Adipositas Letzter Ausweg Magenverkleinerung - Prof. Runkel erklärt die Details

Jeder vierte Erwachsene in Deutschland ist stark oder sogar krankhaft übergewichtig - Tendenz steigend. Für einige von ihnen ist eine operative Magenverkleinerung die letzte Chance. Wir haben mit Prof. Dr. Norbert Runkel über die Details gesprochen. Der Chefarzt des Sana Klinikums Offenbach operierte auch Reiner Calmund.

Operation in einem Krankenhaus
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Wann ist ein operativer Eingriff angeraten?

Viele Betroffene schaffen es trotz Diät oder Bewegung nicht, ihr starkes Übergewicht dauerhaft loszuwerden. Dann besteht der Ausweg oft nur in einer Magen-Operation. "Die Operation wird dann durchgeführt, wenn die konservative, nichtoperative Therapie ausgeschöpft ist", sagt Prof. Dr. Norbert Runkel. Der Chefarzt des Sana Klinikums Offenbach hat Reiner Calmund operiert. Durch den Eingriff wird das Magenvolumen stark reduziert. Die Betroffenen essen weniger, in der Folge purzeln die Pfunde. 

Welche OP-Methoden gibt es?

Unterschieden werden drei Gruppen von Operationen, die den Magen verkleinern, erklärt Prof. Runkel. "Beim Schlauchmagen wird etwa 80 oder 90 Prozent des Magens weggenommen. Das Reservoir wird verkleinert, der Magen zu einem Schlauch umfunktioniert. Er hat nur noch eine kleine Kapazität und man isst nur noch Mengen wie ein kleines Kind. Der Darm selbst wird dabei nicht verändert. Das heißt die Verdauung bleibt ungestört."

Dann gibt es noch das Magenband und das Magenbypass-Verfahren, eine Kombination aus Magenverkleinerung und Darmmanipulation. "Hier wird ein kleiner Magen gebildet, der sogenannte Pouchbeutel. Der wird mit dem Dünndarm verbunden, sodass das Essen schnell in den Dünndarm hineingeht. Ein großer Teil des Dünndarms ist dabei bei der Nahrungsaufnahme ausgeschaltet. Die Verdauungstrecke wird also verkürzt." Das sind laut Prof. Runkel "sehr potente, sehr effektive Verfahren" – insbesondere, wenn Stoffwechselstörungen wie Diabetes Mellitus oder Fettstoffwechselstörungen vorliegen.

Wie wird entschieden, welches Verfahren angewandt wird?

Welche Methode für den jeweiligen Patienten die optimale ist, das liegt an vielen Faktoren: Alter, Zustand, Essverhalten, Folgeerkrankungen. "Wir unterhalten uns mit dem Patienten und versuchen, in dem Gespräch und mit den vorliegenden Untersuchungsergebnissen individuell eine Operation für den Menschen herauszufinden, die am besten wirkt."

Prof. Dr. Norbert Runkel, Chefarzt Sana Klinikum Offenbach
Prof. Dr. Norbert Runkel, Chefarzt Sana Klinikum Offenbach Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Die Patienten haben einen langen Leidensweg hinter sich. Die meisten Patienten haben über Jahrzehnte versucht, mit unzähligen Diäten ihr Gewicht zu kontrollieren. […] Diese Menschen sind so verzweifelt, dass die Operation eine völlige Umkehr des Lebens bewirkt und sie freuen sich auf die Operation.

Prof. Dr. Norbert Runkel

Werden die Kosten für den Eingriff von den Krankenkassen übernommen?

Laut Bundessozialgericht erfolgt die Kostenübernahme einer Adipositas-Operation durch die gesetzlichen Krankenkassen nur als "Ultima ratio", also erst wenn nichts anderes mehr hilft. Vor allem wegen der hohen Folgekosten zögern die Krankenkassen bei einer Bewilligung der Kostenübernahme. Des Weiteren muss der BMI über 40 liegen (Adipositas Grad 3) oder zwischen 35 und 40 (Adipositas Grad 2) mit zusätzlichen Erkrankungen wie Diabetes, Herzerkrankungen oder Schlafapnoe. Eine Schwangerschaft oder eine Stoffwechselerkrankung dürfen nicht vorliegen. Der Antragstellung zur Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen müssen ein ärztliches Attest und verschiedene Unterlagen beigefügt werden, darunter Bescheinigungen über die Teilnahme an Abnehmprogrammen und Sportkursen sowie ein Ernährungstagebuch. Um ernsthafte Bereitschaft zu zeigen, darf ein Motivationsschreiben nicht fehlen.

Adipositas Grad 2 oder 3 sprich ein BMI über 35 bzw. über 40 ist eine progressive Erkrankung die sich verschlechtert und zunehmend auch Folgeerkrankungen hat. Sie ist so gefährlich, dass sie eine schlechtere Lebensprognose hat als frühe Krebsstadien. Man stirbt an der Adipositas auf lange Sicht insbesondere an Gefäßerkrankungen.

