab einen Wert von 3, der danach allmählich sank, und sich etwa seit dem 22. März um 1 stabilisiert hatte. Am 9. April lag der Wert von R erstmals bei 0,9. Seitdem gibt es Schwankungen rund um den Wert 1.

Warum ist die Reproduktionszahl wichtig für die Krankenhäuser?

Geschätzt brauchen zwei bis sechs Prozent der Covid-19-Patienten ein Intensivbett mit Beatmung, auf dem sie zwischen zehn und 20 Tage liegen.

Im besten Falle brauchen nur zwei Prozent der Infizierten eine Intensivbehandlung, die zehn Tage dauert. Dann ist die Grenze von 10.000 Betten bereits bei einer Reproduktionszahl von 1,25 über einen längeren Zeitraum hinweg erreicht. Schlimmstenfalls brauchen sechs Prozent der Infizierten ein Intensivbett für 20 Tage - und hier ist schon eine Reproduktionszahl von 1,1 kritisch.

Weiterhin gilt:

Die Kontaktbeschränkungen werden bis 5. Juni verlängert - wenn auch etwas gelockert. Künftig dürfen sich auch Angehörige von zwei Haushalten treffen.

Der Mund-Nase-Schutz bleibt im ÖPNV und beim Einkaufen Pflicht.

Regelmäßiges gründliches Händewaschen mit Seife kann vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus schützen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 10. Mai 2020 | 17:00 Uhr

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