Prof. Dr. Norbert Runkel

Stichwort: BMI Der Body-Mass-Index (BMI) ist eine Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Menschen in Relation zu seiner Körpergröße.

BMI
Kategorie BMI (kg/m²)  
Untergewicht < 18,4  
Normalgewicht 18,5 – 24,9  
Präadipositas 25 – 29,9  
Adipositas Grad I 30 – 34,9  
Adipositas Grad II 35 – 39,9  
Adipositas Grad III ≥ 40  

Was bewirkt die Operation?

Die Operation hat das Ziel, den Lebensstil des Menschen zu verändern. "Stellen Sie sich einen Patienten vor, der 150 oder 160 Kilogramm wiegt. Der kann keinen Sport machen, weil er körperlich so eingeschränkt ist. Erst durch die Operation, durch den massiven Gewichtsverlust, kann er seine Bewegungsaktivität steigern", sagt Prof. Runkel. Ein Mensch, der kein Sättigungsgefühl hat und große Portionen isst, könne erst dann seinen Hunger und seine Sättigung beherrschen, wenn der Magen klein ist. "Die Operation bewirkt die Eigenkontrolle von Hunger und Sättigung und ermöglicht dem Patienten, die Bewegung durchzuführen", erklärt Prof. Runkel.

Wenn die Patienten nach vier Wochen wiederkommen und die ersten 15 Kilogramm verloren haben, nach drei Monaten 20 oder 30 Kilogramm, dann haben die Menschen das erste Mal das Gefühl, seit Jahrzehnten Herr über sich selbst zu sein und ihr Schicksal bestimmen zu können. Das ist ein unglaublich schönes Gefühl, den Menschen diese Kraft zu geben.

Prof. Dr. Norbert Runkel

Wie geht es nach dem Eingriff weiter?

Eine Ernährungsberatung soll dem Patienten nach der Operation zeigen, wie er sich optimal ernährt, um keine Defizite zu haben. Und er wird motiviert, sich zu bewegen. Zudem gibt es Standards, die die Nachbehandlung festlegen. Diese sind bundesweit auch in den Leitlinien festgelegt. Im ersten Jahr nach der Operation finden alle drei Monate Nachuntersuchungen statt, im zweiten Jahr halbjährlich und ab dem dritten Jahr jährlich.

Wie sind die Ziele definiert?

Es gibt wissenschaftlich gut fundierte Daten, was man mit den Operationstechniken erreichen kann. "Wir wollen auf jeden Fall 50 Prozent des Übergewichts verringern. Schlank werden die Patienten nicht. Wenn wir Patienten auf schlank operieren, dann müssen wir zu viele Nebenwirkungen in Kauf nehmen - wie Mangelerscheinungen etwa", sagt Runkel. "Die Patienten bleiben nach der Operation übergewichtig. Das sagen wir ihnen und das akzeptieren die Patienten auch. Es geht ja um die Gesundheit. Grob können wir sagen, wir erreichen durch moderne Operationstechniken eine Verringerung des Übergewichts von 60 bis 80 Prozent und, was noch wichtiger ist, eine Verbesserung der Mobilität, einen Rückgang des Diabetes Mellitus und anderer Stoffwechselerkrankungen um mehr als 50 Prozent."

Das Ziel der Operation ist eine dauerhafte Lebensstilumstellung, eine dauerhafte Lebensstilverbesserung.

Prof. Dr. Norbert Runkel

Gibt es Altersbeschränkungen für eine Magen-OP?

"Die Altersgrenze von etwa 60 Jahren, die es traditionell gab, ist völlig aufgehoben", sagt Runke.

Wann würden Sie von einer Magen-OP abraten?

"Es ist eine Operation wie andere Operationen auch, die Komplikationen mit sich führen können - wenn auch wenige - und auch Nebenwirkungen hat. Es muss eine Risikoabwägung sein. Zweitens müssen wir von dem Patienten das Mitmachen nach der Operation erwarten. Der Patient muss also in die Operation hineingehen, um später auch die Konsequenzen zu tragen. Wenn er nicht fähig ist, das zu verstehen oder unwillig ist, das zu machen, dann würden wir abraten", sagt Prof. Runke.  Bei Kindern etwa sei er sehr, sehr zurückhaltend. "Die Kinder können die Konsequenzen einer solchen Operation, die ja lebenslang sind, nicht wirklich verstehen. Wir wollen das volle Verständnis des Patienten haben. Das können dann auch die Eltern nicht übernehmen."

Volles Verständnis, volle Einwilligungsfähigkeit und volle Kooperation sind die Voraussetzungen für die Operation.

Prof. Dr. Norbert Runkel

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 04. Februar 2020 | 17:15 Uhr

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